Wer dieser Tage die Zeitung aufschlägt, könnte den Eindruck gewinnen, wir lebten in einer durch Arbeit erschöpften Gesellschaft. Managerinnen und Fußballtrainer treten von ihren Ämtern zurück, weil sie einfach nicht mehr können; immer mehr Menschen – ja selbst die Vertreter des privilegierten Standes der Professoren – fühlen sich heute ausgebrannt und suchen Hilfe; Angebote, die effektive Vorbeugestrategien beziehungsweise erfolgreiche Therapien des Burn-outs versprechen, sprießen ins Kraut; und zu guter Letzt meldet das wissenschaftliche Institut der AOK, dass zehn Prozent aller Fehltage deutscher Arbeitnehmer auf ein Burn-out zurückzuführen seien.

Dass Arbeit als belastend erlebt werden kann, ist nicht wirklich neu: Wir wussten auch schon vor zehn Jahren, dass in der Europäischen Union Stress (nach Rückenschmerzen) und Erschöpfung auf Platz zwei und drei der am häufigsten beklagten arbeitsplatzbezogenen Beschwerden stehen. Nur, warum jetzt auf einmal Burn-out? Warum beklagen heute mehr Arbeitnehmer als je zuvor, sich ausgebrannt zu fühlen? Wie, aufgrund welcher Umstände lässt sich diese aktuelle Epidemie erklären? Ist unser Arbeitsleben belastender geworden? Oder sind wir im Vergleich zu früheren Generationen weniger belastbar? Oder aber bietet uns das neue Etikett »Burn-out« Selbstdeutungs- und Rollenmuster, die wir gerne für uns in Anspruch nehmen?

Wir sind offenbar nicht so fit und unerschöpfbar, wie wir sein wollen

Wer eine Antwort auf diese Fragen riskieren will, der muss zunächst feststellen, dass es sich um eine gefühlte Epidemie handeln muss. Denn Burn-out ist keine definierte, medizinisch anerkannte Gesundheitsstörung. Im Katalog der Weltgesundheitsorganisation wird es nur im Anhang im Kapitel »Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen« erwähnt. Als nicht näher definierte Befindlichkeitsstörung wird »Burn-out« dort von Beeinträchtigungen wie etwa »Mangel an Entspannung und Freizeit« unterschieden.

Eingrenzungsversuche scheiterten bislang: Burn-out ist nicht nur im Kontext helfender Berufe zu finden, wie Christina Maslach, die bekannteste wissenschaftliche Vertreterin des Konzepts, ursprünglich dachte; auch Eltern, Sportler, Manager und Unterbeschäftigte beklagen Burn-out. Die seelischen und körperlichen Symptome, die dem Burn-out zugeschrieben werden, sind zugleich unspezifisch: Sie finden sich bei einer Vielzahl stressassoziierter Störungen (insbesondere der heterogenen Volkskrankheit Depression).

Die Mindestforderung der wissenschaftlichen Medizin an ein Syndrom, nämlich es spezifisch, von anderen abgrenzbar zu definieren, wurde bislang nicht erfüllt. Bis auf Weiteres bleibt Burn-out deshalb ein schillerndes Phänomen, das sehr häufig gesichtet wird, ohne dass jemand zu sagen weiß, um was genau es sich dabei handeln soll.