Politik und Lyrik Nr. 39 Zu gut, den Berg nicht zu bezwingen

Jede Woche veröffentlicht die ZEIT Gedichte über Politik. Diese Woche widmet sich Herbert Hindringer einem großen politischen Talent.

Seit dem 10. März  versuchen wir im Politikteil der ZEIT, Politik von einer anderen Seite und auf  andere Art wahrzunehmen.  Elf Lyrikerinnen und Lyriker  verfassen eigens für die ZEIT Gedichte, sie zeigen uns ihre Sicht auf die Politik. Mal schreiben sie  unabhängig von den  Ereignissen, mal gehen sie direkt auf politische  Erlebnisse ein. Womit wir anfangs nicht  gerechnet hatten, das ist die Fülle und Dichte der  Ereignisse, wie wir sie seit  Anfang dieses Jahres  erleben. Die Gedichte  wurden dabei häufig sehr aktuell, einige am Tag nach  politischen Entscheidungen oder nach Katastrophen  verfasst. Diese Woche  widmet sich Herbert  Hindringer einem großen politischen Talent.

Herbert Hindringer: Zu gut, den Berg nicht zu bezwingen

»Mit ihm kann man Pferde stehlen. Seine Pferde.«
(Matthias Geis und Bernd Ulrich, ZEIT Nr. 9/11)

Sie wissen doch, die Zeit heilt alle Kunden

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die unzufrieden sind mit Wunderheilern, stapeln Sie

sämtliche Lorbeerkränze auf Ihr Kopfzerbrechen
so hoch wie alle Luftsprünge aller Lottogewinner aller Zeiten zusammen

nehmen Sie deren Schmerztabletten ein
und wenn Sie wieder landen, ziehen Sie das Clark-Kent-Kostüm aus

lassen Sie CDs mit Ihrem Zähneknirschen brennen
wie einen Scheiterhaufen und kinnladen Sie sich den Mund herunter

bis zum Adelsgeschlecht, um sich fortzupflanzen
im festen Glauben an die eigene Stärke, um Himmels willen

nehmen Sie nicht ernst, was andere sagen, die zitieren doch nur
andere und somit sich selbst

Pferdedieb ist kein akademischer Grad, ein Sündenbock aber
raubt Ihnen den gerechten Schlaf, stahl

sich unverrichteter Dinge davon
ein paar Stunden und den einen großen Traum: Ich

werde sein, was noch keiner gewesen ist, nicht Doktor
und auch nicht Patient

ich werde regieren: werde mich in Zukunft beherrschen können

Herbert Hindringer

geboren 1974 in Passau, lebt und arbeitet in Hamburg. Er schreibt Gedichte, Liedtexte und manchmal auch Prosa. Bei yedermann erschienen die Bände biete bluterguss & suche das weite (2003) und Distanzschule (2007). Seine Gedichte wurden auch in verschiedenen Anthologien veröffentlicht, u. a. ich wollte mich nicht in: Jahrbuch der Lyrik 2009 (Hrsg. Christoph Buchwald u. Uljana Wolf); S. Fischer. 2009 erschien in der Reihe Schöner Lesen Der letzte Mensch mit Segelohren; SuKuLTuR, Berlin.

 
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