Döner macht schöner, aber es ist nicht leicht, ihn zu finden. Ein Dönerstand in Peking © Thomas Linkel für DIE ZEIT

Die Peking-Ente war schuld. Mit schnellen Hieben zerlegte der Koch die dunkelrote Haut des mumifiziert aussehenden Tiers zu kleinen Ziegeln, die er vor mir auf eine Platte schichtete. Dann setzte er den gedörrten Vogelkopf daneben und wünschte Guten Appetit. Mein Magen winkte ab. Meine Tischpartnerin Yinna lachte. "Heute probierst du die Ente. Und morgen kriegst du deutsches Essen. Ich zeige dir den besten Döner Kebab von Peking." Gibt es in Peking Döner? Yinna muss es wissen. Die 31 Jahre ihres Lebens hat sie in der chinesischen Hauptstadt verbracht. Ihr fließendes Deutsch kommt von zwei Jahren Sprachunterricht an der Uni. In der Hochsaison im Herbst nimmt sie manchmal westliche Reisende an die Hand und hilft ihnen, sich im Moloch ihrer Heimatstadt zurechtzufinden.

Der Döner wurde in China vor zehn Jahren eingeführt. Einem chinesischen Geschäftsmann war auf einer Reise durch Deutschland aufgefallen, dass es bei uns an jeder Ecke gut laufende Dönerbuden gibt. Imitation bedeutet in China Ehrbezeugung vor einer guten Idee, darum eröffnete der Mann im Herbst 2000 in Peking eine Bude mit "Deutschem Döner". Der Laden selbst ist längst wieder geschlossen. Aber die Idee hat Bestand. Mittlerweile gibt es in vielen chinesischen Städten "Turkish Barbeque". Diese Bezeichnung für das Fleischsandwich hat sich im Land durchgesetzt. Wo aber findet man in Peking diese Buden? "Mit den Adressen ist das bei uns nicht so einfach", sagt Yinna. Abseits der großen, stets vom Stau verstopften Hauptstraßen besteht eine Anschrift manchmal nur aus der Nummer eines Straßenblocks oder bezieht sich auf einen markanten Punkt, ein Einkaufszentrum zum Beispiel, das aber möglicherweise schon gar nicht mehr existiert. Die Stadt verändert sich rasend. Selbst Einheimische finden sich da nur schwer zurecht. Entsprechend vage sind auch die Geheimtipps für die Dönerbuden, die sich Heimwehdeutsche in China über Internetforen weitergeben: "Irgendwo hinter der 3.3-Mall" oder "im 5. Stock des Yaxiu-Marktes".

Yinnas Lieblingsdöner gibt es in einer Seitenstraße, die von der Fußgängerzone Wangfujing in der Innenstadt abzweigt. Leider kann sie am nächsten Tag nicht mitkommen. Yeh Yeh, ihre kleine Tochter, ist krank geworden. So mache ich mich allein auf den Weg, mit einer Wegskizze, die Yinna für mich angefertigt hat. Die Wangfujing ist die beliebteste Fußgängerzone von Peking. Sie liegt nur wenige Blocks vom Platz des himmlischen Friedens entfernt. Hier sieht es aus wie in jeder Fußgängerzone der Welt, nur ist sie breiter. Ungefähr hundert Meter hinter dem markanten Wangfujing Bookstore und der benachbarten McDonald’s-Filiale zweigt links eine Gasse von der Fußgängerzone ab. Sie wird von einem bunten Blumentor überspannt. Hier ist jeder Meter von Fressbuden gesäumt. Es gibt undefinierbare gebackene Bällchen, meterlange Nudeln und geröstete Skorpione. Nach wenigen Metern verzweigt sich die Gasse in kleinere Gässchen. Der Strom von schwarzhaarigen mampfenden Menschen nimmt mich auf und schiebt mich immer tiefer hinein in den Markt mit seinen scharfen Gerüchen, seinen lockenden und hektischen Rufen. "Where are you from?", kreischt ein magerer junger Chinese und winkt. "Germany good! Here eat Germany!" Er zeigt euphorisch auf einen geschichteten Fleischklops, der sich massig in der winzigen Bude dreht. Unverkennbar ein Dönerspieß. Sofort beginnt er zu säbeln. Seine Technik unterscheidet sich in nichts von der der Kollegen in Berlin-Kreuzberg. Auch seine Frage nicht. "Spicy?" Mit scharf? Gerade will ich gewohnheitsmäßig nicken. Doch was macht er jetzt mit dem Fleisch? Die abgesäbelten Stückchen lässt er in das heruntergetropfte Fett plumpsen. Jetzt wirft er eine Kelle geschnipselten Salat dazu und beginnt, alles gründlich zu mischen. Bevor ich protestieren kann, schöpft er die inzwischen breiartige Mischung in ein kleines, bleiches Pita und hält mir das Ganze stolz entgegen. "5 Yuan" – etwa 60 Cent. Das Papiertütchen, in dem der Döner steckt, sieht original aus wie in Deutschland und ist mit "Turkey Döner Kebab" beschriftet. Ich beiße hinein. Schmeckt wie gut gewürztes, aber extrem fettiges Hühnerfleisch. Es ist definitiv ein Döner Kebab. Aber der beste von Peking? Am Nachbarstand besteht die Auslage aus langen Holzspießen mit aufgereihten Käfern, deren Beinchen noch zucken. Deutschland ist 10.000 Kilometer entfernt.

Mit dem Taxi fahre ich in den Stadtteil Chaoyang. Die chinesische Adresse von Schindler’s German Food Center habe ich ausgedruckt. Dazu zur Sicherheit noch die Frage "Where is Turkish Barbecue?" auf Chinesisch zum Draufzeigen. Der Deutsche Supermarkt wurde Mitte der neunziger Jahre von einem ehemaligen Oberst der NVA aus Dresden eröffnet. Als sein Arbeitgeber abgewickelt wurde, schulte er zum Metzger um, wanderte nach China aus und wurde reich. Der Döner, den er in seinem Supermarkt irgendwann anzubieten begann, wird in den Auswandererforen einhellig als "der beste in Peking" gelobt.

In großen Kreisen steuert der Fahrer auf die Adresse zu. Hin und wieder steigt er aus und fragt Kollegen um Rat. Die haben offenkundig keine Ahnung, nicken aber immer entschlossen. Am Schwung, mit der sie in irgendeine Richtung zeigen, versuche ich abzulesen, wer wenigstens einen Schimmer hat. In einer Seitenstraße hält der Fahrer schließlich vor einem unauffälligen Laden. Schindler’s German Food Center sieht aus wie ein gut sortierter Tankstellenshop. In Regalen stehen Pakete mit Milupa-Folgemilch und Spreewaldgurken. An den Wänden gibt es je eine ausladende Fleisch- und Käsetheke. Davor zwei Tische mit Bierbänken. Aber wo ist der Döner? Ein einsam dasitzender Mann bemerkt meinen suchenden Blick. "Den haben die Behörden leider vor zwei Monaten verboten." Er stellt sich als Denis aus New Haven vor. Vor Jahren ist er in der Stadt hängen geblieben. "Ist hier auch nicht schlechter als anderswo. Nur das Essen ist ein Problem. Das chinesische Zeug geht mir auf den Magen." Fast jede Woche kommt er deshalb zu Schindler’s. "Die Chinesen haben gesagt, das ist hier ein Supermarkt, da darf man kein fertiges Essen verkaufen." Geknickt kaut er an einem bleichen Brötchen, das ihm die Wurstverkäuferin zum Trost mit kaltem Braten belegt hat.