Psychologie Gefühlte Epidemie

Das Etikett Burn-out dient heute vielen als sozial akzeptierte Entschuldigung für Raubbau an den eigenen Kräften.

Wer dieser Tage die Zeitung aufschlägt, könnte den Eindruck gewinnen, wir lebten in einer durch Arbeit erschöpften Gesellschaft. Managerinnen und Fußballtrainer treten von ihren Ämtern zurück, weil sie einfach nicht mehr können; immer mehr Menschen – ja selbst die Vertreter des privilegierten Standes der Professoren – fühlen sich heute ausgebrannt und suchen Hilfe; Angebote, die effektive Vorbeugestrategien beziehungsweise erfolgreiche Therapien des Burn-outs versprechen, sprießen ins Kraut; und zu guter Letzt meldet das wissenschaftliche Institut der AOK, dass zehn Prozent aller Fehltage deutscher Arbeitnehmer auf ein Burn-out zurückzuführen seien.

Dass Arbeit als belastend erlebt werden kann, ist nicht wirklich neu: Wir wussten auch schon vor zehn Jahren, dass in der Europäischen Union Stress (nach Rückenschmerzen) und Erschöpfung auf Platz zwei und drei der am häufigsten beklagten arbeitsplatzbezogenen Beschwerden stehen. Nur, warum jetzt auf einmal Burn-out? Warum beklagen heute mehr Arbeitnehmer als je zuvor, sich ausgebrannt zu fühlen? Wie, aufgrund welcher Umstände lässt sich diese aktuelle Epidemie erklären? Ist unser Arbeitsleben belastender geworden? Oder sind wir im Vergleich zu früheren Generationen weniger belastbar? Oder aber bietet uns das neue Etikett »Burn-out« Selbstdeutungs- und Rollenmuster, die wir gerne für uns in Anspruch nehmen?

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Wir sind offenbar nicht so fit und unerschöpfbar, wie wir sein wollen

Wer eine Antwort auf diese Fragen riskieren will, der muss zunächst feststellen, dass es sich um eine gefühlte Epidemie handeln muss. Denn Burn-out ist keine definierte, medizinisch anerkannte Gesundheitsstörung. Im Katalog der Weltgesundheitsorganisation wird es nur im Anhang im Kapitel »Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen« erwähnt. Als nicht näher definierte Befindlichkeitsstörung wird »Burn-out« dort von Beeinträchtigungen wie etwa »Mangel an Entspannung und Freizeit« unterschieden.

Markus Pawelzik
Markus Pawelzik

Der Psychiater Markus Pawelzik studierte neben Medizin Philosophie und Sprachwissenschaften. Zurzeit leitet er die EOS-Klinik für Psychotherapie in Münster. Dort werden vor allem Menschen mit Depression, Ess- und Angststörungen behandelt.

Eingrenzungsversuche scheiterten bislang: Burn-out ist nicht nur im Kontext helfender Berufe zu finden, wie Christina Maslach, die bekannteste wissenschaftliche Vertreterin des Konzepts, ursprünglich dachte; auch Eltern, Sportler, Manager und Unterbeschäftigte beklagen Burn-out. Die seelischen und körperlichen Symptome, die dem Burn-out zugeschrieben werden, sind zugleich unspezifisch: Sie finden sich bei einer Vielzahl stressassoziierter Störungen (insbesondere der heterogenen Volkskrankheit Depression).

Die Mindestforderung der wissenschaftlichen Medizin an ein Syndrom, nämlich es spezifisch, von anderen abgrenzbar zu definieren, wurde bislang nicht erfüllt. Bis auf Weiteres bleibt Burn-out deshalb ein schillerndes Phänomen, das sehr häufig gesichtet wird, ohne dass jemand zu sagen weiß, um was genau es sich dabei handeln soll.

Leser-Kommentare
  1. für die eigenen Ruhe- und Entspannungsphasen, ängstigt mich mehr als so manches, was um uns herum abläuft.

    Niemand kann uns diese Verantwortung allerdings tatsächlich abnehmen und eine medizinische Lösung, die uns ab und zu die Muße und das Nichtstun verordnet, die Müdigkeit und Abgeschlagenheit akzeptieren lehrt, wird es vermutlich auch nicht geben.

    Und wenn es die Medizin nicht richtet, rotten wir uns zu Gruppen von Ausgebrannten zusammen, die alle nie Nein sagen konnten und immer weiter machten und sei es nur mit dem Erleben neuer selbst gewählter Höhepunkte.

    Komisch, wenn es ums Erleben geht, wollen wir autonom sein, geht es ums Entspannen soll es der Medizinzirkus mit einer neu erdachten Krankheit können.

    Das wird so nicht klappen.

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    als Gemeinschaften und nicht nur als Individuen. Der Einzelne, der in einem Arbeitsverhaeltnis feststeckt, das er nicht einfach so verlassen oder in dem er sich Leistungsanforderungen einfach so verweigern kann, muss heute vor der permanenten Verdichtung von Arbeit, die hohe Konzentration erfordert, ebenso geschuetzt werden, wie die Arbeiter in den 50er und 60er Jahren, die orthopaedische Probleme durch unergonomische Arbeitsplaetze hatten.

    als Gemeinschaften und nicht nur als Individuen. Der Einzelne, der in einem Arbeitsverhaeltnis feststeckt, das er nicht einfach so verlassen oder in dem er sich Leistungsanforderungen einfach so verweigern kann, muss heute vor der permanenten Verdichtung von Arbeit, die hohe Konzentration erfordert, ebenso geschuetzt werden, wie die Arbeiter in den 50er und 60er Jahren, die orthopaedische Probleme durch unergonomische Arbeitsplaetze hatten.

  2. Mit der psychologischen Interpretation bin ich weitgehend einverstanden. Aber die Sache hat auch eine politische Dimension, nämlich, dass das permanente Prozessmanagement in allen Bereichen der privaten und öffentlichen Institutionen keine Pausen mehr zulässt, sondern möglichst viel aus jedem Arbeitnehmer herauszuholen versucht.

    Auch die Professoren sind längst nicht mehr privilegiert, sondern müssen non-stop unter Beweis stellen, dass sie ihre Position verdienen.

    Es herrscht also mit anderen Worten ein ständiges Klima der Angst und der Anspannung.

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    Arbeitsalltag oder -umfeld, erlebe ich oder die Menschen, die mich umgeben "ein ständiges Klima der Angst und der Anspannung"

    Wo soll das stattfinden?

    Wenn es sich auf Menschen in Leiharbeit in üblen Situationen und Abhängigkeiten bezöge, könnte ich das nachvollziehen. Ansonsten kann ich nur sagen, dass die Skizzierung weit überzogen ist.

    Ich habe lange, als Haupternährerin unserer Familie mit Zeitverträgen gearbeitet und es gab selbst dabei keine dauernde Sorge, denn ich kannte es aus dem Ausland nicht anders und empfand das nicht als sonderlich belastend. Wieso Menschen diesen weltweit eher als normal empfundenen Zustand von Arbeitsverträgen als Angst und Anspannung verbreitend empfinden und wieso nicht für Ruhemomente gesorgt wird, sondern in Arbeitspausen lieber das Facebookprofil gewartet wird, wird mir wohl immer in Rätsel bleiben.

    So wird am Wochenende nach einer Anstrengenden Woche weiter für Aktion gesorgt, um dann am Montag zu jammern, dass man völlig fertig ist - ist dieser Umgang mit dem eigenen Leben wir auch die Abgabe der Verantwortung für die Folgen an die Medizin nicht unglaublich kindisch?

    Arbeitsalltag oder -umfeld, erlebe ich oder die Menschen, die mich umgeben "ein ständiges Klima der Angst und der Anspannung"

    Wo soll das stattfinden?

    Wenn es sich auf Menschen in Leiharbeit in üblen Situationen und Abhängigkeiten bezöge, könnte ich das nachvollziehen. Ansonsten kann ich nur sagen, dass die Skizzierung weit überzogen ist.

    Ich habe lange, als Haupternährerin unserer Familie mit Zeitverträgen gearbeitet und es gab selbst dabei keine dauernde Sorge, denn ich kannte es aus dem Ausland nicht anders und empfand das nicht als sonderlich belastend. Wieso Menschen diesen weltweit eher als normal empfundenen Zustand von Arbeitsverträgen als Angst und Anspannung verbreitend empfinden und wieso nicht für Ruhemomente gesorgt wird, sondern in Arbeitspausen lieber das Facebookprofil gewartet wird, wird mir wohl immer in Rätsel bleiben.

    So wird am Wochenende nach einer Anstrengenden Woche weiter für Aktion gesorgt, um dann am Montag zu jammern, dass man völlig fertig ist - ist dieser Umgang mit dem eigenen Leben wir auch die Abgabe der Verantwortung für die Folgen an die Medizin nicht unglaublich kindisch?

  3. Eine Leser-Empfehlung
  4. Arbeitsalltag oder -umfeld, erlebe ich oder die Menschen, die mich umgeben "ein ständiges Klima der Angst und der Anspannung"

    Wo soll das stattfinden?

    Wenn es sich auf Menschen in Leiharbeit in üblen Situationen und Abhängigkeiten bezöge, könnte ich das nachvollziehen. Ansonsten kann ich nur sagen, dass die Skizzierung weit überzogen ist.

    Ich habe lange, als Haupternährerin unserer Familie mit Zeitverträgen gearbeitet und es gab selbst dabei keine dauernde Sorge, denn ich kannte es aus dem Ausland nicht anders und empfand das nicht als sonderlich belastend. Wieso Menschen diesen weltweit eher als normal empfundenen Zustand von Arbeitsverträgen als Angst und Anspannung verbreitend empfinden und wieso nicht für Ruhemomente gesorgt wird, sondern in Arbeitspausen lieber das Facebookprofil gewartet wird, wird mir wohl immer in Rätsel bleiben.

    So wird am Wochenende nach einer Anstrengenden Woche weiter für Aktion gesorgt, um dann am Montag zu jammern, dass man völlig fertig ist - ist dieser Umgang mit dem eigenen Leben wir auch die Abgabe der Verantwortung für die Folgen an die Medizin nicht unglaublich kindisch?

    Antwort auf "Politische Dimension"
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    • roreri
    • 04.12.2011 um 10:35 Uhr

    der Arbeitsalltag vieler Menschen hierzulande lässt "Aktion" während der Arbeitswoche kaum zu. Man treibt etwas Sport, liest Zeitung, oder verbringt "Quality-Time! mit Kindern.

    Wann, wenn nicht am WE, hat man die Zeit für zeitgreifende Unternehmungen?

    Man kann auf diese verzichten, aber dann bleibt als Lebensschwerpunkt nur die Arbeit. Will man das wirklich?

    Dokumentation, Synergieeffekte, Rationalisierung usw. sind Alltagsvokabular geworden und greifen tief in den gesellschaftlichen Prozess ein, alles unter dem Primat der fortschreitenden Ökonomisierung und des Wachstums. Mitarbeiter, auch die Ärzte, in Altenheimen, Krankenhäusern, Arztpraxen usw. wirken gehetzt und ausgebrannt. Die Bänker, die Postler, die Bahner usw., eine bis vor Jahren unbehelligte Kaste, sind mittlerweile auch von diesen Prozessen erreicht.
    Langsamkeit, Gelassenheit, Kreativität finden keinen Platz mehr in dieser Arbeitswelt. Pflege ist reduziert auf dokumentierte Sauberkeit im 2,376-Minuten-Takt (Dauer des pflegerich zu beaufsichtigenden Toilettengangs eines Halbseitengelähmten).
    Eine Kaste von neuen, völlig überflüssigen Mitessern am System (Auditoren, Codierer, Kontrolleure) hat sich etabliert und macht sich durch statistische Aussagen unabdingbar. Sie erstellen Entscheidungsgrundlagen für Kündigungen, für Stellenpläne, aber auch für politische Entscheidungen.
    Dabei weiß jeder aus seinem Fachbereich, wie hohl dies alles ist.
    Diese beschriebene Unkultur des Versuches einer statistischen Erfassung und Bewertung von allem und jedem unter der Vorstellung von Kontrolle und Effizienz, ist sicher eine der Hauptursachen für das aktuell erlebte Anwachsen der 'Burn-Out-Syndrome'. Übrigens gibt es durchaus eine ICD-Diagnose: Z73.0. Und die Konsequenz ist zumindest psychiatrisch banal: Reaktive Depression (F32.9), Insomnie, nichtorganisch (F51.) usw.

    • roreri
    • 04.12.2011 um 10:35 Uhr

    der Arbeitsalltag vieler Menschen hierzulande lässt "Aktion" während der Arbeitswoche kaum zu. Man treibt etwas Sport, liest Zeitung, oder verbringt "Quality-Time! mit Kindern.

    Wann, wenn nicht am WE, hat man die Zeit für zeitgreifende Unternehmungen?

    Man kann auf diese verzichten, aber dann bleibt als Lebensschwerpunkt nur die Arbeit. Will man das wirklich?

    Dokumentation, Synergieeffekte, Rationalisierung usw. sind Alltagsvokabular geworden und greifen tief in den gesellschaftlichen Prozess ein, alles unter dem Primat der fortschreitenden Ökonomisierung und des Wachstums. Mitarbeiter, auch die Ärzte, in Altenheimen, Krankenhäusern, Arztpraxen usw. wirken gehetzt und ausgebrannt. Die Bänker, die Postler, die Bahner usw., eine bis vor Jahren unbehelligte Kaste, sind mittlerweile auch von diesen Prozessen erreicht.
    Langsamkeit, Gelassenheit, Kreativität finden keinen Platz mehr in dieser Arbeitswelt. Pflege ist reduziert auf dokumentierte Sauberkeit im 2,376-Minuten-Takt (Dauer des pflegerich zu beaufsichtigenden Toilettengangs eines Halbseitengelähmten).
    Eine Kaste von neuen, völlig überflüssigen Mitessern am System (Auditoren, Codierer, Kontrolleure) hat sich etabliert und macht sich durch statistische Aussagen unabdingbar. Sie erstellen Entscheidungsgrundlagen für Kündigungen, für Stellenpläne, aber auch für politische Entscheidungen.
    Dabei weiß jeder aus seinem Fachbereich, wie hohl dies alles ist.
    Diese beschriebene Unkultur des Versuches einer statistischen Erfassung und Bewertung von allem und jedem unter der Vorstellung von Kontrolle und Effizienz, ist sicher eine der Hauptursachen für das aktuell erlebte Anwachsen der 'Burn-Out-Syndrome'. Übrigens gibt es durchaus eine ICD-Diagnose: Z73.0. Und die Konsequenz ist zumindest psychiatrisch banal: Reaktive Depression (F32.9), Insomnie, nichtorganisch (F51.) usw.

  5. Stress - und mithin auch dessen Endpunkt Burnout - sind eine selbstgewählte Leidensform !

    Eine Leser-Empfehlung
    • roreri
    • 04.12.2011 um 10:35 Uhr

    der Arbeitsalltag vieler Menschen hierzulande lässt "Aktion" während der Arbeitswoche kaum zu. Man treibt etwas Sport, liest Zeitung, oder verbringt "Quality-Time! mit Kindern.

    Wann, wenn nicht am WE, hat man die Zeit für zeitgreifende Unternehmungen?

    Man kann auf diese verzichten, aber dann bleibt als Lebensschwerpunkt nur die Arbeit. Will man das wirklich?

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    hat jeder Arbeitnehmer täglich ca. 4 Stunden zur freien Verfügung. Wenn man die nicht nutzt, um davon täglich eine halbe Stunde zu entspannen - nicht Fernsehen, Rechner nutzen oder sonstigen Kram - sollte es gut gehen.

    "Zeitgreifende Unternehmungen" - dagegen spricht doch nichts, allerdings bleibt es nicht aus, die Arbeit und die Familie, wie zu früheren Zeiten als normal betrachte, als Lebensschwerpunkt zu sehen.

    Wer andere Schwerpunkte möchte, muss Teilzeit arbeiten und hat nach 4 Stunden Erwerbstätigkeit mehr Zeit für andere Interessen.

    Mich wundert ernsthaft, dass es angezweifelt wird, dass Arbeit viel Zeit und auch Raum braucht und Familie meist den Rest.

    Wer dann noch weiter hechelt und mal von Sport, Musik... als Freizeitvergnügen noch einen weiteren Vollzeitjob anstrebt, um einen Sinn zu finden, kann nur irgendwann erschöpft sein. Aber auch das wäre kein Problem, wenn man bei Erschöpfung die Bremse anzieht.

    Tut man das nicht und ist vor lauter Privatleben und Lebensschwerpunkten ausserhalb der Erwerbsarbeit irgendwann völlig fertig, muss natürlich die Arbeit wegfallen und die Krankenkasse für Entschleunigung und Entspannung sorgen - ist doch logisch.

    Manchmal frage ich mich, woher diese Ansprüche an 24/7-Bespassung kommen???

    hat jeder Arbeitnehmer täglich ca. 4 Stunden zur freien Verfügung. Wenn man die nicht nutzt, um davon täglich eine halbe Stunde zu entspannen - nicht Fernsehen, Rechner nutzen oder sonstigen Kram - sollte es gut gehen.

    "Zeitgreifende Unternehmungen" - dagegen spricht doch nichts, allerdings bleibt es nicht aus, die Arbeit und die Familie, wie zu früheren Zeiten als normal betrachte, als Lebensschwerpunkt zu sehen.

    Wer andere Schwerpunkte möchte, muss Teilzeit arbeiten und hat nach 4 Stunden Erwerbstätigkeit mehr Zeit für andere Interessen.

    Mich wundert ernsthaft, dass es angezweifelt wird, dass Arbeit viel Zeit und auch Raum braucht und Familie meist den Rest.

    Wer dann noch weiter hechelt und mal von Sport, Musik... als Freizeitvergnügen noch einen weiteren Vollzeitjob anstrebt, um einen Sinn zu finden, kann nur irgendwann erschöpft sein. Aber auch das wäre kein Problem, wenn man bei Erschöpfung die Bremse anzieht.

    Tut man das nicht und ist vor lauter Privatleben und Lebensschwerpunkten ausserhalb der Erwerbsarbeit irgendwann völlig fertig, muss natürlich die Arbeit wegfallen und die Krankenkasse für Entschleunigung und Entspannung sorgen - ist doch logisch.

    Manchmal frage ich mich, woher diese Ansprüche an 24/7-Bespassung kommen???

  6. hat jeder Arbeitnehmer täglich ca. 4 Stunden zur freien Verfügung. Wenn man die nicht nutzt, um davon täglich eine halbe Stunde zu entspannen - nicht Fernsehen, Rechner nutzen oder sonstigen Kram - sollte es gut gehen.

    "Zeitgreifende Unternehmungen" - dagegen spricht doch nichts, allerdings bleibt es nicht aus, die Arbeit und die Familie, wie zu früheren Zeiten als normal betrachte, als Lebensschwerpunkt zu sehen.

    Wer andere Schwerpunkte möchte, muss Teilzeit arbeiten und hat nach 4 Stunden Erwerbstätigkeit mehr Zeit für andere Interessen.

    Mich wundert ernsthaft, dass es angezweifelt wird, dass Arbeit viel Zeit und auch Raum braucht und Familie meist den Rest.

    Wer dann noch weiter hechelt und mal von Sport, Musik... als Freizeitvergnügen noch einen weiteren Vollzeitjob anstrebt, um einen Sinn zu finden, kann nur irgendwann erschöpft sein. Aber auch das wäre kein Problem, wenn man bei Erschöpfung die Bremse anzieht.

    Tut man das nicht und ist vor lauter Privatleben und Lebensschwerpunkten ausserhalb der Erwerbsarbeit irgendwann völlig fertig, muss natürlich die Arbeit wegfallen und die Krankenkasse für Entschleunigung und Entspannung sorgen - ist doch logisch.

    Manchmal frage ich mich, woher diese Ansprüche an 24/7-Bespassung kommen???

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Muße braucht Zeit"
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    "[...] hat jeder Arbeitnehmer täglich ca. 4 Stunden zur freien Verfügung. Wenn man die nicht nutzt, um davon täglich eine halbe Stunde zu entspannen - nicht Fernsehen, Rechner nutzen oder sonstigen Kram - sollte es gut gehen."

    4 Stunden am Tag für sich selbst? Wow.
    Wenn man die wirklich effektiv nutzt, dann "sollte es gut gehen". Man hat ja nur ein Leben.

    "Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave."
    - Friedrich Nietzsche

    "4 Stunden fuer sich selbst" - sollen das die Stunden sein, die man nicht mit Erwerbsarbeit, unterwegssein zur oder von der Arbeit, Hausaufgabenhilfe, Elternabend, Besorgungen, Post erledigen, Haushalt und Schlafen zubringt, und in denen man sich gefaelligst zu erholen hat, um am naechsten Tag wieder voll leistungsfaehig zu sein? Es faellt mir schwer zu glauben, dass die meisten Menschen diese 4 Stunden am Tag haben - ich denke eher, dass dies ein Mittelwert ist, der dadurch zustande kommt, dass teilzeit arbeitende mit eingerechnet werden.
    Und selbst wer diese Stunden hat, hat ja ggbf. auch noch Ehekonflikte, einen demenzerkrankten Elternteil, Aerger mit dem Vermieter oder diverse andere Baustellen, die Stress verursachen, dem man sich nicht einfach so entziehen kann.

    • deDude
    • 05.12.2011 um 13:32 Uhr

    ... fragt man sich aber auch woher Unternehmen und Politik die Idee nehmen, das der Arbeitnehmer ihnen 85% seines Tages schulde. Wenn es danach gehen würde, bräuchte der Mensch eigentlich gar keine Freizeit und könne non-stop all denn Müll produzieren und anbieten den er sich dann sowieso nicht leisten kann.

    Ich glaube viel eher, dass es auch ein wenig darum geht wie Arbeit an sich heute gewertschätzt wird. Während in den oberen Etagen die Millionen unter den Armen (jeweils 2 p. Manager) verteilt werden kommen unten nämlich meist nur Stellenstreichungen und Lohnkürzungen an. Wahlweise auch durch den Zeitarbeitsvermittler.

    Da wundert es mich nicht wenn sich reihenweise Arbeitnehmer mit der Diagnose "Burn Out" ins "Krankengeld" verabschieden...

    "[...] hat jeder Arbeitnehmer täglich ca. 4 Stunden zur freien Verfügung. Wenn man die nicht nutzt, um davon täglich eine halbe Stunde zu entspannen - nicht Fernsehen, Rechner nutzen oder sonstigen Kram - sollte es gut gehen."

    4 Stunden am Tag für sich selbst? Wow.
    Wenn man die wirklich effektiv nutzt, dann "sollte es gut gehen". Man hat ja nur ein Leben.

    "Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave."
    - Friedrich Nietzsche

    "4 Stunden fuer sich selbst" - sollen das die Stunden sein, die man nicht mit Erwerbsarbeit, unterwegssein zur oder von der Arbeit, Hausaufgabenhilfe, Elternabend, Besorgungen, Post erledigen, Haushalt und Schlafen zubringt, und in denen man sich gefaelligst zu erholen hat, um am naechsten Tag wieder voll leistungsfaehig zu sein? Es faellt mir schwer zu glauben, dass die meisten Menschen diese 4 Stunden am Tag haben - ich denke eher, dass dies ein Mittelwert ist, der dadurch zustande kommt, dass teilzeit arbeitende mit eingerechnet werden.
    Und selbst wer diese Stunden hat, hat ja ggbf. auch noch Ehekonflikte, einen demenzerkrankten Elternteil, Aerger mit dem Vermieter oder diverse andere Baustellen, die Stress verursachen, dem man sich nicht einfach so entziehen kann.

    • deDude
    • 05.12.2011 um 13:32 Uhr

    ... fragt man sich aber auch woher Unternehmen und Politik die Idee nehmen, das der Arbeitnehmer ihnen 85% seines Tages schulde. Wenn es danach gehen würde, bräuchte der Mensch eigentlich gar keine Freizeit und könne non-stop all denn Müll produzieren und anbieten den er sich dann sowieso nicht leisten kann.

    Ich glaube viel eher, dass es auch ein wenig darum geht wie Arbeit an sich heute gewertschätzt wird. Während in den oberen Etagen die Millionen unter den Armen (jeweils 2 p. Manager) verteilt werden kommen unten nämlich meist nur Stellenstreichungen und Lohnkürzungen an. Wahlweise auch durch den Zeitarbeitsvermittler.

    Da wundert es mich nicht wenn sich reihenweise Arbeitnehmer mit der Diagnose "Burn Out" ins "Krankengeld" verabschieden...

  7. Dokumentation, Synergieeffekte, Rationalisierung usw. sind Alltagsvokabular geworden und greifen tief in den gesellschaftlichen Prozess ein, alles unter dem Primat der fortschreitenden Ökonomisierung und des Wachstums. Mitarbeiter, auch die Ärzte, in Altenheimen, Krankenhäusern, Arztpraxen usw. wirken gehetzt und ausgebrannt. Die Bänker, die Postler, die Bahner usw., eine bis vor Jahren unbehelligte Kaste, sind mittlerweile auch von diesen Prozessen erreicht.
    Langsamkeit, Gelassenheit, Kreativität finden keinen Platz mehr in dieser Arbeitswelt. Pflege ist reduziert auf dokumentierte Sauberkeit im 2,376-Minuten-Takt (Dauer des pflegerich zu beaufsichtigenden Toilettengangs eines Halbseitengelähmten).
    Eine Kaste von neuen, völlig überflüssigen Mitessern am System (Auditoren, Codierer, Kontrolleure) hat sich etabliert und macht sich durch statistische Aussagen unabdingbar. Sie erstellen Entscheidungsgrundlagen für Kündigungen, für Stellenpläne, aber auch für politische Entscheidungen.
    Dabei weiß jeder aus seinem Fachbereich, wie hohl dies alles ist.
    Diese beschriebene Unkultur des Versuches einer statistischen Erfassung und Bewertung von allem und jedem unter der Vorstellung von Kontrolle und Effizienz, ist sicher eine der Hauptursachen für das aktuell erlebte Anwachsen der 'Burn-Out-Syndrome'. Übrigens gibt es durchaus eine ICD-Diagnose: Z73.0. Und die Konsequenz ist zumindest psychiatrisch banal: Reaktive Depression (F32.9), Insomnie, nichtorganisch (F51.) usw.

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    Weder die "Ökonomisierung" des Systems noch Qualitätsmanagement und Kontrolle sind mit Sicherheit Schuld an dem hier beschriebenen System! So richtig scheinen Sie sich nicht inhaltlich mit dem Artikel auseinander gesetzt zu haben.

    Natürlich gibt es in der Art WIE sich zum Teil das Arbeitsleben - auch im Gesundheitssystem- verändert hat, Ursachen dafür, dass Arbeit auch krank machen kann. Der Versuch, pauschal aber alles, was mit Qualitätsmanagement, Dokumentation und Effizienz (im System) als (gesundheits-)schädlich zu deklarieren, ist doch wohl eher aus anderer Motivlage geboren, nämlich jener, als Leistungserbringer lieber nur Eigenkontrolle vor sich hinwurschteln zu können und das bitte auch noch ohne jegliche ökonomische Beschränkung. Früher war in der Hinsicht sicherlich nicht alles besser und noch viel weniger waren die Patienten besser betreut. Um am Beispiel Pflege zu bleiben: Da ist dann auch mal der halbseitig Gelähmte in seiner Pisse verfault und durfte vor sich hin vegetieren.

    Wenn Sie den Tenor des Artikels richtig verstanden haben, dann müsste es darum gehen, eigenverantwortlich(!) und selbstreflektiert (!) Vorschläge zu machen, wie ein System mit qualitativ guten Ergebnissen für die Betroffenen in einem ökonomischen Rahmen unter guten Arbeitsbedingungen funktionieren kann. Ihr Rufen nach Langsamkeit, Gelassenheit und Kreativität in dem Zusammenhang ist da nicht weniger hohl und konstruktiv als einseitiges Schielen nach dem Sekundentakt.

    Weder die "Ökonomisierung" des Systems noch Qualitätsmanagement und Kontrolle sind mit Sicherheit Schuld an dem hier beschriebenen System! So richtig scheinen Sie sich nicht inhaltlich mit dem Artikel auseinander gesetzt zu haben.

    Natürlich gibt es in der Art WIE sich zum Teil das Arbeitsleben - auch im Gesundheitssystem- verändert hat, Ursachen dafür, dass Arbeit auch krank machen kann. Der Versuch, pauschal aber alles, was mit Qualitätsmanagement, Dokumentation und Effizienz (im System) als (gesundheits-)schädlich zu deklarieren, ist doch wohl eher aus anderer Motivlage geboren, nämlich jener, als Leistungserbringer lieber nur Eigenkontrolle vor sich hinwurschteln zu können und das bitte auch noch ohne jegliche ökonomische Beschränkung. Früher war in der Hinsicht sicherlich nicht alles besser und noch viel weniger waren die Patienten besser betreut. Um am Beispiel Pflege zu bleiben: Da ist dann auch mal der halbseitig Gelähmte in seiner Pisse verfault und durfte vor sich hin vegetieren.

    Wenn Sie den Tenor des Artikels richtig verstanden haben, dann müsste es darum gehen, eigenverantwortlich(!) und selbstreflektiert (!) Vorschläge zu machen, wie ein System mit qualitativ guten Ergebnissen für die Betroffenen in einem ökonomischen Rahmen unter guten Arbeitsbedingungen funktionieren kann. Ihr Rufen nach Langsamkeit, Gelassenheit und Kreativität in dem Zusammenhang ist da nicht weniger hohl und konstruktiv als einseitiges Schielen nach dem Sekundentakt.

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