Friedrich Engels sitzt auf den Stufen zu einer Ladentür, vor ihm auf dem gepflasterten Bürgersteig ein Einkaufsnetz voller Bierflaschen. Nein, das kann nicht Engels sein, der bärtige Mann hat nur ein Bein. Und vor ihm sitzen noch zwei Kinder auf einem Fahrradanhänger. Das eine Kind trägt Turnschuhe. Die Fotografie könnte auf den ersten Blick mehr als hundert Jahre alt sein, aber Gundula Schulze Eldowy hat den modernen Engels 1977 in Berlin aufgenommen. Es ist eines der ersten Fotos, dass die 1954 in Erfurt geborene Fotografin in jenem Ost-Berlin gemacht hat, das noch bis lange nach dem Fall der Mauer genauso aussah wie direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Scheunenviertel und der Prenzlauer Berg, das sei eine Stadt der Geister gewesen, sagt Schulze Eldowy, eine Stadt, in der sie Geschichten nie suchen musste, weil sie mitten zwischen ihnen wohnte. Die Geschichte von Frau Klie, die in ihrer Wohnung edle Tuche hortete, oder jene von Lothar, der, wenn das Gespräch auf seine Mutter kam, nur das Krächzen nachmachen konnte, mit dem diese verstorben war.

Bilder zeigen ein Milieu, das es offiziell nicht geben durfte

Auf dem Schwarz-Weiß-Foto von Lothar in einem Hinterhof des Scheunenviertels trägt er eine Fellmütze, einen dreckigen Uniformmantel und vor dem Bauch eine alte Ledertasche. Seine Hände ragen kaum heraus aus den langen Ärmeln, mit seinen schwarzen Augen starrt er scheinbar gleichgültig in, nein, durch die Kamera. Mit einem Blick, der davon erzählt, wie es ist, wenn man Weihnachten stets allein feiert und noch nie im Leben Sex hatte.

Gleich zwei Ausstellungen in Berlin ehren derzeit die eindringlichen, sonderbaren und zugleich wunderschönen Fotografien von Gundula Schulze Eldowy, die gewissermaßen die Diane Arbus der DDR-Fotografie ist. In den Räumen von C/O-Berlin zeigt sie Fotografien von 1977 bis 1990, aus jenen Jahren also, in denen sie als junge und freie Fotografin in Berlin und Dresden die Gesellschaft eines sich auflösenden Landes von deren Rändern her aufnahm und von ganz unten. Zudem gibt es im Kunst-Raum des Bundestages neben alten, elegischen Nebelaufnahmen von brandenburgischen Landschaften auch neue Fotoserien der Künstlerin zu entdecken. Zu den Ausstellungen sind nicht nur Kataloge im Lehmstedt-Verlag erschienen, sondern auch der Erzählungsband Am fortgewehten Ort mit Schulze Eldowys Geschichten zu all den Porträtierten, auf die sie in Berlin traf.

»Du bist ein talentiertes Tier, fähig, die Türen zu öffnen«, schreibt der große Robert Frank einmal begeistert aus New York an Gundula Schulze, nachdem er 1985 sie und ihre Arbeiten bei einem Besuch in Ost-Berlin kennengelernt hat: »Du hast soviel Sympathie fürs Leben und Leiden.« Und wirklich wahr, in diesen Fotos von den Alten, den Armen und den etwas Verrückten steckt stets beides, das Kaputte und die Lebenslust, die Gewalt und die Zärtlichkeit, die Tristesse des Alltags und sein schöner Irrsinn. Da ist der Punk mit der Spielzeugmaschinenpistole, der Mann, der seinen Kopf unter die Bluse der lachenden Frau steckt, oder die alte Briefträgerin, die die Adressen von den Briefen mit der Lupe ablesen muss.

»Schon als Kind«, sagt Schulze Eldowy, »war ich unkonventionell, frech und wild. Und eigentlich kaum zu ertragen.« Als Teenager haut sie ab nach Berlin, später studiert sie hier und zieht ins von Ruinen, Brachen und unsanierten Mietskasernen geprägte Scheunenviertel. Ein Viertel, in dem die Kneipen Grüne Hölle oder Zur unterirdischen Tante heißen und wo eine gewisse Anarchie herrscht. Ihre Nachbarn sind all diejenigen, die es in der angeblich klassenlosen DDR gar nicht geben darf: die kriminellen Trinker, die Faulen, die als asozial denunzierten Armen. Schulze Eldowy mag die Freiheit dieser Menschen, sie fotografiert ihre Nachbarn, ohne sie jemals bloßzustellen.