Europakrise : "Ich fürchte die deutsche Untätigkeit"

Europa erlebt gerade seinen beängstigendsten Moment. Nur Berlin kann den Niedergang abwenden.

Vor 20 Jahren besuchte ich als Reporter das damalige Jugoslawien. Ich interviewte gerade den Vorsitzenden der Republikanischen Nationalbank von Kroatien, als er plötzlich einen Anruf erhielt. Das serbische Parlament hatte gerade beschlossen, große Mengen an Dinar, der gemeinsamen Währung Jugoslawiens, eigenmächtig zu drucken. Als der Banker auflegte, sagte er: »Das ist das Ende von Jugoslawien.«

Er behielt recht. Jugoslawien brach auseinander. Die »Dinar-Zone« brach zusammen. Wir wissen, was dann folgte. Geld kann über Krieg und Frieden entscheiden, über Leben und Tod von Föderationen. Heute haben Kroatien, Serbien und die ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien jeweils eigene Währungen. Montenegro und Kosovo sind nicht in der Euro-Zone, aber sie verwenden den Euro. Bosnien hat sogar noch eine konvertible Mark, die an den Euro gekoppelt ist.

Das ist eine frappierende Geschichte, und zwar nicht über die Integration, sondern über die Desintegration Europas, die viele Menschenleben gekostet hat. Erst jetzt bewegt sich die Region langsam zurück Richtung Europa.

RadosŁaw Sikorski

ist seit 2007 polnischer Außenminister. Er studierte in England und war Kriegsreporter. Der Beitrag basiert auf einer Rede, die Sikorski in Berlin gehalten hat.

Das Auseinanderbrechen der Euro-Zone würde weit über unser Finanzsystem hinaus eine Krise apokalyptischen Ausmaßes bedeuten. Wenn sich erst einmal die Logik »Jeder ist sich selbst der Nächste« breitmacht, können wir dann wirklich darauf vertrauen, dass jedermann im Geiste der Gemeinschaft handelt und der Versuchung widersteht, auf anderen Gebieten Rechnungen begleichen zu wollen? Würden wir wirklich darauf wetten wollen, dass der europäische Binnenmarkt überlebt, wenn die Euro-Zone auseinanderbricht?

Wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, eine teilweise Zerstörung der EU zu erleben, dann bleibt nur die Wahl: tiefere Integration oder Kollaps.

Was kann die Rolle Polens sein? Polen ist heute nicht mehr ein Quell von Problemen, sondern von Lösungen für Europa. Wir haben jetzt die Kraft und den Willen, uns zu beteiligen. Wir können unsere Erfahrungen einbringen, wie wir den Wandel von einer Diktatur zu einer Demokratie erlebt haben, vom wirtschaftlich nahezu hoffnungslosen Fall zur aufblühenden Marktwirtschaft. Uns wurde geholfen, von Freunden und Alliierten: den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, und, vor allem, Deutschland. Wir sind dankbar für die starke und großzügige Unterstützung, die Solidarität, die Deutschland uns über die vergangenen zwei Jahrzehnte hinweg geschenkt hat. Ich hoffe, Sie betrachten es als eine gute Investition. 2010 hat Deutschland neun Mal mehr nach Polen exportiert als noch 1990, und der Export wächst trotz der Krise. Deutschlands Handel mit Polen ist größer als der mit Russland, auch wenn man es dem politischen Diskurs in Deutschland nicht immer anmerkt.

In den vergangenen vier Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt Polens insgesamt um 15,4 Prozent gewachsen. Und wer ist mit acht Prozent auf dem zweiten Platz innerhalb der EU? Ja, ein Mitglied der Euro-Zone – die Slowakei. Der Durchschnitt der EU liegt bei Minus 0,4 Prozent. Denen, die Europa teilen wollen, sage ich: Wie wäre es mit einer Teilung in ein wachsendes und ein nicht wachsendes Europa? Aber seid gewarnt, sie würde nicht den vorherrschenden Vorurteilen entsprechen.

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Kommentare

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Wir brauchen Fuehrung die bewegt

Der Mann spricht mir aus dem Herzen. Nicht dominieren, fuehren. Diese Krise ist keine Finanzkrise sie ist eine Fuehrungskrise. Europa ist auesserst wichtig fuer Europa aber auch wichtig fuer die ganze Welt. Es ist im Augenblick jedoch noch ein blutloses Konzept. Somit sind die Europaeer nicht inspiriert und stehen auch nicht richtig fuer Europa. Dieses Europa schafft nur Unwaegbarkeiten. Die nationalen Staaten sind noch zu eng gestrickt um los lassen zu koennen, und somit "eher den Spatz in der Hand..."
Ich lebe seit 44 Jahren in Suedafrika (seit meinem 10ten Lebensjahr). Ich habe hier grosse lebensveraendernde menschliche Transformationen erlebt. Wir sind noch am Anfang und haben viele Problem. Auch wir haben einen Mangel an integerer inspirierender Fuehrung. Der Mensch will inspiriert werden, und zur Zeit ist die Fuehrung, die sich ja in diese Posten draengt, ueberfordert. Europa braucht eine inspirierende Vision; wie sieht ein zukunftstraechtiges Europa aus. Es ist die Fuehrung in Europa die dem Konzept Leben eingeben muss, sodass sich die Europaeer damit identifizieren koennen. Wir brauchen Fuehrung die bewegt und inspiriert, und nicht zaudert. Mandela inspiriert mich, Frau Merkel laesst mich eher kalt.

"Es ist im Augenblick jedoch noch ein blutloses Konzept."

Das würde unterstellen, es gäbe ein Konzept. Das ist aber unrichtig und das vielleicht grundsätzlichstes Problem. Jedes Land sieht Europa anders als die anderen. Das Spektrum dessen, was die EU sein soll geht von Freihandelsraum bis Zentralstaat. Während die meisten Länder annehmen, dass nationales Recht subordiniert ist, sagt bspw das Bundesverfassungsgericht, dies wäre nicht der Fall.

Da dies so ist, wurden die Verträge immer so abgefasst, dass die Kluft zwischen den Meinungen überkleistert wurde. Das war auch prima, bis es ein Erdbeben gab.