Die ARD-Talkshowmoderatoren (von links nach rechts) Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann © ARD/Marco Grob

Als die ARD im Herbst damit begann, in ihrem Hauptprogramm fünf Talkshows pro Woche zu senden, da war die allgemeine Häme groß, und ich muss zugeben: Ich habe mitgespottet. Fernsehdebatten von Sonntag bis Donnerstag? In der ZEIT nannte ich diese neue Talk-Schneise einen Ausuferungsirrsinn und empfahl der ARD, alle Sendungen in einem einzigen großen Theatergebäude zu produzieren und den verlässlichsten Darstellern, etwa Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel oder Hans-Ulrich Jörges, darin eigene Garderoben einzurichten. So entstünde bestimmt etwas Großes: das wahre deutsche Staatstheater.

Aber ist der Hohn gerechtfertigt? Gleiten auf der neuen Talk-Schiene wirklich nur die immergleichen Darsteller, vertrauten Text sprechend, durch die Woche? Oder bringt das Dauergespräch doch einen höheren Erkenntnisgewinn?

Ich fasste den Plan, auf Talkshow-Reise zu gehen: alle fünf ARD-Talkshows einer einzigen, zufälligen Woche zu besuchen, bei den Livesendungen im Publikum zu sitzen, bei den Aufzeichnungen im Studio dabei zu sein, mit den Moderatoren Günther Jauch, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will und Reinhold Beckmann zu reden. Ich wollte verstehen, was diese Talkshow-Besessenheit bedeutet.

Man hat mich schließlich fast überall hineingelassen, obwohl sich meine höhnischen Bemerkungen in den Redaktionen herumgesprochen hatten und obwohl die Stimmung in der ARD momentan nicht die beste ist: Intern halten viele Redakteure die Talkshow-Ballung für Murks, und einige der Sendungen haben mit schlechten Quoten zu kämpfen, weil sie ihre angestammten Sendeplätze gegen schlechtere tauschen mussten, vor allem Anne Will und Beckmann.

Alle Moderatoren waren bereit, mit mir zu reden und mich bei ihrer Arbeit zusehen zu lassen, alle außer Frank Plasberg: Vielleicht verweigert er allen ZEIT- Autoren, fair, aber hart, schon deshalb das Gespräch, weil in diesem Blatt vor wenigen Jahren ein Plasberg-kritischer Artikel erschienen ist. In seiner Sendung saß ich aber doch – unerkannt im Saalpublikum.

Die Reise beginnt in Berlin am 20. November. Es ist Sonntag. Sonntag ist in der ARD jetzt Jauch-Tag.

Auf dem Weg zum Studio sagt die Taxifahrerin, sie kenne die Gegend: Hier sei die rote Insel, das Herz des proletarischen Schöneberg. Und hier wohne auch der Präsident ihres Pudelklubs. Wir erreichen ein von Bahngleisen und Fabrikgebäuden umschlossenes Areal, aus dessen dunkler Mitte sich der alte Gasometer erhebt – der Ort, aus dem Günther Jauch sendet.

Die anderen Studios, die ich auf meiner Reise noch kennenlernen werde, sind enge, niedrige Kammerbühnen. Dieser Sendeort aber hat eine gespenstische Dimension, das Publikum wartet darin wie in einem Festungsturm, dessen Spitze sich in der Nacht verliert. Im Gasometer herrscht gesammelter Ernst. Ehepaare sitzen schweigend nebeneinander und machen mündige Gesichter für den Fall, dass sie ins Bild kommen. Ein Regieassistent zeigt uns, wann wir klatschen sollen. Nämlich immer dann, wenn er so macht: Er hebt den Arm hoch über seinen Kopf und bewegt die Hand hin und her wie ein Elektriker, der eine Glühbirne aus der Fassung schraubt. Alle klatschen, und der Regieassistent tut, als sei er erleichtert und sein Job vorerst gerettet.

Jauch kommt zehn Minuten vor Sendebeginn aus der Kulisse. Heiter begrüßt er das Publikum, wie es alle Talkmaster auf der Welt tun, indem er in den Saal fragt, wer die weiteste Anreise gehabt habe. Dann dankt er allen, dass sie sich den Sonntagabend für ihn frei gehalten haben.

Das Feuer der Empörung ist nur durch den Applaus des Publikums zu löschen

Aber: Die Sensation ist doch, dass er sich den Sonntagabend frei gehalten hat. Er wollte und bekam genau diesen Sendeplatz. Nach jahrelangem Hin und Her haben die ARD-Verantwortlichen dem RTL-Showstar Jauch den famosen Sonntagabend frei geräumt, indem sie alle übrigen Talksendungen in die Woche hineinschoben.

Als die Übertragung beginnt, verändert sich Jauchs Stimmung; er wirkt fast ein wenig verhangen. Das Thema des Abends lautet: »Schicksal Alzheimer – wer kümmert sich dann um mich?« Die Redaktion hat einen Mann eingeladen, der an der Krankheit im Anfangsstadium leidet, das ihm erlaubt, auf seine neue Lage mit Staunen, ja manchmal mit Belustigung zu blicken. Die Anwesenheit des Mannes, seine sachliche Ruhe, prägt die Sendung.