Kinderbetreuung Die Krippen kippen

Sachsen rühmt sich seiner exzellenten Kinderbetreuung. Doch wer mit Kita-Leitern spricht, erhält ein anderes Bild

Es ist erst elf Uhr vormittags, doch Maren Bäumer wirkt so gestresst, als läge hinter ihr schon der ganze Tag. Seit sieben Uhr ist die Kita-Leiterin in ihrer Einrichtung und hat mit einer Kollegin 20 Kinder im Frühdienst betreut. Theoretisch jedenfalls. Praktisch hat Bäumer anderthalb Stunden lang einen tobenden Vierjährigen beruhigt, der daheim mit seiner Mutter in Streit darüber geraten war, ob Sandalen im November die geeigneten Schuhe seien. »Der war vollkommen außer sich«, sagt Bäumer, »und hätte am liebsten die Möbel zerlegt.« Weil nichts anderes half, setzte sie sich mit dem Jungen in eine ruhige Ecke und wiegte ihn so lange, bis er aufhörte zu weinen – und fragte sich dabei die ganze Zeit, ob ihre Kollegin wohl damit klarkomme, die 19 übrigen Kinder zu beschäftigen und zugleich auf Telefon und Klingel zu achten.

»Solche Situationen haben wir fast jeden Morgen. Und nie genug Personal, um derweil allen Kindern gerecht zu werden«, sagt die Pädagogin. »So geht es den ganzen Tag weiter.« Maren Bäumer heißt nicht Maren Bäumer. Zwar wäre die Kita-Leiterin bereit, mit ihrem wahren Namen in der Zeitung zu stehen, weil sie ihren Frust nicht länger herunterschlucken mag; doch darf sie offiziell kein Interview geben. Zu groß ist die Angst beim freien Träger von Bäumers Kita, Ärger mit dem Eigenbetrieb der Stadt zu bekommen. Von dem ist die Kindertageseinrichtung finanziell und organisatorisch abhängig.

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Dabei liegt das, was Bäumer zur Verzweiflung treibt, gar nicht in der Verantwortung der Kommune. Der schlechte Personalschlüssel, unter dem Erzieherinnen und ihre Schützlinge in ganz Sachsen leiden, ist eine Erfindung der sächsischen Politik – die unverdrossen mit der Kinderbetreuung als Standortvorteil des Freistaats wirbt. Von kreativen frühkindlichen Bildungsangeboten schwärmt das Kultusministerium auf seiner Internetseite. Und in Dresdner Imagebroschüren sind Spitzenforscher zitiert, die sich wegen der guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie für das Leben hier entschieden hätten.

Doch wer genau hinschaut, erkennt in dem schönen Bild Risse. Laut Landes-Kita-Gesetz hat sich eine Erzieherin um 13 Kindergartenkinder zu kümmern; in der Krippe liegt der Betreuungsschlüssel bei eins zu sechs. So steht es auf dem Papier. Selbst damit liegt Sachsen im nationalen Vergleich nur auf dem vorletzten Platz – und in der Praxis ist die Quote noch schlechter. Etwa 18 Kinder spielen, toben und lärmen in einer Kindergartengruppe. Und Krippenerzieherinnen müssen auch mal zehn unter Dreijährige gleichzeitig bespielen, fördern und dabei immer für saubere Windeln sorgen. Wenn die Zimmer für Weihnachten geschmückt oder Fotos in die Mappen der Kinder geklebt werden sollen, opfern die Erzieherinnen in der Regel ihre Freizeit.

Denn der Personalschlüssel ist eine Berechnungsgröße, die weder Fehl- und Urlaubszeiten oder Weiterbildungen der Erzieherinnen berücksichtigt noch die Zeit, die sie für die Vor- und Nachbereitung ihrer Arbeit, Elterngespräche oder das Schreiben der geforderten Entwicklungsdokumentation brauchen. Zudem gilt im sächsischen Kita-Gesetz als »ganzes« Kind nur eines, das täglich neun Stunden in der Einrichtung ist. Sobald Eltern eine kürzere Betreuung für ihr Kind wollen, sinkt die Zahl der Personalstunden, die der Kita zur Verfügung stehen – unabhängig davon, dass sowohl Kinder mit Neun-Stunden-Vertrag als auch Knirpse, die nur fünf Stunden betreut werden, in aller Regel vormittags gleichzeitig anwesend sind und für Trubel in den Gruppen sorgen. Deshalb, sagt Maren Bäumer, bekomme sie Schweißausbrüche, wenn Eltern die Betreuungszeit ihrer Kinder reduzieren wollten, etwa weil die Mutter mit einem Geschwisterkind in Elternzeit sei. »Für die Kinder freut mich das ungeheuer. Aber meine ganze Planung kommt dann ins Wanken.«

Wer Bäumers Büro betritt, dem fällt ein Ordner im Regal auf: Sachsens Bildungsplan. 2006 wurde er eingeführt, seither sollen alle Kitas im Freistaat danach arbeiten. Nichts täten Bäumer und ihre Kolleginnen lieber. Rundum durchdacht sei das Papier, schwärmt die Leiterin. Auch ein Team der Bremer Universität, das den Plan kürzlich evaluierte, lobte dessen pädagogischen Anspruch sehr, mahnte aber dringend mehr kindfreie Zeit zur Planung und Vorbereitung für die Erzieherinnen und damit eine deutlich bessere Personalausstattung an. Auch die EU empfiehlt, dass sich eine Erzieherin um nicht mehr als höchstens fünf unter Dreijährige kümmern solle, der empfohlene Schlüssel für den Kindergarten liegt bei maximal eins zu acht.

Die Zahlen kennt man auch in Sachsen. Vor zwei Jahren versprach die FDP in ihrem Wahlprogramm, sie wolle »die Umsetzung des Bildungsplanes durch bessere Personalressourcen in den Kitas unterstützen«. Und der Jugendpolitische Sprecher der CDU, Patrick Schreiber, ließ damals wissen, die Verbesserung des Schlüssels sei »eine meiner zentralen Forderungen«, für die er »auf jeden Fall« kämpfen werde. Schließlich kündigte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) im Jahr 2009 an, die Betreuungsquote in den Kindergärten auf eins zu zwölf senken zu wollen.

Leserkommentare
  1. 1. Warum

    Warum kein Wort von den Tagesmüttern (jedenfalls hier bei uns in Leipzig), zu denen die Kinder bis zum dritten Lebensjahr in aller Regel gehen?

    Jedenfalls ist mir das so bekannt, dass zum größten Teil die Kleinkind-Versorgung weniger über Kitas läuft, dafür umso mehr über Tagesmütter. Die dürfen maximal 5 Kinder gleichzeitig betreuen, maximal zwei davon dürfen noch nicht laufen können. Das ist bequemer für alle: Für die Kinder und für die TaMu.
    Die können sich viel "intensiver" und ausgiebiger um alle Kinder kümmern als in einer Kita.

    Meine Tochter geht jetzt jedenfalls mit ihren 9 Monaten für die nächsten mindestens zwei Jahre zur Tagesmutter, wo sie maximal vier weitere Kinder um sich hat.
    Finanziell können wir uns auch nicht beschweren, da die Kosten hierfür (die gleichen wie für die Kita!) der Staat zu 100% abnimmt, da wir Studenten sind.

  2. Endlich spricht es einmal jemand aus. Immer und immer wieder wird auf die pädagogischen Fachkräfte eingeprügelt, wie schlecht doch die Qualität ihrer Arbeit sei. Miese Rahmenbedingungen, schlechte Ausbildung und fehlende Fachkräfte verschlimmern das Problem noch. Doch leider sieht sich das Sächsische Kultusministerium nicht genötigt, etwas zur Verbesserung der Lage zu tun. Die pädagogischen Fachkräfte haben ja zuletzt auch nur wegen fehlender Sitzmöglichkeiten demonstriert... Und die haben sie ja nun zum Großteil. Was wiederum wunderbar dem Klischee der "kaffeetrinkenden und tratschenden Kindergartentante" entspricht. Das Bild von Pädagogen, die Kinder frühzeitig individuell nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen fördern ist in der Öffentlichkeit doch kaum vorhanden. Schade... Die professionellen pädagogischen Fachkräfte müssen sich endlich zutrauen, sich bessere Rahmenbedingungen offensiver einzufordern, um endlich ihrem Bildungsauftrag gerecht werden zu können! Ich wünsche "Frau Bäumer" auf diesem Weg alles Gute.

    4 Leserempfehlungen
    • aljja
    • 03.12.2011 um 22:04 Uhr

    Auch ich bin "Frau Bäumer" sehr dankbar über diese Offenheit. Ich beobachte als Mutter genau die gleiche Situation in Sachsen Anhalt. Die wenigsten Eltern jedoch trauen sich zu beschweren oder sich für Besserung einzutreten. Denn obwohl in Sachsen Anhalt bereits theoretisch ein rechtlicher Anspruch auf einen Kitaplatz besteht, muss man in den größeren Städten kämpfen, damit man überhaupt irgendwann einmal einen Kitaplatz bekommt. Eltern werden immer wieder auf das nächste Jahr vertröstet. Da platzt so mancher Berufs- und Karrieretraum. In den ländlichen Regionen dagegen wird jedes potentielle Kitakind, dass noch geboren wird bejubelt und gefeiert. Deshalb trauen auch die wenigsten ErzieherInnen sich zu beschweren, es gibt genug junge arbeitslose Erzieher und ErzieherInnen, die dankbar für jede der fast durchweg schlecht bezahlten Stellen wären.

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  3. Zunächsteinmal:

    Krippe,Hort und Kindergarten,
    Schule, Studium und gleichberechtigte Teilname an unserem Gemeinwesen

    müssen jedem Kind unseres Gemeinwesens
    unabhängig von Herkunft,Glauben,Familie
    sowohl
    - verfügbar sein, wie auch
    - offenstehen.

    Krippe,Hort und Kindergarten,Schule und Studium sowie gleichberechtigte Teilname an unserem Gemeinwesen
    müssen für alle Kinder
    - kostenfrei sein.

    Ich finde es vollkommen bescheuert, Eltern ein "Kindergeld" auszuzahlen.

    2 Leserempfehlungen
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    Hallo

    Grundsätzlich haben Sie ja recht.
    Aber wieso sollten meine Kinder- solange ich gut verdiene - alles kostenlos bekommen ?
    Ich bin gerne bereit einen fairen Beitrag zu leisten - obwohl ich schon reichlich Einkommenssteuer etc. zahle.
    Kostenlos sollte Bildung für die Kinder, Jugendlichen und junge Erwachsenen sein, deren Eltern es sich nicht leisten können, es zu finanzieren.
    Alle anderen sollten ihren Beitrag leisten.
    Aber auch diejenigen, die keine Kinder haben sollten massiv ihren Beitrag leisten....denn sie tun nichts um den Wohlstand Deutschlands zu sichern.

    Zitat:
    - verfügbar sein
    - offenstehen
    Zitat Ende.

    Klar.
    Aber wer A sagt muss auch B sagen: Für eine vernünftige finanzielle und personelle Ausstattung muss gesorgt sein, denn es geht hier um pädagogische Betreuung nach gesetzlich verankerten Personalschlüsseln und nicht nur um Aufbewahrung.

    Zitat:
    - kostenfrei sein
    Zitat Ende.

    Wenn das finanzierbar ist - warum nicht? Sieht aber nicht so aus (siehe Artikel).
    Also gibts schlechte Betreuung von gestressten ErzieherInnen mit allen negative Folgen, z.B. hohem Krankenstand, hohe Fluktuation, Burnout, evtl. Lücken in der Beaufsichtigung mit erhöhter Unfallgefahr.

    Nichts gegen hohe philosophisch-politische Ansprüche - wenn der Blick für die Praxis dabei nicht verloren geht.

    Hallo

    Grundsätzlich haben Sie ja recht.
    Aber wieso sollten meine Kinder- solange ich gut verdiene - alles kostenlos bekommen ?
    Ich bin gerne bereit einen fairen Beitrag zu leisten - obwohl ich schon reichlich Einkommenssteuer etc. zahle.
    Kostenlos sollte Bildung für die Kinder, Jugendlichen und junge Erwachsenen sein, deren Eltern es sich nicht leisten können, es zu finanzieren.
    Alle anderen sollten ihren Beitrag leisten.
    Aber auch diejenigen, die keine Kinder haben sollten massiv ihren Beitrag leisten....denn sie tun nichts um den Wohlstand Deutschlands zu sichern.

    Zitat:
    - verfügbar sein
    - offenstehen
    Zitat Ende.

    Klar.
    Aber wer A sagt muss auch B sagen: Für eine vernünftige finanzielle und personelle Ausstattung muss gesorgt sein, denn es geht hier um pädagogische Betreuung nach gesetzlich verankerten Personalschlüsseln und nicht nur um Aufbewahrung.

    Zitat:
    - kostenfrei sein
    Zitat Ende.

    Wenn das finanzierbar ist - warum nicht? Sieht aber nicht so aus (siehe Artikel).
    Also gibts schlechte Betreuung von gestressten ErzieherInnen mit allen negative Folgen, z.B. hohem Krankenstand, hohe Fluktuation, Burnout, evtl. Lücken in der Beaufsichtigung mit erhöhter Unfallgefahr.

    Nichts gegen hohe philosophisch-politische Ansprüche - wenn der Blick für die Praxis dabei nicht verloren geht.

  4. Hallo

    Grundsätzlich haben Sie ja recht.
    Aber wieso sollten meine Kinder- solange ich gut verdiene - alles kostenlos bekommen ?
    Ich bin gerne bereit einen fairen Beitrag zu leisten - obwohl ich schon reichlich Einkommenssteuer etc. zahle.
    Kostenlos sollte Bildung für die Kinder, Jugendlichen und junge Erwachsenen sein, deren Eltern es sich nicht leisten können, es zu finanzieren.
    Alle anderen sollten ihren Beitrag leisten.
    Aber auch diejenigen, die keine Kinder haben sollten massiv ihren Beitrag leisten....denn sie tun nichts um den Wohlstand Deutschlands zu sichern.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Eins zu Sechs"
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    Finden Sie nicht, daß ->ALLE Kinder<- einen Anspruch auf Förderung in unserer Gemeinschaft haben, egal - wieviel ->SIE<- als Eltern derzeit verdienen ?

    Unter den heutigen Voraussetzungen hätte ich als Handwerkerkind wahrscheinlich weder Abitur noch Ingenieurdiplom erreichen können.

    Ich bitte Sie, dies mir nicht als persönliche kleine dumme Sentimentalität auszulegen.

    Ich bitte Sie und die Leserschaft hier um nichts anderes,
    als Bildungsfreiheit.

    Die Kinderlosen in unserer Mitte wünschen den Familien nichts Gutes. Mißgünstig ärgern sie sich über Zahlungen wie das Kindergeld und fühlen sich benachteiligt. Diesen unsozialen Mitmenschen sei versichert, dass diese Gesellschaft sich über kurz oder lang sowieso abschafft, weil Kinder ein absoluter Luxus geworden sind! Aber das können eben nur die Leute beurteilen, die selbst Kinder großziehen. Man mißgönnt uns unsere Kinder! Wenn meine drei Kinder später einmal die Renten kinderfeindlicher Mitbürger zahlen, ist das für die staatlich geschützten Nutznießer ohne Kinder selbstverständlich. Die Zeit und Kraft aber habe nur ich investiert, ganz zu schweigen von den Kosten.

    Finden Sie nicht, daß ->ALLE Kinder<- einen Anspruch auf Förderung in unserer Gemeinschaft haben, egal - wieviel ->SIE<- als Eltern derzeit verdienen ?

    Unter den heutigen Voraussetzungen hätte ich als Handwerkerkind wahrscheinlich weder Abitur noch Ingenieurdiplom erreichen können.

    Ich bitte Sie, dies mir nicht als persönliche kleine dumme Sentimentalität auszulegen.

    Ich bitte Sie und die Leserschaft hier um nichts anderes,
    als Bildungsfreiheit.

    Die Kinderlosen in unserer Mitte wünschen den Familien nichts Gutes. Mißgünstig ärgern sie sich über Zahlungen wie das Kindergeld und fühlen sich benachteiligt. Diesen unsozialen Mitmenschen sei versichert, dass diese Gesellschaft sich über kurz oder lang sowieso abschafft, weil Kinder ein absoluter Luxus geworden sind! Aber das können eben nur die Leute beurteilen, die selbst Kinder großziehen. Man mißgönnt uns unsere Kinder! Wenn meine drei Kinder später einmal die Renten kinderfeindlicher Mitbürger zahlen, ist das für die staatlich geschützten Nutznießer ohne Kinder selbstverständlich. Die Zeit und Kraft aber habe nur ich investiert, ganz zu schweigen von den Kosten.

  5. Finden Sie nicht, daß ->ALLE Kinder<- einen Anspruch auf Förderung in unserer Gemeinschaft haben, egal - wieviel ->SIE<- als Eltern derzeit verdienen ?

    Unter den heutigen Voraussetzungen hätte ich als Handwerkerkind wahrscheinlich weder Abitur noch Ingenieurdiplom erreichen können.

    Ich bitte Sie, dies mir nicht als persönliche kleine dumme Sentimentalität auszulegen.

    Ich bitte Sie und die Leserschaft hier um nichts anderes,
    als Bildungsfreiheit.

    4 Leserempfehlungen
  6. Zitat:
    - verfügbar sein
    - offenstehen
    Zitat Ende.

    Klar.
    Aber wer A sagt muss auch B sagen: Für eine vernünftige finanzielle und personelle Ausstattung muss gesorgt sein, denn es geht hier um pädagogische Betreuung nach gesetzlich verankerten Personalschlüsseln und nicht nur um Aufbewahrung.

    Zitat:
    - kostenfrei sein
    Zitat Ende.

    Wenn das finanzierbar ist - warum nicht? Sieht aber nicht so aus (siehe Artikel).
    Also gibts schlechte Betreuung von gestressten ErzieherInnen mit allen negative Folgen, z.B. hohem Krankenstand, hohe Fluktuation, Burnout, evtl. Lücken in der Beaufsichtigung mit erhöhter Unfallgefahr.

    Nichts gegen hohe philosophisch-politische Ansprüche - wenn der Blick für die Praxis dabei nicht verloren geht.

    Antwort auf "Eins zu Sechs"
  7. ...sieht in Stockholm/Schweden so aus:

    In der Gruppe der unter Dreijährigen gibt es 23 Kinder und 5 Betreuerinnen; da nicht alle Kinder jeden Tag in der KITA sind (z.B. wenn Eltern Teilzeit arbeiten und einen Tag zuhause sind oder noch einen Tag Elternzeit pro Woche nehmen) und ausserdem mind. 2-3 Kinder pro Tag krank sind (und die Eltern dann zuhause mit dem Kind bleiben mit Elterngeld zur Pflege kranker Kinder) gibt es einen Betreuungsschlüssel von ca 1 Betreuer zu höchstens 4 Kindern.

    Wird ein Betreuer krank, wird umgehend, am selben Tag ein Vertreter eingekauft um den Schlüssel aufrecht zu erhalten.

    Wie funktioniert das?

    Durch einen z.T. unausgesprochenen Gesellschaftsvertrag, in dem allen im Lande klar ist, das Kinder der Gesellchaft (nicht nur dem Einzelnen) Kosten verursachen. Deshalb wird entsprechend viel in die Kinderbetreuung und Erziehung investiert und an anderen Stellen im Sozialsystem gespart, z.B:

    - Im Krankheitsfall einen Karenztag ohne Lohn (null!), ab Tag zwei der Krankheit nur 80% Lohnfortzahlung

    - Geringere Renten trotz oft guten Einkommens. Der mögliche Rentenhöchstbetrag pro Monat liegt bei ca 1400 Euro Rente und ist mit ca 30% zu versteuern, bleiben also Netto ca 1100 Euro; Über Tarifverträge ausgehandelte Zusatzrenten o.ä. können das zwar oft verbessern, allerdings werden diese Renten nicht lebenslang sondern nur für 5 Jahre bezahlt. Danach höchstens der obige Höchstsatz.

    So bezahlt man Kinderbetreuung und schafft kommende Rentenzahler!

    3 Leserempfehlungen
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    aber man muss diese auch nicht nur kennen, sondern bereit sein sie umzusetzen. Seit Jahren habe ich als Lehrerin in den Auseinandersetzungen über die Hortbetreuung angeführt:
    Jede Mark die in diesem Bereich gespart wird, muss im sozialen Bereich später gezahlt werden (und sei es in der Arbeit der Jugendstrafeinrichtungen). Das hört sich jetzt vielleicht hart an, ist aber in vielen Fällen genau so nachzuvollziehen. Unsere Kinderbetreuung ist erschreckend schlecht. Kindertagesmütter sind hier auch keine wirkliche Option. Ich finde ihr schwedisches Modell zumindest einen guten Schritt in die richtige Richtung. Aber Deutschland ist vor allem was seine Bildungspolitik angeht Mittelalter!

    aber man muss diese auch nicht nur kennen, sondern bereit sein sie umzusetzen. Seit Jahren habe ich als Lehrerin in den Auseinandersetzungen über die Hortbetreuung angeführt:
    Jede Mark die in diesem Bereich gespart wird, muss im sozialen Bereich später gezahlt werden (und sei es in der Arbeit der Jugendstrafeinrichtungen). Das hört sich jetzt vielleicht hart an, ist aber in vielen Fällen genau so nachzuvollziehen. Unsere Kinderbetreuung ist erschreckend schlecht. Kindertagesmütter sind hier auch keine wirkliche Option. Ich finde ihr schwedisches Modell zumindest einen guten Schritt in die richtige Richtung. Aber Deutschland ist vor allem was seine Bildungspolitik angeht Mittelalter!

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