Ken Jebsen hat Beweise gesammelt. Die Begrüßung ist noch freundlich kumpelhaft, natürlich duzt er einen völlig kompromisslos, der 45-Jährige macht ja nicht umsonst schon fast sein Leben lang Jugendradio – bis ihn der RBB kürzlich vom Sender nahm. Die Wohnung in Berlin Mitte, die zugleich seine kleine Produktionsfirma beherbergt, ist eben genauso – berlinmittig lässig, viel Holz, Filmplakate an den Wänden, auf der Fensterbank liegen bunte Legosteine der vierjährigen Tochter. Auf dem langen Holztisch in der Wohnküche liegt ein schlichter Adventskranz mit vier roten Stumpenkerzen. Doch bevor es sich jemand gemütlich machen kann, schießt Jebsen eine Frage durch die Luft. Scharf der Blick, scharf der Ton. »Warum arbeitest du für eine rechtsradikale Zeitung?« Knall, bum, peng.

Stolz präsentiert er die Überschriften, die er feinsäuberlich aus der ZEIT ausgeschnitten und auf dem gusseisernen Beistellwagen vor der Küchenzeile drapiert hat. »Wann kommt der Tag X?« steht da, ein Hakenkreuz aus einer Illustration hat er auch gefunden und irgendwas mit »Führung«. Reicht schon. Auf der Ablage darunter stapeln sich die Bratpfannen.

Die Verantwortlichen hörten Sonntagnachmittags selten Radio

Man könnte sich jetzt auf eine Diskussion einlassen – wieso, warum, was soll das? Man könnte, aber man lässt es besser. Es ist ziemlich offensichtlich, dass es sich um einen Angriff handelt, der pure Verteidigung ist. Jebsen will sagen: Die Vorwürfe gegen ihn sind alle aus dem Zusammenhang gerissen. Wenn ich ein Antisemit sein soll, dann seid ihr ebenso rechtsradikal.

Mit seiner kleinen Einstiegsaktion hat er allerdings auch gleich deutlich gemacht, was sein Problem ist: Er provoziert, er überspitzt bis zur Unkenntlichkeit, er redet um einiges schneller, als ein menschliches Gehirn denken kann. Mögliche Missverständnisse sind ihm völlig egal. Wer ihm schlechte Absichten unterstellen will, der braucht nicht lange zuzuhören, um etwas Taugliches zu finden.

Jebsens Sendung KenFM ist eigentlich als Musiksendung gedacht, die neue Bands vorstellt, die unterhält, die aber eben auch politische Beiträge bringt. Sie lief in Berlin bei Radio Fritz über den Äther, jeden Sonntag vier Stunden, und das schon seit der Gründung, also seit mehr als zehn Jahren. Hört man in die Archivbeiträge rein, ist das ein kleines Wunder, das wohl auch damit zu erklären ist, dass die Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Mutteranstalt RBB Sonntagnachmittags bislang selten ihr eigenes Jugendradio eingeschaltet haben. Bis vor Kurzem.

Schwarz-weiß ist die Sache schnell erzählt: Moderator macht antisemitische Bemerkung in einem E-Mail-Verkehr mit Hörer, der an die Öffentlichkeit gelangt. RBB zaudert erst, stellt sich vor seinen Mitarbeiter, feuert ihn dann doch, wegen des öffentlichen Drucks.

Die komplexe Fassung nimmt mehr Raum in Anspruch. Anfang November veröffentlicht Henryk M. Broder , selbst erklärter Feind der political correctness, auf seinem Blog Achse des Guten eine E-Mail von Jebsen, die ihm ein KenFM-Hörer zugeschickt hatte. Sie ist lang, sie strotzt nur so vor Fehlern – Rechtschreibung sei ihm nicht so wichtig, sagt Jebsen –, und sie enthält einen fatalen Satz. Im wirren, aber nichtsdestoweniger vorhandenen Kontext liest sich das so: »sie brauchen mir keine holocaus informatinen zukommen lassen. ich habe mehr als sie. ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat. der neffe freuds. bernays. in seinem buch propaganda schrieb er wie man solche kampagnen durchführt. goebbels hat das gelesen und umgesetzt. ich weis wer die rassendatten im NS reich möglich gemacht hat.«

Der PR-Satz ist nicht nur völlig unhaltbar, sondern auch offensichtlich fahrlässig, selbst wenn Jebsen ihn nicht so gemeint haben sollte, wie er klingt. Jeder Mensch bei Verstand, vor allem einer, der öffentlich redet und sendet, würde bei dem Thema besonders darauf achten, nicht missverstanden werden zu können, doch dieser Satz schreit geradezu danach.

Da half es nicht mehr viel, dass Jebsen nach einer Sendung Pause wieder live ans Mikro durfte, sich ausdrücklich entschuldigte und noch mal auf Edward Bernays verwies, den sogenannten Erfinder der PR, der tatsächlich dem Propagandachef Joseph Goebbels als Vorbild für seine Kampagnen gedient haben soll.