Die Hochschulen könnten schon jetzt mehr tun
Die übrigens existiert viel länger als das Zeitvertragsgesetz. Sechs Jahre vor und sechs Jahre nach der Promotion dürfen Wissenschaftler befristet angestellt werden, in der Medizin sogar neun Jahre. Doch das neue Gesetz hat weitere Verschärfungen gebracht: Mitarbeiter in Drittmittelprojekten können noch länger befristet beschäftigt werden, und dann ist da die neue Kinderregel, von der Benn profitiert. Wenn man es so nennen möchte: Denn was kurzfristig ein Strohhalm ist, verlängert die Leidenszeit für viele nur. »Wir haben es mit einer politischen Abwägung zu tun«, sagt Georg Jongmanns. »Dabei wird die Priorität auf den wissenschaftlichen Fortschritt gelegt, nicht auf das Eröffnen von Karrierechancen für möglichst viele.« Das funktionierte so lange, wie die Befristungen nicht auf Kosten der wissenschaftlichen Qualität gingen. Genau das aber habe sich geändert, sagt Ministerin Bauer: »Wenn jemand einen Vertrag mit sechsmonatiger Laufzeit bekommt, kann man kaum verlangen, dass er sich genauso beherzt in seine Arbeit stürzt wie jemand, der sich nicht die ganze Zeit um seine Karriere sorgen muss.«
SPD und Grüne fordern, die Tarifsperre aufzuheben, auch CDU und FDP werkeln an einem Konzept. Vorige Woche hat sich der Wissenschaftsausschuss des Bundestages mit dem Problem beschäftigt – zur Freude von GEW-Mann Keller, der seit einem Jahr mit seinem »Templiner Manifest« Unterschriften für gerechtere Arbeitsbedingungen sammelt. Mehr als 7.500 hat er schon. »Es ist nicht so, dass wir Befristungen von vornherein ablehnen«, sagt er. Die seien unvermeidbar, solange Forschung in Projekten organisiert sei. »Was wir fordern, ist eine Mindestlaufzeit, das Zerstückeln in Kleinstlaufzeiten muss verboten werden.« Genauso wichtig sei es, zusätzlich wieder mehr Dauerstellen zu schaffen. »Derzeit kennt das Wissenschaftssystem nur Nachwuchs und Professur. Nichts dazwischen.«
In den siebziger und achtziger Jahren war das anders: Da beherrschte der Mittelbau, meist verbeamtete Akademische Räte, die Unis – und lähmte sie zugleich. »Das ist der Knackpunkt«, sagt der CDU-Bildungsexperte Stefan Kaufmann. »Wir müssen den Missbrauch durch Zeitverträge ausschließen, doch wir wollen nicht den unbewegten Mittelbau von früher wiederhaben.« Das, sagt Keller, wolle auch er nicht: »Weil der Ausbau der Hochschulen damals nach wenigen Jahren gestoppt wurde, gab es über Jahrzehnte wenig Bewegung. Das wäre anders, wenn wir eine ausgeglichene Altersverteilung und mobilitätsfreundliche Tarifverträge hätten, die würden automatisch für personelle Erneuerung sorgen.«
Das Zauberwort, das die Politiker immer häufiger in den Mund nehmen, heißt »Tenure-Track«, eine Karriereleiter, die nach der Promotion beginnt und bis zur Professur führt, die den Schritt auf die nächste Stufe von vorher vereinbarten Leistungen abhängig macht. Aber so eine Leiter kostet viel Geld – Geld, das die Länder nicht haben. Und der Bund darf es ihnen nicht geben. Allein die solvente grün-rote baden-württembergische Regierung hat angekündigt, die Zahl der unbefristeten Stellen erhöhen zu wollen. So formuliert CDU-Experte Kaufmann denn auch lieber zurückhaltend, seine Partei werde in ihrem Antrag vor allem an die Verantwortung der Länder »appellieren«. Und an die der Hochschulen.
- Der Bund soll die Misere beheben
Auch um der Befristungsorgie ein Ende zu machen, hat das »Wissenschaftsforum der Sozialdemokratie« den Bund aufgefordert, den klammen Ländern beizuspringen – in Form einer Prämie pro erfolgreichem Studienabsolventen. So käme auf Dauer mehr Geld an die Hochschulen – genau das Geld, das sie für den Aufbau von mehr Dauerstellen brauchten. »Statt über ein paar Bundesuniversitäten zu reden, wäre es sinnvoll, gemeinsam mit den Ländern zu einer neuen Finanzierungsart zu kommen«, sagt Ex-Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Eine schöne Idee, die zugleich wieder einmal die Hilflosigkeit der Bildungspolitik offenbart: Umsetzbar wäre sie nur über eine Verfassungsänderung, und die dafür nötige Zweidrittelmehrheit im Parlament scheint derzeit nicht realistisch.
Dass die schon jetzt mehr tun könnten, wenn sie sich nur trauten, sehen einige Rektoren ähnlich. Der Präsident der TU Kaiserslautern, Helmut Schmidt, etwa sagt: »Wenn jemand seit zehn Jahren ein Drittmittelprojekt nach dem anderen an Land zieht, hat er gezeigt, was er kann. Dann muss ich als Hochschule auch bereit sein, das Risiko zu übernehmen und seinen Vertrag zu entfristen.« Wobei es sich womöglich nicht nur um ein Mutproblem handelt. Hinter vorgehaltener Hand äußern Lehrstuhlinhaber schon mal die Meinung, der Kampf durchs System helfe den jungen Wissenschaftlern bei der Charakterbildung. Sie selbst hätten da ja auch durchgemusst – und es geschafft.
Die Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, hält dagegen: Ihre Erfahrung sei, dass die meisten Professoren ohnehin bemüht seien, ihre Mitarbeiter zu halten und ihnen Perspektiven zu eröffnen. »Verantwortungslosigkeit würde ich auf keinen Fall unterstellen.«
Karl Benn verfolgt derartige Debatten mit einer Mischung aus Amüsement, Wut und Frust. Er weiß: Während die Politiker und Rektoren über großartige Weichenstellungen diskutieren, tickt für ihn die Uhr. Zwar hat ihm sein Professor noch mal den Vertrag verlängert, aber wieder nur um ein Jahr. Danach könne er sich ja noch woanders etwas suchen, hat er zu Benn gesagt. »Vielleicht habe ich mich nicht genug reingehängt«, sagt der leise. Er habe zum Beispiel nie eigene Projektgelder eingeworben. Dann besinnt er sich einen Augenblick. »Andererseits: 80 Stunden die Woche arbeiten, die Familie nie sehen, das kann es doch auch nicht sein.« Ein Kollege von ihm hat es genau so gemacht. Und was hat es ihm gebracht? Einen neuen Zeitvertrag.
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- Datum 09.12.2011 - 10:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 8.12.2011 Nr. 50
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es mehr als genug geeignete Kandidaten fuer die befristeten Stellen gibt, warum sollten die Unis und Foschungsinstitute etwas aendern. Erst wenn die MPG fuer eine ausgeschriebene Wissenschaftlerstelle nur noch Bewerbungen von indischen Provinzunis bekommt wird sich wirklich etwas tun.
Leute, es gibt auch Leben und anspruchsvolle Aufgaben ausserhalb der Unis!
Wenn die wissenschaftliche Qualität sinkt, müsste man also Geld in die Hand nehmen, um tenure tracks zu schaffen. Das Problem jedoch ist, daß kaum jemand Geld hat. Das ist jedoch eine faule Ausrede, denn Geld muss immer priorisiert werden, und kann nur einmal ausgegeben werden. D. h. daß wir es vorziehen Wählergeschenke zu bezahlen, als in die Zukunft zu investieren.
Als einmal in Schleswig-Holstein Medizinstudienplätze abgebaut werden sollten, weil sie am teuersten sind, und man deshalb damit am meisten spart, wurde auf einmal der Bund tätig, weil es nicht populär war, und faselte etwas von einem angeblichen Ärztemangel.
Wissenschaft und Forschung sind nicht populär und en vogue. Viele Leute wissen gar nicht unter welchen Bedinungen in Universitäten gearbeitet wird. Es ist ihnen meist auch egal.
Es ist jedoch eine Illusion zu glauben die Politik würde sich dafür entscheiden was langfristig gut für den Souverän wäre. Tatsächlich entscheidet die Politik danach, womit sie am ehesten Wählerstimmen abgreifen kann.
Wie man es schafft von einem Projekt 18 zu Fast. Drei. Prozent. zu werden wenn man notleidene Mövenick Hoteliers unterstützt, konnte man sehen. Anstatt von spätrömischer Dekandenz zu reden, hätte man beherzigen sollen, was gebraucht wird: Panem et circences (Brot und Spiele). Da kommt kein Wissenschaftler vor. Der Weg ins dunkle Zeitalter steht uns bevor. Spätere Historiker werden sich fragen, wieso man die Probleme nicht kommen sah, oder warum nichts dagegen unternahm.
Die Zwölfjahresregel im HRG schadet doch allen.
Den Angestellten sowieso. Aber auch noch stärker, als im Artikel dargestellt. Denn wie bitteschön soll der beispielhafte Herr Benn denn Drittmittel einwerben, wenn er selbst keine hinreichend langfristige Stelle hat, um das Projekt (inkl. der Betreuung von Doktoranden) auch komplett durchzuführen? Er KANN sich in diesem System gar nicht zur Professur qualifizieren.
Auch die Unis leiden. Denn so sehr auf den angeblich unbeweglichen Mittelbau geschimpft wird: Er hat jahrzehntelang die Lehre gemacht. Praktika, Vorlesungen, die ganze Basisorganisation, um die sich ein Prof nie kümmern würde: Die kann nicht ein alle paar Jahre wechselnder Fristangestellter machen. Zumal der, wenn er auf Drittmitteln sitzt, gar keine Lehrverpflichtung hat.
Und damit leidet letztlich die ganze Gesellschaft. Denn wissenschaftliche Kreativität wird abgewürgt, und wissenschaftliche Lehre zerhackstückt und verschlechtert.
Aber "exzellent" und "Elite" und "Wissenschaftsland" sollen wir trotzdem irgendwie sein . . .
"Der Weg ins dunkle Zeitalter steht uns bevor. Spätere Historiker werden sich fragen, wieso man die Probleme nicht kommen sah, oder warum nichts dagegen unternahm."
Kann ich ihnen jetzt schon beantworten: Weil die an der Macht und die mit dem Geld Angst haben weniger zu profitieren und weniger zu verdienen. Außerdem fehlt dieser Gruppe sämtliche Weitsicht und die Möglichkeit aus der Geschichte zu lernen.
Zum Thema:
Aus eigener Erfahrung weiß ich sogar, daß noch lange nicht immer diese Zeitverträge dazu genutzt werden, das zu tun wofür sie da sind:
Schlechten Mitarbeitern, die nachgewiesenermaßen mehr Arbeit produzieren, als abzuarbeiten, den Vertrag NICHT zu verlängern.
Dafür muss man sich dann nach spät. 12 Jahren von einem Supertalent, welcher für 3 arbeitet trennen.
Theorie und Praxis mal wieder. Manchmal klaffen sie einfach sehr sehr weit auseinander.
...auch in der freien Wirtschaft. Und deswegen möchte ich jeden Schüler davor warnen, irgendwas mit MINT oder Moral zu studieren.
Solange wir in einer Demokratie leben gibt es nur zwei Arten: Bestimmer und Unterdrückte. Die Bestimmer sind der Zirkel aus Politikern, Bankern, Managern, Journalisten und Juristen. Und die Ausgebeuteten sind jene, die ohne Vernunft und Gewissen ausgetauscht werden wie ein Stück Müll.
Faire Bezahlung? Sichere Arbeitsplätze? Wertschätzung der Arbeit? Alles lächerlich. Warum sollten diejenigen, die NICHTS zum Fortschritt und dem physischen Wohlstand beitragen denen Macht zukommen lassen, die dieses erschaffen? Somit vergrößern sie die Gefahr ihre eigenen Wohlfühlpositionen zu gefährden.
Fachkräftemangel?! Bitte... welcher Banker oder Journalist arbeitet für 2700€ Brutto im Monat?
In der Demokratie bedeutet Karriere, wenn ein talentierter Forscher nicht mehr forschen kann, sondern managen und softskillen muss. Noch im Kaiserreich war ein guter Erfinder sowas wie ein Gott. Heute ist er ein substituierbares Stück, welches man doch auch nach China auslagern könnte?
Talente dieses Gebietes verlasst Deutschland, denn Bundesrepublik hasst Euch.
"Und deswegen möchte ich jeden Schüler davor warnen, irgendwas mit MINT oder Moral zu studieren."
Also dem kann ich ich absolut nicht zustimmen. Ich habe dieses Jahr meinen Master in Wirtschaftsinformatik abgeschlossen und eine Bewerbung an mein favorisiertes Unternehmen geschrieben. Die Stelle habe ich auch bekommen. Weiterhin war noch mein Praktikumsunternehmen an mir interessiert. Beide Angebote waren unbefristet mit gutem Einstiegsgehalt ca. 45k. Ein flexibler Absolvent der MINT-Fächer mit Bachelor und Master bekommt in der Regel einen angemessenen Job. Ich sehe eher das Problem das die Meisten "Meckerköpfe" in Ihrer Region bleiben wollen, wo es manchmal keine adequaten Stellen gibt.
Auch in meinem Umfeld haben die MINT-ler ohne Probleme gute Jobs bekommen. Wer nicht irgendwo festgewachsen ist braucht sich keine Sorgen um die Zukunft machen.
"Und deswegen möchte ich jeden Schüler davor warnen, irgendwas mit MINT oder Moral zu studieren."
Also dem kann ich ich absolut nicht zustimmen. Ich habe dieses Jahr meinen Master in Wirtschaftsinformatik abgeschlossen und eine Bewerbung an mein favorisiertes Unternehmen geschrieben. Die Stelle habe ich auch bekommen. Weiterhin war noch mein Praktikumsunternehmen an mir interessiert. Beide Angebote waren unbefristet mit gutem Einstiegsgehalt ca. 45k. Ein flexibler Absolvent der MINT-Fächer mit Bachelor und Master bekommt in der Regel einen angemessenen Job. Ich sehe eher das Problem das die Meisten "Meckerköpfe" in Ihrer Region bleiben wollen, wo es manchmal keine adequaten Stellen gibt.
Auch in meinem Umfeld haben die MINT-ler ohne Probleme gute Jobs bekommen. Wer nicht irgendwo festgewachsen ist braucht sich keine Sorgen um die Zukunft machen.
Es ist doch heute schon so, dass nur diejenigen nach der Promotion weiter machen, die über genügend Idealismus verfügen und es sich einigermaßen leisten können.
Das Wissenschafts-Zeitgesetz hat sicher nichts mit Qualitätssicherung in der Wissenschaft zu tun, denn viele Talente gehen heutzutage lieber in die Privatwirtschaft, nicht weil dort mehr Geld bezahlt wird, sondern weil dort die Jobs sicherer sind.
Diese Dame ist bei vielen Wissenschaftsthemen ein Totalausfall! Sie hält bei solchen Berichten immer und aus Prinzip dagegen und redet sich die Welt schön, egal, wie unsinnig es auch sein mag. Den Erfahrungen aus dem Wissenschaftsalltag spricht dieses Gerede jedoch Hohn:
"Ihre Erfahrung sei, dass die meisten Professoren ohnehin bemüht seien, ihre Mitarbeiter zu halten und ihnen Perspektiven zu eröffnen."
Wie lächerlich! Wie soll ein Prof denn jemanden halten, wenn nach sechs Jahren (Postdoc) der Vertrag endgültig endet? Wie realistisch ist denn das pünktliche (und erfolgreiche!) Einwerben von Drittmitteln für einen nahtlosen Übergang? Und selbst das ist im Erfolgsfalle eine massive Schlechterstellung (sprich: Prekarisierung) für den Mitarbeiter.
Und hier kommt Wintermantels Widerspruch: Professoren SOLLEN ja gar nicht gute Mitarbeiter behalten. Der "noble" Hintergrund: Hausberufungen verhindern Nepotismus und unbefristete Assi-Tätigkeiten ein Leben in zweiter Reihe. Also was denn nun, Frau W.?
Aber das ist sowieso alles nur wohlfeiles Gequatsche. Im Plaudern sind bekanntlich immer alle groß, aber gerade zahlreiche Profs, die nix zu befürchten hätten, setzen sich kein Stück für die Verbesserung der Mitarbeiter-Arbeitsbedingungen ein!
Während die Profs ihre WiMi-Tätigkeiten bis vor ca. zehn Jahren quasi wie am kalten Buffet aussuchen konnten, müssen die heutigen WiMis jedem Teller hinterherrennen, egal, was drauf ist!
Es ist eine demotivierende Situation, in der es eigentlich zur Pflicht (gegen die eigenen Interessen) wird, sich schnell dieser Lage zu entziehen.
Es gibt verschiedene Konstrukte zur Umgehung der Zwölf-Jahres-Regelung; meinen Fall habe ich in meinem Blog beschrieben, denn ich bin Überzeugt, dass die Gründe besser bekannt werden müssen, warum Menschen die Forschung verlassen wollen.
http://www.scilogs.de/blo...
Ich kann einerseits froh sein, dass mein Arbeitgeber soviel Flexibilität aufbringt, zumindest wurde mir dies so gesagt, ich, andererseits, fühle eher eine Geringschätzung.
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