Knut spielt auch einmal eine Rolle, wenngleich nicht als Knut himself, sondern als Symbol. So kindchenschemahaft kuschelig er nämlich am Anfang war mit seinem leuchtend weißen Fell, so traurig, vereinsamt, von der Rolle wirkte er am Schluss. Es ist, als sei innerhalb kürzester Zeit sein wahres Bärenwesen zum Vorschein gekommen, eine Mischung aus Langeweile, Schmutz und latenter Aggression. Und weil das zu der Stadt passt, in der Aérea Negrot seit nunmehr sieben Jahren lebt, hat sie eine Art Hymne daraus gedichtet: »Berlin, du bist nach ein Tier genannt.«

Nicht dass die Frau, die da inmitten ihres Wohnzimmergeräteparks sitzt, auf irgendeine Weise verbittert wäre, im Gegenteil: Die gebürtige Venezolanerin mag ihre Wahlheimat, mit allem, was dazugehört. »Please move to Berlin«, heißt es in einem ihrer Songs zu selbst gebastelten Elektrobeats, als spreche eine Tourismusbeauftragte in geheimer Mission. Doch wenn man wie sie von weit her kommt, zeigt sich die Stadt erst einmal als Dschungel aus Gesten und Lauten, die einen im Alltag entweder zur Kapitulation zwingen oder aber zur künstlerischen Gegenwehr. Aérea Negrot hat sich für Letzteres entschieden. Das Ergebnis ist die schrägste, lustigste und grammatisch krudeste Discoplatte des Herbstes.

Auf Arabxilla breitet die Negrot, wie so viele Dancefloor-Diven eine Kunstfigur eigener Schöpfung, in drei Sprachen und noch mehr Klangfarben ihre Erfahrungen mit deutschen Sitten und deutscher Phonetik aus. Mal meint man, Textbrocken aus Kneipengesprächen zu erkennen. Mal wird dem Clubgänger der Ratschlag einer erfahrenen Nachtschwärmerin zuteil: »Listen to the people who come inside you«. Die Spur der Klänge führt aber auch mitten in den hiesigen Amtsstubenwahnsinn hinein, wo der pathetisch gefasste, mit rrrrollenden R vorgetragene Entschluss »Ich will eine Deutsche werden« in allgemeiner Ernüchterung endet: »Man hat nie genug Dokumente«. Um Diagnosen geht es bei alldem allerdings bloß am Rande, die eigentlichen Helden dieser Geschichten sind die Wörter.


Es ist eine beeindruckende Phalanx von Zisch-, Bell- und Grolltönen, die hier nach Manier eines gesungenen Tagebuchs aufgefahren wird, ein akustischer Querschnitt aus Behörden- und Szenesprachlichem, wie man ihn in dieser quasivolkskundlichen Konsequenz schon lange nicht mehr gehört hat. Von Anfang an habe sie das Konsonantenreiche des Deutschen beeindruckt, erzählt die Negrot: all die Dental- und Labiallaute, die so etwas Definitives signalisieren, wie in »Anrufbeantworter« oder ihrem Lieblingswort »Handtuchhalter«. Das Ergebnis klingt teils operettenhaft, teils nach dem Kieksen der Neuen Deutschen Welle, mit einem Unterschied: Während die popgewordene Berlin-Ethnografie bislang bloß grenzenlose Affirmation (»Ich steh auf Berlin!«) oder ebenso heftige Gesten der Verwerfung kannte, reist hier eine Beobachterin heiter durch Idiome und Formen.

Überhaupt das Reisen: Es hat sich im Lauf der Zeit als Grundbewegung der Negrotschen Existenz erwiesen. Schon als Kind hatte sie das Gefühl, nicht von diesem Planeten zu stammen, was zu ausgedehnten, von knisterndem Vinyl begleiteten Exkursionen in die Fantasie führte. Als Teenager verließ sie ihre Familie, um in der venezolanischen Hauptstadt Caracas eigene Wege zu gehen. Danach trieb es sie über die Stationen Den Haag und Porto nach London, wo sie am Centre of Contemporary Music erste Erfahrungen als Produzentin sammelte. Ein Nomadenleben mit leichtem Gepäck, alles Notwendige passte in einen einzigen Koffer. So etwas wie Sesshaftigkeit entwickelte sich erst mit dem Umzug nach Berlin. Doch Danielle Gallegos, wie Aérea Negrot im bürgerlichen Leben heißt, hat auch eine Geschlechtergrenze überquert. Geboren wurde sie vor 31 Jahren – als Junge. Die Kleinstadt, aus der sie stammt, verschwand 1999 durch einen Erdrutsch komplett von der Landkarte, das bescherte ihr vonseiten der Bürokratie viel Ärger: Wie soll man ein Einbürgerungsverfahren bestehen, wenn nicht einmal eine Geburtsurkunde vorliegt? Ohnehin hat das Aktenkundige in Venezuela seine Tücken, es reicht Jahrzehnte zurück, vielleicht auch ein Jahrhundert, davor liegt eine Geschichte der Mündlichkeit, die sich in den Wirren präkolonialer Zeiten verliert: Als Lateinamerikanerin ist man auf eine ganz körperliche Weise das Produkt vieler Einflüsse. Doch natürlich reist es sich auch leichter ohne zu viel Identitätsballast: Wenn nichts feststeht, ist wieder alles möglich. Und so wurde aus Danielle Gallegos Aérea, die Luftige, halb Indiogöttin, halb Techno-Queen.