Richard Louv : Von Kinderlust
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Was ist zu tun, um einer verklumpten Kindheit wieder Spielräume zu geben?

Den Spuren der Erfinder und Erneuerer wie Thomas Alva Edison oder Benjamin Franklin folgt Louv zurück zu den Seen, Wäldern und Feldern ihrer Kindheit. Man könnte auch Einstein anführen, der auf die Frage, welchem Umstand er sein Genie verdanke, antwortete, »dass ich immer das ewige Kind geblieben bin«.

Louv gibt einen interessanten, leider nur angedeuteten Hinweis, was den Erfindergeist in der Kindheit fördert, »Loose-parts«. Das Wort bleibt im Buch unübersetzt. Gemeint ist frei verfügbares Material . Dinge, die sich neu arrangieren lassen, Dinge, die, man muss es wiederholen, auf unvollkommene Weise vollkommen sind. Anders als die Prothesen, die heute die Kinderzimmer füllen.

Und nun? Was ist zu tun, um einer verklumpten Kindheit wieder Spielräume zu geben? Den Masterplan hat auch Louv nicht, das Buch wird im letzten Drittel, wenn es um Abhilfe geht, schwächer. Das ist der Ohnmacht geschuldet, aber auch dem Versuch, sie etwas vorschnell mit großen Worten (»die spirituelle Notwendigkeit von Natur für die Jugend«) und Ratschlägen (»Helfen Sie, Stadtparks zu renaturalisieren«) zu vertreiben. Wie bei jedem guten Buch über Bildung führen wir bei der Lektüre ständig Selbstgespräche darüber, wie wir leben wollen. Wenn Louv eine »Schule des Staunens« verlangt, dann wird es sie nur geben, wenn wir mehr staunende Erwachsene haben, die mit ihrer Neugier Kinder anstecken und die sich vor allem ihrerseits von deren Lust auf Neues anstecken lassen. In die Schule des Staunens müssen vor allem die Erwachsenen gehen. Sie müssen wirklich etwas mehr werden wie die Kinder. Unter dem geht es nicht.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Zum Teil...

... gebe ich dem Autor recht.
Ich bin mit drei Geschwistern mehr im Wald als im Haus groß geworden, drinnen bleiben müssen war eine Strafe, wenn man zu oft in den Bach gefallen war.
Jetzt lebe ich mit zwei Kindern in einer Etagenwohnung und frage mich, wie lange das noch so gehen soll. Es täte mir in der Seele weh, meinen Dreijährigen nur auf Stadtspielplätzen und beim Kinderturnen zu Bewegung kommen zu lassen.
Ein Haus muss her, möglichst nah an der Natur, klar. Aber: Wer hat heute die sicheren Arbeitsplätze, um erstens den Wohnort und zweitens die Finanzen für die nächsten 20 Jahre im Voraus planen zu lassen?
Und wer lässt in der heutigen Zeit seine sechsjährige Tochter unbeaufsichtigt im Wald spielen?
Uns wurde früher nur gesagt: "Geh nicht mit Fremden mit" und wir hatten Angst, fürLösegeld entführt zu werden.

Ja wenn es das denn nur wäre!

Die heutigen Zeiten

Mir war schon damals ziemlich bewusst, wieso wir nicht mit "Fremden" mitgehen durften. Ja, einige Fernsehberichte haben sich mir und meiner Schwester ziemlich eingebrannt.
ABER:
Ich denke nicht, dass es einen sonderlich großen Unterschied in der tatsächlichen Gefährdung "unbeaufsichtigter Kinder" gibt.

Der Autor bringt hier eine gesellschaftlich imhO höchst brisante Angelegenheit zum Ausdruck. Denn wir lassen unsere Kinder tatsächlich lieber vor dem Fernseher, dem Gameboy, der Playstation versauern, als sie für einige Zeit vor die Tür zu sperren. Auch wenn sich das etwas rabiat anhören mag: Meine Erfahrungen mit einem etwas gröberen Umgang mit Wind und Wetter haben zu keinem nachhaltigen Schaden geführt. Im Gegenteil.

Und wie gesagt: Die bösen Menschen mit dem Bonbon - die gab es früher wie heute. Auch wenn wir mehr Informationen darüber bekommen. Die größte Gefahr lauert hier leider immer noch im eigenen Haushalt.

Städte sind kein Lebensraum für Kinder

Meiner Erfahrung nach werden viele Kinder vor dem Fernseher geparkt oder in der Wohnung "eingesperrt", weil die Eltern der Meinung sind, dass es draussen viel zu gefährlich sei. Und tatsächlich haben sie damit recht.

Durch die Massenmotorisierung und die komplette Infrastrukturisierung zu Gunsten des Autoverkehrs ist der öffentliche Raum heute für alle Menschen zu Todeszonen mit dauerhafter Lebensgefahr geworden. Ich selbst konnte als Kind noch draußen auf der Straße spielen, weil damals noch nicht jeder Quadratzentimeter mit stinkendem Blech zugeparkt war und deutlich weniger Pkw's unterwegs waren. So habe ich den Großteil meiner Freizeit draußen in der Natur verbracht und konnte lernen sie wertzuschätzen.

Heute werden Kinder in eingezäunten Spielplätze gesperrt, damit die Erwachsenen in ihren Autos draußen "spielen" können und niemand ihnen vor das heilige Blech springt oder ihnen einen Fußball an die grenzenlos wertvolle Blechdose schießt. Statt mit den Kindern zu Fuß zu laufen, werden sie (zu Tode gelangweilt) im Auto umher kutschiert. Weil es außerhalb des Pkw viel zu gefährlich ist. Dass die Eltern damit auch die Verursacher dieses Paradox sind scheint ihnen nicht in den Sinn zu kommen oder sie nicht weiter zu stören.

Das diese Kinder sich immer weiter von der Natur entfremden, wird für Mensch und Natur in Zukunft sicher nicht unbedingt von Vorteil sein.

Guter Ansatz

Viele Überlegung zur negativen Veränderung der Kindheit richten sih *gegen* Dinge: gegen Fernseher, Computer, Barbie-Puppen und die gesamte Kommerzialisierung. Ich halte nicht viel von solcher auf Ablehnung gegründeten Kulturkritik.

Der hier vorgestellte Ansatz hingegen sagt, wo*für* er ist: für Naturerlebnisse, für die Freiheit der Kinder zu eigenen umfassenden sinnlichen Erfahrungen. Auch wenn ich überzeugt bin, dass wir den Computer nicht wieder aus den Kinderzimmern rauskriegen und das auch nicht versuchen sollten: diesem Ansatz kann ich voll zustimmen.

Blasse teigige Gestalten

Könnte man die Generationen nicht anhand von Runzeln und Falten unterscheiden, so würde man sie am Teint erkennen. Die junge Generation, aufgewachsen in verödeten planierten Neubauvierteln oder - noch schlimmer - in grauen Vorstädten, strahlt bei weitem nicht die Frische aus, die ältere Semester zu ihrer Zeit hatten.

Wer mehr Zeit vor dem PC oder TV als auf Wald und Wiese verbracht hat, dem fehlt es an geistiger Wendigkeit und kultureller Vielfalt, an Neugier und Persönlichkeit. Solche Menschen sind meist angepasst, unidealistisch und leiden schon frühzeitig unter innerer Leere oder Unruhe. Der Ausdruck "flach" trifft es ganz gut, weil ihnen eine DIMENSION fehlt.

Kein Vorwurf an die Eltern

Mein letzter Beitrag soll übrigens keine Kritik an die Eltern der betroffenen Kinder sein. Es besteht kein Grund für sie, irgendwelche Schuldgefühle zu entwickeln, weil sie nichts dafür können, dass immer mehr Naturraum zubetoniert wurde. Oder dass Frauen mitarbeiten müssen, um das Haushaltseinkommen auf halbwegs erträglichem Niveau zu halten. Für die Folge davon, dass es zu wenige Kinder gibt, die mit anderen Kindern interagieren (neben der fehlenden Naturerfahrung ein weiteres Problem), sind sie ebenso wenig verantwortlich. Ebenso wenig wie für die in Kommentar 1 erwähnte mobilisierte und flexibilisierte Gesellschaft, die nur noch den Kapitalinteressen dient und zur Versingelung führt, weil die Menschen zu oft umgetopft werden. Man spricht in diesem Zusammenhang nicht umsonst davon, dass ein Mensch seine "Wurzeln" verliert, und die Analogie zwischen diesen sozio-kulturellen Wurzeln und den fehlenden Naturerfahrungen liegt wohl auf der Hand.

merkwürdiges Weltbild

"Oder dass Frauen mitarbeiten müssen, um das Haushaltseinkommen auf halbwegs erträglichem Niveau zu halten."

Können Sie sich eigentlich überhaupt vorstellen, dass sehr viele Frauen nicht "mitarbeiten", um das Haushaltseinkommen zu steigern, sondern weil sie es _wollen_? Weil sie einen Beruf erlernt haben, in dem sie arbeiten möchten? Weil sie keine Lust haben, auf "Heim" und "Herd" reduziert zu werden?

Na wie gereizt

Da reagiert aber jemand sofort gereizt. Ich kann den Kommentar, den sie hier kritisieren jedoch sehr gut nachvollziehen. Denn in all dem Glauben an die "Freiheit", welche die Frauen Ihrer Meinung nach erhalten hätten, indem sie arbeiten gehen lassen Sie die negativen Seiten für Familien vollkommen ausser Acht: Mein Vater hatte vier Kinder. Er war Hilfsarbeiter und nur er arbeitete. Wir hatten ein Haus aber kein Bargeldvermögen und eine gewisse Zeit lang war das Haus auch belastet.
Mein Vater konnte aber die Hypothek abbezahlen, uns ein gutes Zuhause bieten und uns alle studieren lassen. Meine Mutter ging oft mit uns raus und war gern Mutter.
Heute, da alle Frauen arbeiten wollen, gibt es keine Zeit mehr für die Kinder. Denn die Großkonzerne haben begriffen, dass sie für das gleiche Geld die doppelte Anzahl an Arbeitskräften bekommen.
Die Frauen machen dann "Karriere" und geben irgendwelche Teilenummern in stinklangweilige Excelformulare ein, während der Abteilungsleiter sein Gehalt steigert, weil er "so gute Arbeit leistet".
Die Kinder werden mit 6 Monaten in Kindertagesstätten abgeliefert. Sie lernen ihre Mutter nie wirklich kennen.
Ein schöner Fortschritt für die Frauen: Exceltabellen statt Kinder.
Nein. Die letzten Jahrzehnte haben Frauen nicht freier gemacht. Sie haben nur eines bewirkt: Sie haben Kinder in der Ansicht der Menschen als Last anstatt als Glück erscheinen lassen, so dass viele gleich gar keine mehr wollen.
Ich als Mann ziehe lieber mein Kind gross.

Ja, gereizt

und Ihr zweiter Kommentar macht es auch nicht besser. In den Welten von Männern wie Ihnen üben Frauen offensichtlich nur stupide oder langweilige Berufe aus, die Sie für überflüssig halten. Gut, das ist Ihre Privatmeinung. Ich möchte aber nicht in einer Gesellschaft leben, die Frauen vorschreibt, wie sie ihr Leben zu leben haben. Sie haben das Recht, den Beruf ihrer Wahl zu erlernen und auszuüben. Sie haben das Recht, Familien mit dem Mann ihrer Wahl zu gründen und mit diesem gemeinsam zu entscheiden, wie die Kinder aufwachsen sollen. Sie haben das Recht, auch als Mutter arbeiten zu gehen, ohne sich von Ewiggestrigen wie Ihnen als "Rabenmütter" beleidigen lassen zu müssen.

Ihre Argumentation besteht aus pauschalen Behauptungen ohne jeden Hintergrund. Wir reden hier von allgemeinen Grundrechten, die Frauen ebenso ohne Einschränkung zustehen wie Männern. Und nur weil Sie sich nicht vorstellen können, dass Frauen ihren Berufen gern nachgehen und Freude daran haben, heißt das noch lange nicht, dass das stimmt.

Weder werden Kinder in Krippen "abgeliefert", noch lernen diese ihre Mütter nicht kennen, noch haben sich die Mütter an irgendeiner Stelle ihres Lebens vor einer Entscheidung zwischen Exceltabelle und Kind befunden. Das sind böswillige und beleidigende Behauptungen. Herzlich willkommen im 21. Jahrhundert.

Die alte Leier

Einer wie ich beklagt, dass ein Einkommen nicht mehr zum Leben reicht, und schon wird er als anti-emanzipatorisch hingestellt. Glauben Sie mir, bitte, ich bin alles andere als das! Aber eine Gesellschaft muss sich entscheiden zwischen hoher Frauenerwerbsquote in Kombination mit exzellenter Kinderbetreuung, oder eben das Rollenbild der 50er. Es wäre schön, wenn man sich für beide Modelle frei - und frei von Diskriminierung - entscheiden könnte.

Falsch verstanden

Ich kritisierte an Ihrem Weltbild, dass Sie den arbeitenden Frauen unterstellen, sie würden nur wegen des Geldes arbeiten gehen ("Frauen müssen arbeiten, um das Haushaltseinkommen aufzubessern.") Außerdem unterstellten Sie, dass Frauenerwerbstätigkeit per se schädlich für die Kinder sei, was man durchaus als frauenfeindlich werten kann.

Da widerspreche ich Ihnen energisch. Frauen schlagen sich nicht jahrelang ein Studium oder eine Ausbildung um die Ohren, nur um dann jahrelang mit den Kindern zuhause zu sitzen und zehn Jahre später festzustellen, dass sie mit ihrer fehlenden Berufserfahrung auf dem Arbeitsmarkt keinen Blumentopf mehr gewinnen können. Sie haben einen Beruf erlernt, und den möchten sie ausüben, und sich nicht vom Mann das Geld nach Hause bringen lassen.

Im übrigen glaube ich nicht, dass die Gesellschaft vor einer entweder-oder Entscheidung steht (50er Jahre oder hohe Frauenerwerbsquote). Das 50er-Jahre-Rollenmodell kann man sich zumindest als Frau nicht ernsthaft wieder zurückwünschen. Allerdings sollen das Eltern jeweils für sich entscheiden, wie sie ihre Kinder aufwachsen lassen wollen, bloß wäre es schön, wenn die konservativen Elternpaare den moderneren Paaren nicht ständig Verantwortungslosigkeit und Egoismus vorwerfen würden, sondern diesen Lebensformen genausoviel Torleranz entgegenbringen würden, wie sie für sich selbst einfordern.