ARD-TalkshowsDie Volkstherapeuten

Die ARD sendet mehr Talkshows denn je. Eine Woche lang reiste unser Theaterkritiker Peter Kümmel durch ihre Studios. Welche Wirklichkeit wird da eigentlich inszeniert? Und was spielt sich dabei ab, das am Schirm verborgen bleibt? von 

Die ARD-Talkshowmoderatoren (von links nach rechts) Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann

Die ARD-Talkshowmoderatoren (von links nach rechts) Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann  |  © ARD/Marco Grob

Als die ARD im Herbst damit begann, in ihrem Hauptprogramm fünf Talkshows pro Woche zu senden, da war die allgemeine Häme groß, und ich muss zugeben: Ich habe mitgespottet. Fernsehdebatten von Sonntag bis Donnerstag? In der ZEIT nannte ich diese neue Talk-Schneise einen Ausuferungsirrsinn und empfahl der ARD, alle Sendungen in einem einzigen großen Theatergebäude zu produzieren und den verlässlichsten Darstellern, etwa Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel oder Hans-Ulrich Jörges, darin eigene Garderoben einzurichten. So entstünde bestimmt etwas Großes: das wahre deutsche Staatstheater.

Aber ist der Hohn gerechtfertigt? Gleiten auf der neuen Talk-Schiene wirklich nur die immergleichen Darsteller, vertrauten Text sprechend, durch die Woche? Oder bringt das Dauergespräch doch einen höheren Erkenntnisgewinn?

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Ich fasste den Plan, auf Talkshow-Reise zu gehen: alle fünf ARD-Talkshows einer einzigen, zufälligen Woche zu besuchen, bei den Livesendungen im Publikum zu sitzen, bei den Aufzeichnungen im Studio dabei zu sein, mit den Moderatoren Günther Jauch, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will und Reinhold Beckmann zu reden. Ich wollte verstehen, was diese Talkshow-Besessenheit bedeutet.

Man hat mich schließlich fast überall hineingelassen, obwohl sich meine höhnischen Bemerkungen in den Redaktionen herumgesprochen hatten und obwohl die Stimmung in der ARD momentan nicht die beste ist: Intern halten viele Redakteure die Talkshow-Ballung für Murks, und einige der Sendungen haben mit schlechten Quoten zu kämpfen, weil sie ihre angestammten Sendeplätze gegen schlechtere tauschen mussten, vor allem Anne Will und Beckmann.

Alle Moderatoren waren bereit, mit mir zu reden und mich bei ihrer Arbeit zusehen zu lassen, alle außer Frank Plasberg: Vielleicht verweigert er allen ZEIT- Autoren, fair, aber hart, schon deshalb das Gespräch, weil in diesem Blatt vor wenigen Jahren ein Plasberg-kritischer Artikel erschienen ist. In seiner Sendung saß ich aber doch – unerkannt im Saalpublikum.

Die Reise beginnt in Berlin am 20. November. Es ist Sonntag. Sonntag ist in der ARD jetzt Jauch-Tag.

Auf dem Weg zum Studio sagt die Taxifahrerin, sie kenne die Gegend: Hier sei die rote Insel, das Herz des proletarischen Schöneberg. Und hier wohne auch der Präsident ihres Pudelklubs. Wir erreichen ein von Bahngleisen und Fabrikgebäuden umschlossenes Areal, aus dessen dunkler Mitte sich der alte Gasometer erhebt – der Ort, aus dem Günther Jauch sendet.

Die anderen Studios, die ich auf meiner Reise noch kennenlernen werde, sind enge, niedrige Kammerbühnen. Dieser Sendeort aber hat eine gespenstische Dimension, das Publikum wartet darin wie in einem Festungsturm, dessen Spitze sich in der Nacht verliert. Im Gasometer herrscht gesammelter Ernst. Ehepaare sitzen schweigend nebeneinander und machen mündige Gesichter für den Fall, dass sie ins Bild kommen. Ein Regieassistent zeigt uns, wann wir klatschen sollen. Nämlich immer dann, wenn er so macht: Er hebt den Arm hoch über seinen Kopf und bewegt die Hand hin und her wie ein Elektriker, der eine Glühbirne aus der Fassung schraubt. Alle klatschen, und der Regieassistent tut, als sei er erleichtert und sein Job vorerst gerettet.

Jauch kommt zehn Minuten vor Sendebeginn aus der Kulisse. Heiter begrüßt er das Publikum, wie es alle Talkmaster auf der Welt tun, indem er in den Saal fragt, wer die weiteste Anreise gehabt habe. Dann dankt er allen, dass sie sich den Sonntagabend für ihn frei gehalten haben.

Das Feuer der Empörung ist nur durch den Applaus des Publikums zu löschen

Aber: Die Sensation ist doch, dass er sich den Sonntagabend frei gehalten hat. Er wollte und bekam genau diesen Sendeplatz. Nach jahrelangem Hin und Her haben die ARD-Verantwortlichen dem RTL-Showstar Jauch den famosen Sonntagabend frei geräumt, indem sie alle übrigen Talksendungen in die Woche hineinschoben.

Als die Übertragung beginnt, verändert sich Jauchs Stimmung; er wirkt fast ein wenig verhangen. Das Thema des Abends lautet: »Schicksal Alzheimer – wer kümmert sich dann um mich?« Die Redaktion hat einen Mann eingeladen, der an der Krankheit im Anfangsstadium leidet, das ihm erlaubt, auf seine neue Lage mit Staunen, ja manchmal mit Belustigung zu blicken. Die Anwesenheit des Mannes, seine sachliche Ruhe, prägt die Sendung.

Leserkommentare
  1. 1. Bravo!

    Großartiger Bericht, hervorragende Analyse!

    Eine Leserempfehlung
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    • Kometa
    • 18. Februar 2013 14:48 Uhr

    ... dann lesen Sie mal Jakob Augstein dazu:
    http://www.spiegel.de/pol...

  2. Tut das gut, mal wieder ein richtig inspiriertes Stück Journalismus zu erleben, dessen Fluss ich von Seite 1 bis 6 gebannt und ohne Atempause folgte. Ein perfekt bgestimmte Mischung aller möglichen stilistischen, analytischen sowie musischen und intellektuellen Ingredienzen, die man so nur zustande bringen kann wenn die Inspiration am Steuer sitzt...und ich verteile sonst nicht leicht so viel Lob.

  3. Tut das gut, mal wieder ein richtig inspiriertes Stück Journalismus zu erleben, dessen Fluss ich von Seite 1 bis 6 gebannt und ohne Atempause folgte. Ein perfekt bgestimmte Mischung aller möglichen stilistischen, analytischen sowie musischen und intellektuellen Ingredienzen, die man so nur zustande bringen kann wenn die Inspiration am Steuer sitzt...und ich verteile sonst nicht leicht so viel Lob.

  4. Wer sich diese Sendungen ansieht, und aus deren konstruierten Antwort/Frage Spielchen, inklusive genehmen Gästen sich eine Meinung zum Tagegeschehen zieht, dem ist nicht mehr zu helfen.

    Was früher die Kirche war, oder der Kaiser, ist heute die freie und qualitativ hochwertige Medienlandschaft. Absolut!

    Eventuell sollten die Menschen den Fernseher aus dem Fenster schmeißen und die Zeitungen hinterher. Anschließen kann das Individuum freier Mensch sein Hirn wieder aktivieren.

    Klar ist, wenn man in eine Presse verschimmeltes Obst einwirft, kommt kein guter Orangensaft rauß.

  5. Oh mein Gott. Ich hoff bloß, die Frau ist nicht wirklich so intellektuell beschränkt, wie die sich präsentiert hat.
    Haufenweise Phrasen zu den Euro-Rettungsbeschlüssen sind eine extreme Untertreibung.

    Wer immer noch glaubt, das wir unsere Souveränität an Brüssel abgeben sollten, empfehle ich die Ard Mediathek.

    • ikonist
    • 12. Dezember 2011 20:04 Uhr

    ein geschäft auf kosten sozial benachteiligter menschen dieser gesellschaft. wie hoch sind die finanziellen zuwendungen für diese feudalistischen moderatoren?

  6. immer wieder sitzen dort die selben Menschen, die dem Mainstream entstammen und sich nicht einmal trauen einen wirklich neuen Gedanken zu äußern.

    Viel mehr Querköpfe bräuchte es, das täte sowohl dem Land wie den Talkshows sehr gut!

    Wie erfrischend war eine Ranke-Heinemann, ein Jean Ziegler und wie wohltuend ein Eugen Drewermann. Gott sei Dank, sieht man immer noch einen Oskar Lafontaine, der aus der sonstigen Kakophonie hervorsticht.

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    Von den ständig gleichen Anwesenden, die Querbeet in den Talkshows sitzen, sind deren ihre Meinung einem schon längst bekannt. Ich schaue mir vorher die Gästeliste an und entscheide dann, ob ich überhaupt den Kasten einschalte.

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