PekingOh, du schöner deutscher Döner!

In China gilt Kebab als urdeutsche Spezialität. Aber schmeckt er auch in Peking wie in Kreuzberg? von Susann Sitzler

Döner macht schöner, aber es ist nicht leicht, ihn zu finden. Ein Dönerstand in Peking

Döner macht schöner, aber es ist nicht leicht, ihn zu finden. Ein Dönerstand in Peking  |  © Thomas Linkel für DIE ZEIT

Die Peking-Ente war schuld. Mit schnellen Hieben zerlegte der Koch die dunkelrote Haut des mumifiziert aussehenden Tiers zu kleinen Ziegeln, die er vor mir auf eine Platte schichtete. Dann setzte er den gedörrten Vogelkopf daneben und wünschte Guten Appetit. Mein Magen winkte ab. Meine Tischpartnerin Yinna lachte. »Heute probierst du die Ente. Und morgen kriegst du deutsches Essen. Ich zeige dir den besten Döner Kebab von Peking.« Gibt es in Peking Döner? Yinna muss es wissen. Die 31 Jahre ihres Lebens hat sie in der chinesischen Hauptstadt verbracht. Ihr fließendes Deutsch kommt von zwei Jahren Sprachunterricht an der Uni. In der Hochsaison im Herbst nimmt sie manchmal westliche Reisende an die Hand und hilft ihnen, sich im Moloch ihrer Heimatstadt zurechtzufinden.

Der Döner wurde in China vor zehn Jahren eingeführt. Einem chinesischen Geschäftsmann war auf einer Reise durch Deutschland aufgefallen, dass es bei uns an jeder Ecke gut laufende Dönerbuden gibt. Imitation bedeutet in China Ehrbezeugung vor einer guten Idee, darum eröffnete der Mann im Herbst 2000 in Peking eine Bude mit »Deutschem Döner«. Der Laden selbst ist längst wieder geschlossen. Aber die Idee hat Bestand. Mittlerweile gibt es in vielen chinesischen Städten »Turkish Barbeque«. Diese Bezeichnung für das Fleischsandwich hat sich im Land durchgesetzt. Wo aber findet man in Peking diese Buden? »Mit den Adressen ist das bei uns nicht so einfach«, sagt Yinna. Abseits der großen, stets vom Stau verstopften Hauptstraßen besteht eine Anschrift manchmal nur aus der Nummer eines Straßenblocks oder bezieht sich auf einen markanten Punkt, ein Einkaufszentrum zum Beispiel, das aber möglicherweise schon gar nicht mehr existiert. Die Stadt verändert sich rasend. Selbst Einheimische finden sich da nur schwer zurecht. Entsprechend vage sind auch die Geheimtipps für die Dönerbuden, die sich Heimwehdeutsche in China über Internetforen weitergeben: »Irgendwo hinter der 3.3-Mall« oder »im 5. Stock des Yaxiu-Marktes«.

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Yinnas Lieblingsdöner gibt es in einer Seitenstraße, die von der Fußgängerzone Wangfujing in der Innenstadt abzweigt. Leider kann sie am nächsten Tag nicht mitkommen. Yeh Yeh, ihre kleine Tochter, ist krank geworden. So mache ich mich allein auf den Weg, mit einer Wegskizze, die Yinna für mich angefertigt hat. Die Wangfujing ist die beliebteste Fußgängerzone von Peking. Sie liegt nur wenige Blocks vom Platz des himmlischen Friedens entfernt. Hier sieht es aus wie in jeder Fußgängerzone der Welt, nur ist sie breiter. Ungefähr hundert Meter hinter dem markanten Wangfujing Bookstore und der benachbarten McDonald’s-Filiale zweigt links eine Gasse von der Fußgängerzone ab. Sie wird von einem bunten Blumentor überspannt. Hier ist jeder Meter von Fressbuden gesäumt. Es gibt undefinierbare gebackene Bällchen, meterlange Nudeln und geröstete Skorpione. Nach wenigen Metern verzweigt sich die Gasse in kleinere Gässchen. Der Strom von schwarzhaarigen mampfenden Menschen nimmt mich auf und schiebt mich immer tiefer hinein in den Markt mit seinen scharfen Gerüchen, seinen lockenden und hektischen Rufen. »Where are you from?«, kreischt ein magerer junger Chinese und winkt. »Germany good! Here eat Germany!« Er zeigt euphorisch auf einen geschichteten Fleischklops, der sich massig in der winzigen Bude dreht. Unverkennbar ein Dönerspieß. Sofort beginnt er zu säbeln. Seine Technik unterscheidet sich in nichts von der der Kollegen in Berlin-Kreuzberg. Auch seine Frage nicht. »Spicy?« Mit scharf? Gerade will ich gewohnheitsmäßig nicken. Doch was macht er jetzt mit dem Fleisch? Die abgesäbelten Stückchen lässt er in das heruntergetropfte Fett plumpsen. Jetzt wirft er eine Kelle geschnipselten Salat dazu und beginnt, alles gründlich zu mischen. Bevor ich protestieren kann, schöpft er die inzwischen breiartige Mischung in ein kleines, bleiches Pita und hält mir das Ganze stolz entgegen. »5 Yuan« – etwa 60 Cent. Das Papiertütchen, in dem der Döner steckt, sieht original aus wie in Deutschland und ist mit »Turkey Döner Kebab« beschriftet. Ich beiße hinein. Schmeckt wie gut gewürztes, aber extrem fettiges Hühnerfleisch. Es ist definitiv ein Döner Kebab. Aber der beste von Peking? Am Nachbarstand besteht die Auslage aus langen Holzspießen mit aufgereihten Käfern, deren Beinchen noch zucken. Deutschland ist 10.000 Kilometer entfernt.

Mit dem Taxi fahre ich in den Stadtteil Chaoyang. Die chinesische Adresse von Schindler’s German Food Center habe ich ausgedruckt. Dazu zur Sicherheit noch die Frage »Where is Turkish Barbecue?« auf Chinesisch zum Draufzeigen. Der Deutsche Supermarkt wurde Mitte der neunziger Jahre von einem ehemaligen Oberst der NVA aus Dresden eröffnet. Als sein Arbeitgeber abgewickelt wurde, schulte er zum Metzger um, wanderte nach China aus und wurde reich. Der Döner, den er in seinem Supermarkt irgendwann anzubieten begann, wird in den Auswandererforen einhellig als »der beste in Peking« gelobt.

In großen Kreisen steuert der Fahrer auf die Adresse zu. Hin und wieder steigt er aus und fragt Kollegen um Rat. Die haben offenkundig keine Ahnung, nicken aber immer entschlossen. Am Schwung, mit der sie in irgendeine Richtung zeigen, versuche ich abzulesen, wer wenigstens einen Schimmer hat. In einer Seitenstraße hält der Fahrer schließlich vor einem unauffälligen Laden. Schindler’s German Food Center sieht aus wie ein gut sortierter Tankstellenshop. In Regalen stehen Pakete mit Milupa-Folgemilch und Spreewaldgurken. An den Wänden gibt es je eine ausladende Fleisch- und Käsetheke. Davor zwei Tische mit Bierbänken. Aber wo ist der Döner? Ein einsam dasitzender Mann bemerkt meinen suchenden Blick. »Den haben die Behörden leider vor zwei Monaten verboten.« Er stellt sich als Denis aus New Haven vor. Vor Jahren ist er in der Stadt hängen geblieben. »Ist hier auch nicht schlechter als anderswo. Nur das Essen ist ein Problem. Das chinesische Zeug geht mir auf den Magen.« Fast jede Woche kommt er deshalb zu Schindler’s. »Die Chinesen haben gesagt, das ist hier ein Supermarkt, da darf man kein fertiges Essen verkaufen.« Geknickt kaut er an einem bleichen Brötchen, das ihm die Wurstverkäuferin zum Trost mit kaltem Braten belegt hat.

Leserkommentare
    • Kanna90
    • 12. Dezember 2011 7:26 Uhr

    In Deutschland ist chinesisches, gutes chinesisches Essen auch nicht einfach zu finden. Stattdessen wird hier möchtegern Chinesisch verkauft... und wenn man das Original aus dem Land nicht kennt, nimmt man es als "chinesisches" Essen wahr.

    3 Leserempfehlungen
    • 2sheba
    • 12. Dezember 2011 8:14 Uhr
    2. oh je

    schlimme Arroganz, die durch den Artikel schimmert.
    Da wird an allem hochnäsig und Nase rümpfend kritisiert, das der ach so feinen Schreiberin nicht passt, nur um am Ende ganz gönnerhaft zu sagen, dass man es nicht mehr so genau nimmt...

    Wäre dieser Artikel auf Malle verfasst worden, auf der Suche nach "deutschem" Essen, würde der Autorin eine Verbundenheit zur BILD unterstellt werden.
    Ist das vielleicht wirklich typisch Deutsch, dass man sich auf keinen Fall auf fremde Sitten/Kulturen/Bräuche einlassen möchte und sich tagelang auf die Suche nach gewohntem Essen macht?

    Ich habe beim Lesen wirklich eine gewisse Art von Fremdscham empfunden.
    ganz ganz schlimm.

    2 Leserempfehlungen
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    • jkluge
    • 12. Dezember 2011 10:43 Uhr

    Sie müssen in dem Text das Augenzwinkern der Autorin sehen. Eigtl. geht sie mit der Erfahrung sehr tolerant um. Ich weiß nicht, ob ich neben einem Käferstand irgendetwas essen könnte. Das hat ja nichts mit Arroganz oder Kulturüberlegenheit zu tun, sondern Gewohnheit, Erziehung, einfach Verschiedenheit.

    Wenn man längere Zeit im Ausland lebt, dann kommt es schon mal vor, dass man sich mit Wehmut an die heimische Küche erinnert. Das ist einfach eine Form von Heimweh. Warum sollte man die eigene Herkunft und Kultur verleugnen und sich ausschliesslich von z.B. chinesischen Essen ernähren? Der Reiz liegt doch in der Vielfalt und dazu gehört auch die deutsche Küche!

    • Ijon
    • 12. Dezember 2011 9:41 Uhr

    Von Fremdschämen keine Spur - Ich glaub, die Chinesen nehmen's uns nicht so übel. Außerdem muss man sagen, dass die Chinesen das hier vorhandene "chinesische" Essen auf ganz ähnliche Weise sehen, was mich persönlich aber noch überhaupt nie gestört hat, weil es vermutlich die Wahrheit ist.

    2 Leserempfehlungen
  1. ach was könnte man doch alles über die Esskultur von China berichten! Aber, es muss halt dieser schlechte Beitrag sein.
    [...]

    Gekürzt. Bitte setzen Sie sich argumentativ mit den Inhalten des Artikels auseinander. Danke. Die Redaktion/ag

    2 Leserempfehlungen
    • jkluge
    • 12. Dezember 2011 10:43 Uhr

    Sie müssen in dem Text das Augenzwinkern der Autorin sehen. Eigtl. geht sie mit der Erfahrung sehr tolerant um. Ich weiß nicht, ob ich neben einem Käferstand irgendetwas essen könnte. Das hat ja nichts mit Arroganz oder Kulturüberlegenheit zu tun, sondern Gewohnheit, Erziehung, einfach Verschiedenheit.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "oh je"
  2. Wenn schon deutsches Essen in Peking, dann bitte das Restaurant "Kochmützen". Den besten Döner habe ich in Shanghai gegessen im "Anadolu". Ein bayrischer Türke aus Rosenheim, falls es ihn noch gibt.

  3. Kochmützen? Ist wohl eher was für Schlafmützen.
    Bodenseestuben ist besser. Da kriegen Sie auch noch Zigarettenluft umsonst drauf,da wurde die gute alte Zeit konserviert.

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    Habe gerade erfahren, daß das "Kochmützen" leider schon wieder geschloßen hat. Von dem her werde ich ihre Empfehlung bei meinem nächsten Pekingbesuch austesten. Von dem was ich im Internet gelesen habe, klingt es ja ganz vielversprechend.

  4. Habe gerade erfahren, daß das "Kochmützen" leider schon wieder geschloßen hat. Von dem her werde ich ihre Empfehlung bei meinem nächsten Pekingbesuch austesten. Von dem was ich im Internet gelesen habe, klingt es ja ganz vielversprechend.

    Antwort auf "Schleichwerbung?"

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