Ich bin einige Wochen in den USA gewesen und habe aus Deutschland fast nichts mitbekommen. In den USA war das wichtigste Medienereignis ein Fall von Kinderschändung. In einem wichtigen Sportverein soll der Trainer viele Jahre lang Jungen missbraucht haben, wahrscheinlich Dutzende, die meisten Opfer waren zehn bis zwölf Jahre alt. Das kam, in Fortsetzungen, jeden Abend im Fernsehen. Präsident Obama äußerte, aus Hawaii, seine Empörung. Als ich dann wieder in Deutschland landete, erfuhr ich von den Nazimorden .

In den USA hatte kein Sender und keine Zeitung darüber berichtet, zumindest habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht stand in der New York Times eine Kleinigkeit, die ich übersehen habe. Umgekehrt wusste in Deutschland fast niemand etwas über den Trainer. Es hätte natürlich genauso umgekehrt kommen können. Ein pädophiler Trainer, solche Dinge könnten auch in Deutschland passieren, und ein rechtsradikales Killerkommando, das Jagd auf Einwanderer macht, wäre wohl auch in den USA denkbar. Es kann ja fast alles Furchtbare fast überall passieren. Seltsamerweise empfinden manche Leute diese Aussage als eine Verharmlosung. So, als kapituliere man vor dem Bösen, wenn man es nicht eingrenzt, wenn man nicht sagt: So etwas ist nur unter den und den Bedingungen und in diesem Land möglich. So etwas kann man für immer aus der Welt schaffen, indem man dieses oder jenes tut.

Ich las also, mit zeitlicher Verzögerung, fast wie ein Historiker, die Berichte und Kommentare. Nicht selten wurden die Morde mit dem Rassismus der Deutschen oder zumindest vieler Deutscher in Verbindung gebracht oder damit, dass man den Naziterror in Deutschland notorisch unterschätzt. Moment mal, war nicht ein paar Monate vorher etwas ähnlich Furchtbares in Norwegen passiert ? Es kommt mir immer widersprüchlich vor, wenn man gegen den Rassismus anschreibt und dabei einem bestimmten Volk, zum Beispiel den Deutschen, einen gewissermaßen in der Rasse angelegten Hang zum Bösen unterstellt.

Natürlich fielen mir, als USA-Heimkehrer, die Anschläge auf das World Trade Center ein, auch da hatten die Behörden Hinweise übersehen und jede Menge Fehler gemacht, die Anschläge wären vermutlich zu verhindern gewesen, und die Verschwörungstheorien blühen noch heute. Die Attentäter waren Muslime, und zu Recht hieß es damals in vielen Kommentaren, dass man sich vor Pauschalverurteilungen der muslimischen Welt hüten soll. Jetzt las ich also neue Pauschalurteile, neue Verschwörungstheorien und dachte, dass wegen unseres kurzen Gedächtnisses die Diskussionen immer wieder am Nullpunkt beginnen, nur die Namen der Angeklagten wechseln.

Wegen der Nazimorde, las ich, habe der Bundestag sich bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Ich fand das seltsam. Für die Morde der RAF hat es nie eine solche Entschuldigung des Bundestags gegeben, obwohl es auch da Fahndungsfehler der Polizei gab. Helmut Schmidt hat gesagt, er fühle sich mitschuldig am Tod von Hanns Martin Schleyer, das ist eine andere Geschichte. Auch die staatlich angeordneten Morde der Hitlerzeit sind eine andere Geschichte – deshalb war Willy Brandts Kniefall in Warschau richtig. Indem die Volksvertretung sich entschuldigt, dachte ich, identifiziert sie sich irgendwie mit den Mördern, sie schafft ein falsches "wir". Wir Deutschen, ihr Migranten. Als ob das sauber zu trennen wäre. Genau das wollen die Nazis doch. Der Staat soll die Nazis jagen und einsperren und nicht an ihrer Stelle Entschuldigungen abgeben.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio