Kinder sollen draußen spielen, sagt Richard Louvs.

»Es ist nicht auszudenken, wie gefährlich die Welt ohne Tiere sein wird«, meinte Elias Canetti. Es sah in ihnen Begleiter der Menschen, die sich zwar gegen Tiere stets abgegrenzt haben, sich aber in Mythen und Geschichten in sie verwandelten. »An dieser Ausbildung der Verwandlung ist der Mensch erst zum Menschen geworden«, schrieb Canetti.

Das sind natürlich keine Sätze für ein Sachbuch, das populär sein will. Und doch, bei Richard Louvs Das letzte Kind im Wald? kommt eine canettische Melancholie auf. Das Buch wurde schon vor Jahren in den USA ein Bestseller, und bei uns wird es das nun hoffentlich auch.

Louv recherchiert jahrelang für seine Bücher, in denen er vor allem ökologische Themen untersucht. Für Childhood’s Future hatte er mehr als 3.000 Kinder und Eltern interviewt, daran knüpft er an. Er weiß, wie indirekt Bildung verläuft. Auf dem direkten Weg werde das Ziel verfehlt, fürchtet er. Bildung sei ein Prozess der Selbstorganisation, das ist seine These. Die Voraussetzungen für das Gelingen setze die Umgebung, das sind die Räume, die Dinge, natürlich die Erwachsenen und die Natur.

Aber was geschieht, wenn die Natur im Alltag kaum noch erfahren wird? Verlieren die Kinder dann, um noch einmal mit Elias Canetti zu sprechen, ihre Verwandlungsfähigkeit? Genau das behauptet Louv. In seiner Sprache: Kinder büßen ihre Kreativität ein. Sie werden um Lebensfreude betrogen. Sie funktionieren womöglich, aber sie verkümmern. Das prangert er an, und er macht Vorschläge. Geben wir unseren Kindern die Natur zurück! So lautet der Untertitel der deutschen Ausgabe, im Original heißt er: Saving our Children from Nature-Deficit Disorder. Nicht die ominöse Aufmerksamkeitsstörung ADHS (Attention Deficit/Hyperactivity Disorder) sei die richtige Diagnose für das Leiden heutiger Kids, sondern der Verlust an Naturerfahrung. »Die Wälder waren mein Ritalin«, bekennt der Autor. Es geht ihm um eine vielfältige, überraschende, nicht fertige Welt.

Bedroht ist, was für Kinder seit Menschengedenken selbstverständlich war. Zum Beispiel so oft wie möglich draußen sein zu wollen. Schon das Wort »draußen« gehört inzwischen nicht mehr zu ihrem Repertoire. Den Ruf anderer Kinder »Kommst du runter?« haben viele noch nie gehört. Sie haben keinen Sommerregen auf ihrer Haut gespürt und noch kein Wasser nach dem Gewitter am Straßenrand gestaut. Kinder, die ohne solche Erlebnisse aufwachsen, haben bloß einen Körper, bald sogar einen narzisstisch aufgeladenen, aber sie wissen nicht, was es heißt, sich selbst und die Welt mit fünf Sinnen zu erfahren. Welt kann für Kinder auch eine Pfütze sein.

Solche Beobachtungen und Überlegungen könnten in ein kulturkritisches Lamento führen. Natur wird dann in hochtrabende Adjektive eingewickelt, und am Ende bleibt es beim Ausflug am Wochenende. Louv fragt, was die Erfahrung in der Natur ausmacht, die »auf unvollkommene Weise vollkommen« ist. Die größer ist als wir. In der ein ekstatisches Gefühl von Zugehörigkeit entstehen kann. Die schon die Kleinsten herausfordert, über sich hinauszugehen. Louv sieht darin »Transzendenz«. Man müsse nicht religiös sein, um in der Natur Demut und Dankbarkeit zu empfinden und Glück, diese unvollkommene Weise, vollkommen zu sein.

Kinder , die in geschlossenen Räumen aufwachsen, werden um all das betrogen. Fernsehen und andere Bildschirme muss man nicht verdammen, aber sie evozieren eben nur den Fernsinn. Es bleibt bei Simulationen. Kein Kind erlebt dort Gegenstände in ihrer Widerständigkeit. Es gibt viel Erregung, aber nichts, was dazwischenkommt und woran sich ihr Eigensinn aufrichten könnte. Konrad Lorenz hatte für diese komfortable Verarmung ein böses Wort: »die Verhausschweinung des Menschen«. So was kommt Louv nicht über die Tasten, aber er beschreibt die Wellen der Domestizierung. Die Farmbewohner sind im Laufe eines Jahrhunderts von 40 auf 1,9 Prozent der Bevölkerung geschrumpft. Auch als die meisten Menschen bereits in Städten wohnten, hatten sie aber gewöhnlich noch familiäre Bindungen zum Land. Die Kinder kamen doch noch irgendwann zu einer Initiation im Matsch, unter Sternen, im Baumhaus, in Höhlen, barfuß, unbeaufsichtigt und draußen.

Was ist zu tun, um einer verklumpten Kindheit wieder Spielräume zu geben?

Den Spuren der Erfinder und Erneuerer wie Thomas Alva Edison oder Benjamin Franklin folgt Louv zurück zu den Seen, Wäldern und Feldern ihrer Kindheit. Man könnte auch Einstein anführen, der auf die Frage, welchem Umstand er sein Genie verdanke, antwortete, »dass ich immer das ewige Kind geblieben bin«.

Louv gibt einen interessanten, leider nur angedeuteten Hinweis, was den Erfindergeist in der Kindheit fördert, »Loose-parts«. Das Wort bleibt im Buch unübersetzt. Gemeint ist frei verfügbares Material . Dinge, die sich neu arrangieren lassen, Dinge, die, man muss es wiederholen, auf unvollkommene Weise vollkommen sind. Anders als die Prothesen, die heute die Kinderzimmer füllen.

Und nun? Was ist zu tun, um einer verklumpten Kindheit wieder Spielräume zu geben? Den Masterplan hat auch Louv nicht, das Buch wird im letzten Drittel, wenn es um Abhilfe geht, schwächer. Das ist der Ohnmacht geschuldet, aber auch dem Versuch, sie etwas vorschnell mit großen Worten (»die spirituelle Notwendigkeit von Natur für die Jugend«) und Ratschlägen (»Helfen Sie, Stadtparks zu renaturalisieren«) zu vertreiben. Wie bei jedem guten Buch über Bildung führen wir bei der Lektüre ständig Selbstgespräche darüber, wie wir leben wollen. Wenn Louv eine »Schule des Staunens« verlangt, dann wird es sie nur geben, wenn wir mehr staunende Erwachsene haben, die mit ihrer Neugier Kinder anstecken und die sich vor allem ihrerseits von deren Lust auf Neues anstecken lassen. In die Schule des Staunens müssen vor allem die Erwachsenen gehen. Sie müssen wirklich etwas mehr werden wie die Kinder. Unter dem geht es nicht.