Martenstein : "Ich las neue Pauschalurteile, neue Verschwörungstheorien"

Harald Martenstein über die Reaktion auf die Morde der Neonazis
Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich bin einige Wochen in den USA gewesen und habe aus Deutschland fast nichts mitbekommen. In den USA war das wichtigste Medienereignis ein Fall von Kinderschändung. In einem wichtigen Sportverein soll der Trainer viele Jahre lang Jungen missbraucht haben, wahrscheinlich Dutzende, die meisten Opfer waren zehn bis zwölf Jahre alt. Das kam, in Fortsetzungen, jeden Abend im Fernsehen. Präsident Obama äußerte, aus Hawaii, seine Empörung. Als ich dann wieder in Deutschland landete, erfuhr ich von den Nazimorden .

In den USA hatte kein Sender und keine Zeitung darüber berichtet, zumindest habe ich nichts mitbekommen. Vielleicht stand in der New York Times eine Kleinigkeit, die ich übersehen habe. Umgekehrt wusste in Deutschland fast niemand etwas über den Trainer. Es hätte natürlich genauso umgekehrt kommen können. Ein pädophiler Trainer, solche Dinge könnten auch in Deutschland passieren, und ein rechtsradikales Killerkommando, das Jagd auf Einwanderer macht, wäre wohl auch in den USA denkbar. Es kann ja fast alles Furchtbare fast überall passieren. Seltsamerweise empfinden manche Leute diese Aussage als eine Verharmlosung. So, als kapituliere man vor dem Bösen, wenn man es nicht eingrenzt, wenn man nicht sagt: So etwas ist nur unter den und den Bedingungen und in diesem Land möglich. So etwas kann man für immer aus der Welt schaffen, indem man dieses oder jenes tut.

Ich las also, mit zeitlicher Verzögerung, fast wie ein Historiker, die Berichte und Kommentare. Nicht selten wurden die Morde mit dem Rassismus der Deutschen oder zumindest vieler Deutscher in Verbindung gebracht oder damit, dass man den Naziterror in Deutschland notorisch unterschätzt. Moment mal, war nicht ein paar Monate vorher etwas ähnlich Furchtbares in Norwegen passiert ? Es kommt mir immer widersprüchlich vor, wenn man gegen den Rassismus anschreibt und dabei einem bestimmten Volk, zum Beispiel den Deutschen, einen gewissermaßen in der Rasse angelegten Hang zum Bösen unterstellt.

Natürlich fielen mir, als USA-Heimkehrer, die Anschläge auf das World Trade Center ein, auch da hatten die Behörden Hinweise übersehen und jede Menge Fehler gemacht, die Anschläge wären vermutlich zu verhindern gewesen, und die Verschwörungstheorien blühen noch heute. Die Attentäter waren Muslime, und zu Recht hieß es damals in vielen Kommentaren, dass man sich vor Pauschalverurteilungen der muslimischen Welt hüten soll. Jetzt las ich also neue Pauschalurteile, neue Verschwörungstheorien und dachte, dass wegen unseres kurzen Gedächtnisses die Diskussionen immer wieder am Nullpunkt beginnen, nur die Namen der Angeklagten wechseln.

Wegen der Nazimorde, las ich, habe der Bundestag sich bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Ich fand das seltsam. Für die Morde der RAF hat es nie eine solche Entschuldigung des Bundestags gegeben, obwohl es auch da Fahndungsfehler der Polizei gab. Helmut Schmidt hat gesagt, er fühle sich mitschuldig am Tod von Hanns Martin Schleyer, das ist eine andere Geschichte. Auch die staatlich angeordneten Morde der Hitlerzeit sind eine andere Geschichte – deshalb war Willy Brandts Kniefall in Warschau richtig. Indem die Volksvertretung sich entschuldigt, dachte ich, identifiziert sie sich irgendwie mit den Mördern, sie schafft ein falsches "wir". Wir Deutschen, ihr Migranten. Als ob das sauber zu trennen wäre. Genau das wollen die Nazis doch. Der Staat soll die Nazis jagen und einsperren und nicht an ihrer Stelle Entschuldigungen abgeben.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Komische Erkenntnisse, dumm wie US-Medien-Bohnenstroh

Es war –im Bundestag, beim Staatspräsidenten… - ein Tat der Scham; der Erkenntnis, dass es - salopp, das lieben Sie ja auch, Herr Martenstein, eine Schweinerei, dass in mehr als zehn Jahren so viele Mitmenschen (auch Ihre Mit-Menschen?) - die hingerichtet wurden, ohne dass - offiziell - irgendein Sucher, ein Spürhund, ein Politiker, ein blöder Cop, ein heller Sheriff - eins und eins und neun und zehn und zwölf Mördereien zusammenzählte, zusammen zählen k o n n t e?
Wenn das linke Morde gewesen wären - Deutschland hätte mit der Beobachtung und Ausspähung jeder Tür, jeder Bewegung des Nachbarn Kopf gestanden, sich bewaffnen wollen mit Argwohn und Mordsintelligenz - um erstens sich zu schützen, zweitens die Linken auszurächern, na, gut: ausszuräuchern.
Nein?
Na, dann habe ich nur noch zu sagen:

Dieser Ihr Satz ist böse und falsch, dumm-dreist:
"Die Attentäter waren Muslime (...)“ - hoffentlich erkennen Sie Ihren Quatsch... (mute ich Ihnen mal zu!) und entschuldigen sich dafür! Sobald Sie einen Muslim von einem Al-Quaida-Kämpfer (früher waren das christliche Kreuzritter oder Ritterkreuzträger) unterscheiden können.
Setzen Sie Ihre Auslandsreisen mal aus. Ich will Ihre Texte überprüfen auf importierte US-Dummheiten.

Wenn dieses Versagen im Falle der Neonazi-Morde

so singulär ist, wie erklären Sie sich dann die Tatsache, dass genau jetzt, in diesen Tagen allein in Norddeutschland zwei Serienmörder vor Gericht stehen (einer für 5 -8 Frauenmorde, ein anderer für mind. 3 Kindermorde), die alle wesentlich länger unaufgeklärt blieben als die Taten der Zwickauer Bande. Über diese Taten erscheinen allenfalls Zehn-Zeiler in der überregionalen Presse.
Bei den betroffenen Angehörigen hat sich offiziell niemand entschuldigt, es wurden sogar zeitweilig völlig Unschuldige als Täter verdächtigt und sogar festgenommen.
Im Gegensatz dazu ist es in Deutschland schlicht ein Privileg, das Opfer anerkannter politischer Gewalt zu sein, egal von links oder rechts.

Übrigens war ich in den letzten Wochen in Japan, nur in einer einzigen Zeitung stand ein Bericht zu den Taten der Zwickauer Bande, allerdings hpts. wegen der Reaktion der Regierung darauf, nicht weil solcher Taten anderswo unvorstellbar sind. Die Taten der Aum-Sekte waren z.B. wesentlich bizarrer und bedrohlicher.

Ich mach mir ein bissel Sorgen ...

Nu gibts so viele kleinere und größere Themen, über die Herr Martenstein schon geschrieben hat und noch schreiben könnte.
Aber er knöpft sich DAS eine schlimme N-Thema vor.
Wars der Kulturschock des USA-Trips?
Zu wenige Kommentare zu seinen Essays der letzten Wochen?
Hat sein Hund im Psychokrieg gesiegt?
Oder einfach ein mentaler Break nach einem gastroinstestinalen Infekt, der ihn grummeln lässt?

Herr Martenstein, IMHO sind Sie in jener Leichtigkeit, mit der sie beurteilen und (meist) schreiben, nahezu unschlagbar. Bitte bleiben Sie dabei. Pathetiker und Universalversteher haben wir mehr als genug.