Das ist der RBB-Moderator Ken Jebsen. © rbb/Stefan Wieland

Ken Jebsen hat Beweise gesammelt. Die Begrüßung ist noch freundlich kumpelhaft, natürlich duzt er einen völlig kompromisslos, der 45-Jährige macht ja nicht umsonst schon fast sein Leben lang Jugendradio – bis ihn der RBB kürzlich vom Sender nahm. Die Wohnung in Berlin Mitte, die zugleich seine kleine Produktionsfirma beherbergt, ist eben genauso – berlinmittig lässig, viel Holz, Filmplakate an den Wänden, auf der Fensterbank liegen bunte Legosteine der vierjährigen Tochter. Auf dem langen Holztisch in der Wohnküche liegt ein schlichter Adventskranz mit vier roten Stumpenkerzen. Doch bevor es sich jemand gemütlich machen kann, schießt Jebsen eine Frage durch die Luft. Scharf der Blick, scharf der Ton. »Warum arbeitest du für eine rechtsradikale Zeitung?« Knall, bum, peng.

Stolz präsentiert er die Überschriften, die er feinsäuberlich aus der ZEIT ausgeschnitten und auf dem gusseisernen Beistellwagen vor der Küchenzeile drapiert hat. »Wann kommt der Tag X?« steht da, ein Hakenkreuz aus einer Illustration hat er auch gefunden und irgendwas mit »Führung«. Reicht schon. Auf der Ablage darunter stapeln sich die Bratpfannen.

Die Verantwortlichen hörten Sonntagnachmittags selten Radio

Man könnte sich jetzt auf eine Diskussion einlassen – wieso, warum, was soll das? Man könnte, aber man lässt es besser. Es ist ziemlich offensichtlich, dass es sich um einen Angriff handelt, der pure Verteidigung ist. Jebsen will sagen: Die Vorwürfe gegen ihn sind alle aus dem Zusammenhang gerissen. Wenn ich ein Antisemit sein soll, dann seid ihr ebenso rechtsradikal.

Mit seiner kleinen Einstiegsaktion hat er allerdings auch gleich deutlich gemacht, was sein Problem ist: Er provoziert, er überspitzt bis zur Unkenntlichkeit, er redet um einiges schneller, als ein menschliches Gehirn denken kann. Mögliche Missverständnisse sind ihm völlig egal. Wer ihm schlechte Absichten unterstellen will, der braucht nicht lange zuzuhören, um etwas Taugliches zu finden.

Jebsens Sendung KenFM ist eigentlich als Musiksendung gedacht, die neue Bands vorstellt, die unterhält, die aber eben auch politische Beiträge bringt. Sie lief in Berlin bei Radio Fritz über den Äther, jeden Sonntag vier Stunden, und das schon seit der Gründung, also seit mehr als zehn Jahren. Hört man in die Archivbeiträge rein, ist das ein kleines Wunder, das wohl auch damit zu erklären ist, dass die Verantwortlichen der öffentlich-rechtlichen Mutteranstalt RBB Sonntagnachmittags bislang selten ihr eigenes Jugendradio eingeschaltet haben. Bis vor Kurzem.

Schwarz-weiß ist die Sache schnell erzählt: Moderator macht antisemitische Bemerkung in einem E-Mail-Verkehr mit Hörer, der an die Öffentlichkeit gelangt. RBB zaudert erst, stellt sich vor seinen Mitarbeiter, feuert ihn dann doch, wegen des öffentlichen Drucks.

Die komplexe Fassung nimmt mehr Raum in Anspruch. Anfang November veröffentlicht Henryk M. Broder , selbst erklärter Feind der political correctness, auf seinem Blog Achse des Guten eine E-Mail von Jebsen, die ihm ein KenFM-Hörer zugeschickt hatte. Sie ist lang, sie strotzt nur so vor Fehlern – Rechtschreibung sei ihm nicht so wichtig, sagt Jebsen –, und sie enthält einen fatalen Satz. Im wirren, aber nichtsdestoweniger vorhandenen Kontext liest sich das so: »sie brauchen mir keine holocaus informatinen zukommen lassen. ich habe mehr als sie. ich weis wer den holocaust als PR erfunden hat. der neffe freuds. bernays. in seinem buch propaganda schrieb er wie man solche kampagnen durchführt. goebbels hat das gelesen und umgesetzt. ich weis wer die rassendatten im NS reich möglich gemacht hat.«

Der PR-Satz ist nicht nur völlig unhaltbar, sondern auch offensichtlich fahrlässig, selbst wenn Jebsen ihn nicht so gemeint haben sollte, wie er klingt. Jeder Mensch bei Verstand, vor allem einer, der öffentlich redet und sendet, würde bei dem Thema besonders darauf achten, nicht missverstanden werden zu können, doch dieser Satz schreit geradezu danach.

Da half es nicht mehr viel, dass Jebsen nach einer Sendung Pause wieder live ans Mikro durfte, sich ausdrücklich entschuldigte und noch mal auf Edward Bernays verwies, den sogenannten Erfinder der PR, der tatsächlich dem Propagandachef Joseph Goebbels als Vorbild für seine Kampagnen gedient haben soll.

Beim RBB herrscht derzeit selbstkritische Stimmung

Broder nannte Jebsen einen »Antisemiten« und schimpfte, der RBB habe »jahrelang einen Irren beschäftigt« (wobei Broder nebenbei selbst als Kolumnist beim großen Bruder von Radio Fritz beschäftigt ist). Einige KenFM-Hörer beschimpften ihrerseits Broder mit braunen Parolen und stützten so noch seine These.

Claudia Nothelle, Programmdirektorin des RBB, die seit zwei Jahren auch fürs Radioprogramm zuständig ist, versuchte unterdessen, Jebsen an die Leine zu legen. Sie bestellte ihn nach dem E-Mail-Vorfall ein und erklärte, sie wolle künftig in der Sendung »journalistische Standards« gewahrt wissen. Zum Beispiel die Kenntlichmachung von Meinung und die Darstellung unterschiedlicher Positionen zu einem Thema. Im Nachhinein dürfte auch Nothelle klar sein: Das konnte nicht lange gut gehen. Nach zwei Wochen kam denn auch die Kündigung.

Spricht er über seinen Exarbeitgeber, gestikuliert er mit zwei Mittelfingern

Jebsen sagt von sich selbst, er sei Künstler. Als solcher könne er mit »journalistischen Standards« ähnlich viel anfangen wie das Satiremagazin Titanic . Nur machte er eben kein Satiremagazin, sondern öffentlich-rechtlichen Hörfunk in einem Jugendradio.

Beim RBB herrscht derzeit selbstkritische Stimmung. »Wir haben über Monate Dinge gesendet, die so bei uns nicht gewollt sind«, sagt Nothelle. »Wir müssen uns den Vorwurf machen, dass wir nicht genug mit ihm gearbeitet und uns mit ihm auseinandergesetzt haben.« Der Programmchef des Jugendradios hat seinen Posten im Zuge der Affäre schon aufgegeben.

Natürlich sagt auch Nothelle, sie wolle kein glattgebügeltes Radio, gerade der Jugendsender dürfe Ecken und Kanten haben, auch mal Grenzen überschreiten. Das war bei KenFM aber nicht Ausnahme, sondern Prinzip. Im Archiv lassen sich dazu viele Beispiele finden, 15-minütig komprimiertes Geblubber mit seinen recht kruden Verschwörungstheorien zu Nine Eleven oder Osama bin Ladens Tod. Für Jebsen ist das der Standard: Hauptsache anti Mainstream, anti Massenmedien. Was an sich legitim wäre, wenn er es nicht so wahnsinnig überreizen würde. Seine Hörer sollten sich auch noch anderweitig informieren, sagt er dazu. Eine intellektuelle Überforderung hält er für ausgeschlossen, auch wenn er selbst gerade von Klassenbesuchen berichtete, in denen die Kinder keine Zeitung lesen, aber den neuesten Chip im iPad kennen.

Er schimpft lieber über die völlig antiquierte Ansprache junger Menschen beim RBB. Spricht er über seinen alten Arbeitgeber, gestikuliert er zur Untermalung seiner Worte mit zwei ausgestreckten Mittelfingern.

Seinen immerwährenden Redefluss unterbricht Jebsen freiwillig nur, um Beiträge von sich abzuspielen, zum Beispiel den, den er vor ein paar Jahren in seiner Sendung hatte, als er sich vor seinen Hörern für seine ständigen Rückblicke auf die Nazizeit rechtfertigte. Das sei wie mit Feuermeldern, sagte er da, die schraube man ja auch nicht ab, weil es länger nicht gebrannt habe. Es sei wichtig, dass man die Geschichte lebendig halte, damit sie sich nicht wiederholen könne.

Natürlich ist da noch seine eigene Geschichte. Jebsen heißt eigentlich anders, der Vater ist Iraner, der die Mutter und seine fünf Geschwister früh verlassen hat. Er hinterließ ihm einen Namen, der die Leute bis heute fragen lässt: Boah, wo haben Sie so gut Deutsch gelernt? »Ich wär doch der Erste, den sie mit dem Transporter abholen, wenn Deutschland arisiert würde«, sagt er. Wieder so eine Überspitzung. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Programmdirektorin ruhig schlafen kann, die weiß, dass dieser Mann bei ihr live auf Sendung geht.

Jebsen will nun irgendwie im Internet weitermachen, erste Clips hat er schon ins Netz gestellt. Natürlich gibt es eine wachsende Fangemeinde auf Facebook, die einen Märtyrerkult beschwört und Zensur wittert. Jebsen will den RBB verklagen, mit dem er allerdings gar keinen offiziellen Vertrag hat, er habe pauschal pro Sendung 1.300 Euro bekommen, sagt er. Geld verdiene er ohnehin in Unternehmen, er moderiere regelmäßig für Firmen wie Red Bull oder die Telekom. »Bei diesen Aufträgen bin ich kein Künstler, das ist nur ein Job«, sagt er.