StilkolumneAb in die Wüste

Tillmann Prüfer über Creepers von 

Damenschuhe mit Kreppsohlen von Burberry Prorsum

Damenschuhe mit Kreppsohlen von Burberry Prorsum  |  © Peter Langer

Es gibt keine Jugendkulturen mehr, und den letzten Beweis dafür liefert gegenwärtig der Creeper. Der Creeper ist ein flacher Schuh mit einer dicken, weichen Sohle aus Gummi. Er wird geschnürt oder mit einer Schnalle geschlossen. Seine Geschichte begann als Militärschuh britischer Soldaten, die während des Zweiten Weltkriegs in der nordafrikanischen Wüste stationiert waren: Die dicken Kreppsohlen sollten Hitze, Sand und Insekten von den Füßen fernhalten.

In den fünfziger Jahren nahm sich dann eine der ersten Jugendkulturen des Militärschuhs an: Die englischen Teds kombinierten knielange Jacketts mit engen Hosen und ebenjenen unförmigen Schuhen, den Creepers. Die Uniform der Teds stellte vor allem sicher, dass niemand freiwillig so aussehen wollte wie sie. Indem man auf Creepers umstieg, positionierte man sich außerhalb des Mainstreams und setzte ein Zeichen gegen die Steifnackigkeit der etablierten Gesellschaft.

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Die Teds waren die Graswurzel aller Jugendkulturen. Neben der Abgrenzung durch einen eigenen Modestil zeigten sie ihren Protest vor allem durch ihre Musik – den Rock ’n’ Roll. Anfang der sechziger Jahre wurde der Rock ’n’ Roll vom Beat abgelöst, und die Mods avancierten zur bestimmenden Jugendbewegung in England. Dann bildeten die Rockabillys ein modisches Bindeglied zwischen Teds und Rockern. Alle liefen auf Creepers. Bis vor Kurzem also wurde der Schuh fast ausschließlich von Subkulturen getragen, deren Dresscode eine bestimmte geistige Haltung spiegelte.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick  |  © Peter Langer

Nun ist der Creeper überall. In den aktuellen Winterkollektionen findet man allerlei Abwandlungen des Schuhs: Bei Alexander Wang hat er einen Schaft bekommen und ist zu einem Stiefel mutiert. Bei Damir Doma läuft er spitz zu, bei Sonia Rykiel ist er silbern, und bei Burberry Prorsum hat er die Form eines Damenschuhs.

Der Creeper wurde einfach gekidnappt. Wer heute als Rockabilly oder Ted durch die Gegend liefe, könnte durch seine Kleidung keinen Code mehr vermitteln. Was soll ein Creeper schon ausdrücken? Er ist nur noch Zeugnis der Unmöglichkeit, sich heutzutage durch Kleidung abzugrenzen. Wenn alles geht, gibt es keine Opposition mehr. Schade eigentlich. Als Wüstenschuh eignet sich mancher Creeper übrigens immer noch gut.

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Leserkommentare
  1. sollte das Leitmotiv des Gestalters sein. Wer damit nicht klarkommt, hat den Beruf verfehlt. Schuhe wie diese
    http://images.zeit.de/lebensart/mode/2011-11/stil-49/stil-49-180xVar.jpg
    weisen auf spongiforme Enzephalopathie oder fortgeschrittene Schizophrenie beim Gestalter hin. Welche Funktion soll solches Schuhwerk erfüllen?

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  • Schlagworte Wüste | Burberry | Jugendbewegung | England | Opposition | Protest
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