Jedes Jahr im November beginnt in Deutschland die Baumfällsaison, da werden Alleen und Gärten plötzlich lichter. Zurück bleiben Stümpfe – und Spaziergänger, die sich wundern: Ob dieser Baum wirklich so krank war, dass er wegmusste? Wer hat das eigentlich erlaubt? Der störte doch niemanden? Kommt da jetzt ein neuer hin?

Das sind einfache Fragen, die umso schwerer zu beantworten sind, je urbaner die Umgebung ist. Denn der Baum in der Stadt stört, wenn sie wachsen oder umbauen oder moderner werden will. Dann wird abgeholzt. Ein Phänomen, das allerorten besichtigt werden kann, wir tun es beispielhaft in der aktuellen »Umwelthauptstadt Europas« , Hamburg.

Beginnen wir am Heuberg, einem Platz in einem schicken Einkaufsviertel nicht weit vom Jungfernstieg. Hier sind vollendete Tatsachen geschaffen. Was einst an altem Grün stand, ist weg. Designerflora beherrscht die Szene. Schlank, hoch und dunkelgrün, die Kronen akkurat zum Kegel gestutzt, ragen fünf modische Lebensbäume aus quadratischen Becken mit Schotterdecke. Auf den Bänken, die Särgen gleichen, sitzt niemand. Vögel mögen hier auch nicht sein. Das Laub, das über den granitgrauen Boden fegt, haben ein paar trotzige Linden am Rande des Platzes abgeworfen. Die Landschaftsarchitekten haben sie stehen lassen. Natur als Dekoration.

»Lebensbaum«, das klingt ja erst mal gut. Aber da gehen die Meinungen schon auseinander. »Diese Lebensbäume sind ökologisch so wertvoll wie ein Laternenpfahl!«, schimpfen die Naturschützer. »Besser als ein Parkplatz!«, sagt das Management des öffentlichen Raums der Stadt Hamburg, Bezirk Mitte.

Klicken Sie auf das Bild um zu erfahren, wie sich der Wald in Europa über die Jahrhunderte verändert hat. © Global Land Cover Facility/ZEIT ONLINE

Recht haben irgendwie beide, bloß gegensätzliche Prioritäten. Das Baudezernat will die Innenstadt für Investoren und Geschäftsleute attraktiv halten; alte Bäume müssen zu neuen Plänen passen oder weichen. Und weil die Liebe zum Baum dem Geschmack der Zeit unterworfen ist, hält man jetzt Thuja, den von Friedhöfen bekannten Lebensbaum, für schicker als die ollen Linden.

Die Naturfreunde hingegen wissen: Der robuste nordamerikanische Baum zieht kein norddeutsches Tier an, und mit seiner durchgestylten Krone wirft er im Sommer nicht einmal Schatten. Rettet die alten Bäume!

Hamburg-Lokstedt, kilometerweit vom Zentrum: Auf einem Hügel erhebt sich Willinks Park, ein aufgelassenes Villengrundstück aus dem 19. Jahrhundert. Man kommt dort schnell vom Weg ab. Genau genommen gibt es gar keinen Weg. Waldgefühl auf einem Hektar Großstadt zwischen alten Buchen, Eichen, Gebüsch aus Ahorn, Weißdorn und Hainbuche. Selbst gebaute Schaukeln aus Seilen und Autoreifen hängen zwischen Stämmen, ein Holzosterhase ohne Ohren liegt im Laub. 170 Bäume stehen hier. 17 Vogelarten haben hier ein Zuhause, Sumpfmeisen, Zilpzalp, Mönchsgrasmücke brüten während der warmen Jahreszeit in Willinks Park, Fledermäuse jagen dann. Das Wäldchen ist als ökologisch besonders wertvolles Biotop anerkannt, steht zudem unter Denkmalschutz, eines Hünengrabes aus der Jungsteinzeit wegen... Klingt auch gut, nicht wahr? Doch nun soll das alles weg. Wohnungen statt Wäldchen, das ist der Wille derer, die im Bezirk zu bestimmen haben. Die Grünen haben Widerstand angekündigt, es wird gerungen.