Michael Fischer-Art will überall sein. In seinem Atelier, unweit des Leipziger Hauptbahnhofs, hängt zwischen Gemälden und Skizzen eine Weltkarte. Der Künstler hat mit 112 Nadeln alle Orte markiert, an denen Werke von ihm zu sehen sind. Die Nadeln stecken in Europa, Amerika, Asien und Afrika. Fischer-Art ist weltweit erfolgreich, soll das wohl heißen. Da kann die Kulturelite seiner Stadt noch so viel spotten. An ihm kommt keiner vorbei – weil man ständig an ihm vorbeikommt.

Wohl kein zweiter Künstler der Gegenwart hat so viel Fläche bemalt wie Michael Fischer-Art. In Berlin, Leipzig, Stuttgart, Chemnitz und Sebnitz machte er ganze Häuser bunt. Comicartige Figuren bevölkern seine Fassaden. Sie haben große Augen, wulstige Lippen und erinnern an Kinderbilder. Zuletzt machte Fischer-Art Schlagzeilen, weil der Denkmalschutz ihm verbieten wollte, ein Reihenhaus im Süden Leipzigs zu bemalen. Dabei hatten ihn die Besitzer darum gebeten, weil ihre Fassade immer wieder mit Graffiti beschmiert worden war. Man könnte sagen: Fischer-Art ist ein Künstler, den Leute bestellen, um Schlimmeres zu verhindern. Kritiker spotten, er könne nur Buntes und Belangloses, seine Kunst sei inflationär verbreitet.

Das will er nicht auf sich sitzen lassen. »Ich habe da mal was zusammengestellt«, sagt Fischer-Art und beugt sich über Papierberge auf dem Tisch. Trotz seiner 42 Jahre hat er etwas Jungenhaftes. Er trägt kurze rotblonde Haare. Ein dicker Schal umschlingt seinen Hals. »Das hier will ich auf einen Hügel am Stadtrand stellen«, sagt Fischer-Art und zieht die Skizze einer Skulptur von Johann Sebastian Bach aus dem Stapel. »Und das hier ist mein Vorschlag für Hotels am Cospudener See.« Er zeigt Entwürfe für eine Kirche, für bemalte Windräder und ein Einkaufszentrum. Seine Pläne rauschen im Stakkato vorbei, und man fragt sich, ob er die Energydrinks neben seinem Schreibtisch alle auf einmal geleert hat.

Erkundigt man sich bei Leipzigs Galeristen über Fischer-Art, schweigen die meisten. »Es ist schon paradox, dass jemand, der das englische Art im Namen hat, bei Künstlern seiner Stadt nicht wohlgelitten ist«, sagt Hans-Werner Schmidt. Der Direktor des Museums der bildenden Künste hat einen Fischer-Art in seiner Sammlung, weiß aber nicht, was darauf zu sehen ist. »Irgendwas Buntes«, sagt Schmidt. »Das war mal ein Geschenk.« Aber muss Fischer-Art ins Museum? Sein größtes Werk misst 3.000 Quadratmeter und dekoriert jenes Haus, in dem er sein Atelier hat. Jeder, der den Leipziger Bahnhof Richtung Innenstadt verlässt, sieht das Wimmelbild über die Wiedervereinigung.

»Als Kind habe ich davon geträumt, in einem Feuerwehrauto zu sitzen, mit einem Löschtank voller Farbe, und die graue Welt der DDR bunt zu machen«, sagt Fischer-Art. Als Student begann er dann, die Kunst auch im Namen zu tragen.

Er steigt in seinen schwarzen VW Beetle, um nach Hoyerswerda zu fahren, wo in einem Einkaufszentrum ein Stück Berliner Mauer ausgestellt wird. Er hat es bemalt, auf der Rückseite haben Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George Bush unterschrieben. Fischer-Art sucht den Kontakt zu Politikern. Und diese umgeben sich gern mit dem plaudernden Maler. Sachsens damaliger Ministerpräsident Georg Milbradt hat bei ihm zwei Stunden Porträt gesessen. Fischer-Art redet freudig über seine Begegnungen mit Angela Merkel. Er war zum Empfang an Helmut Kohls 80.Geburtstag geladen und traf fünf Mal den Dalai Lama. Guido Westerwelle besitzt drei Bilder von Fischer-Art und hat zu ihm gesagt: »Sie sind genial!« Andere wären peinlich berührt gewesen, Fischer-Art nahm es als Auszeichnung. Kürzlich war er in den Bundestag eingeladen. Bei einem Treffen mit Wolfgang Thierse sprach er Griechenland und den Euro an. »Das Rettungspaket ist völliger Wahnsinn«, sagte Fischer-Art. Dann schenkte er Thierse einen seiner neuesten Drucke. Ein Staatsbankrott-Zertifikat, auf dem Merkel in Flammen steht.

Fischer-Art rast jetzt über die Autobahn Richtung Hoyerswerda. Sein Wagen hat beachtliche 425.000 Kilometer auf dem Tachometer, was er kürzlich seinen nicht ganz so beachtlichen 320 Fans auf Facebook mitteilte. Schwer vorstellbar, dass ein Künstler wie Neo Rauch auf die Idee käme, sich eine Facebook-Seite anzulegen. Fischer-Art hingegen informiert dort über seine Hasen-Babys, die Warteschlange beim Bäcker oder seinen Frühsport. Während der Fahrt redet er mit hektischen Gesten über Projekte, telefoniert und nestelt Bücher von der Rückbank hervor, um Fotos zu zeigen. Kurz vor Riesa rauscht er fast in einen Lkw hinein.

"Wenn man nur ein Haus bemalt, kann man ganze Sichtachsen verändern"

Er braucht dieses Tempo. 1999 erkrankte er am Lungenleiden Sarkiodose. »Ich hatte Angst, ich mache es nur noch ein Jahr«, sagt er. »Ich habe Kortison geschluckt und vom Krankenbett aus wie verrückt an Kunstwettbewerben teilgenommen.« Heute gilt er als genesen, läuft Marathon. In New York rannte er mit angebrochenem Schienbein.

Sein spektakulärstes Projekt war die Verhüllung von drei Hochhäusern am Leipziger Brühl. Um die DDR-Platten verschwinden zu lassen, malte er 2006 die seiner Meinung nach wichtigsten Leipziger auf 13.000 Quadratmeter Stoff. Für die Aktion suchte er Sponsoren, die er als Gegenleistung ebenfalls ins Bild aufnahm. So kamen Firmen während der Fußball-Weltmeisterschaft zu Werbeflächen in bester City-Lage.

Leipzigs Kulturgrößen empörten sich. Barbara Steiner von der Galerie für Zeitgenössische Kunst schickte eine Unterschriftenliste gegen das Projekt herum – und kassierte sie wieder ein. Wohl aus Angst, sie beschere Fischer-Art noch mehr Aufmerksamkeit. Die Debatte mündete in einer Podiumsdiskussion, bei der sich Fans und Kritiker des Künstlers mit Beleidigungen überzogen. Sein Ex-Lehrer Günther Thiele deklamierte mit zitternder Stimme, schon als Student habe Fischer-Art nicht zeichnen können. Seine Gestalten seien »dumme, jämmerliche Fratzen«. Der Geschmähte zerriss öffentlich einen kritischen Artikel über ihn.

Es war der vorläufige Höhepunkt in einem Konflikt, der schon 1992 begonnen hatte. Fischer-Art war damals Erstsemester an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) in Leipzig. Während einer Versammlung warf er dem angesehen Maler und Rektor der Hochschule, Arno Rink, vor, ein Vertreter des DDR-Establishments gewesen zu sein. Er selbst dagegen habe das SED-Regime kritisiert, sich als Maurer durchschlagen müssen und das Abitur erst auf der Abendschule nachholen können. Selbstbewusst nannte Fischer-Art seine Kunst »marktwirtschaftlichen Realismus« in Abgrenzung zum sozialistischen Realismus.

Er malte schon damals sehr bunt und gewann mit seinen dekorativen Entwürfen erstaunlich schnell Wettbewerbe, was Lehrer und Mitstudenten verblüffte. »Meine Kommilitonen haben Bafög beantragt, ich eine Steuernummer«, sagt Fischer-Art. Zur Zwischenprüfung gestaltete er einen sieben Meter hohen Stahl-Vogel, der in der Leipziger Gutenberg-Galerie steht. Fürs Diplom entwarf er die Wandbemalung des Hörsaalgebäudes der TU Dresden. Die HGB benotete ihn zum Abschluss trotzdem nur mit einer Zwei. Fischer-Art hinterließ einen offenen Brief: »Borniertheit, Verbeamtung und der Tod herrschen im Fachbereich Malerei.«

»Ach, seine Hanswurstereien«, sagt Rolf Münzner und lacht. Der pensionierte Grafikprofessor hat Fischer-Arts Diplomarbeit betreut und hätte ihm dafür auch eine Eins gegeben, konnte sich aber nicht durchsetzen. »Natürlich habe ich ihn gewarnt: Male nicht immer diese gleichen Fressen«, sagt Münzner heute. Doch eigentlich mag er Fischer-Art. Kein anderer Student habe sich so energisch in neue Projekte gestürzt. Im Grundstudium fuhr Fischer-Art zum Immobilienspekulanten Jürgen Schneider und schwatzte ihm ein Atelier in der City ab. Für Presseanfragen hatte er schon damals ein Handy. »In gewisser Weise hat er keinen Lehrer gebraucht«, sagt Münzner. »Es wäre schön, wenn er seine Reise-Skizzenbücher weiterführt. Da habe ich Potenzial gesehen.« Tatsächlich reist Fischer-Art noch durch die Welt und zeichnet. Zuletzt war er in Neapel. »Heruntergekommen wie die DDR«, sagt er. In Hoyerswerdas Einkaufspassage Lausitz-Center steht das von ihm bemalte Mauerteil vorübergehend neben einer Fotosammlung zur friedlichen Revolution. Die Fotos waren 2009 schon in der Galerie für Zeitgenössische Kunst und im Museum der bildenden Künste zu sehen – in jenen Leipziger Häusern also, die Distanz zu ihm halten. Die Verbindung der Sammlung mit seiner bemalten Mauer ist ein kleiner Triumph für ihn.

Zur Mittagszeit besucht er ein Schnellrestaurant. Vor ihm in der Warteschlange steht ein älteres Paar mit Rabattmarken. Fischer-Art schaut neugierig und bekommt dann eine geschenkt. Lächelnd wie ein Junge, lässt er sich preisreduzierten Grillfisch reichen. »Glatt 25 Prozent gespart«, sagt er. Durch die Glasfenster schimmern die Plattenbauten: graue Fassaden, die auf Farbtöpfe warten. »Wenn man nur ein Haus bemalt, kann man ganze Sichtachsen verändern«, sagt Fischer-Art. Er will auch Hoyerswerda bunt machen. Er kann nicht anders.