Die ARD-Talkshowmoderatoren (von links nach rechts) Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Günther Jauch, Anne Will und Reinhold Beckmann © ARD/Marco Grob

Als die ARD im Herbst damit begann, in ihrem Hauptprogramm fünf Talkshows pro Woche zu senden, da war die allgemeine Häme groß, und ich muss zugeben: Ich habe mitgespottet. Fernsehdebatten von Sonntag bis Donnerstag? In der ZEIT nannte ich diese neue Talk-Schneise einen Ausuferungsirrsinn und empfahl der ARD, alle Sendungen in einem einzigen großen Theatergebäude zu produzieren und den verlässlichsten Darstellern, etwa Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel oder Hans-Ulrich Jörges, darin eigene Garderoben einzurichten. So entstünde bestimmt etwas Großes: das wahre deutsche Staatstheater.

Aber ist der Hohn gerechtfertigt? Gleiten auf der neuen Talk-Schiene wirklich nur die immergleichen Darsteller, vertrauten Text sprechend, durch die Woche? Oder bringt das Dauergespräch doch einen höheren Erkenntnisgewinn?

Ich fasste den Plan, auf Talkshow-Reise zu gehen: alle fünf ARD-Talkshows einer einzigen, zufälligen Woche zu besuchen, bei den Livesendungen im Publikum zu sitzen, bei den Aufzeichnungen im Studio dabei zu sein, mit den Moderatoren Günther Jauch, Frank Plasberg, Sandra Maischberger, Anne Will und Reinhold Beckmann zu reden. Ich wollte verstehen, was diese Talkshow-Besessenheit bedeutet.

Man hat mich schließlich fast überall hineingelassen, obwohl sich meine höhnischen Bemerkungen in den Redaktionen herumgesprochen hatten und obwohl die Stimmung in der ARD momentan nicht die beste ist: Intern halten viele Redakteure die Talkshow-Ballung für Murks, und einige der Sendungen haben mit schlechten Quoten zu kämpfen, weil sie ihre angestammten Sendeplätze gegen schlechtere tauschen mussten, vor allem Anne Will und Beckmann.

Alle Moderatoren waren bereit, mit mir zu reden und mich bei ihrer Arbeit zusehen zu lassen, alle außer Frank Plasberg: Vielleicht verweigert er allen ZEIT- Autoren, fair, aber hart, schon deshalb das Gespräch, weil in diesem Blatt vor wenigen Jahren ein Plasberg-kritischer Artikel erschienen ist. In seiner Sendung saß ich aber doch – unerkannt im Saalpublikum.

Die Reise beginnt in Berlin am 20. November. Es ist Sonntag. Sonntag ist in der ARD jetzt Jauch-Tag.

Auf dem Weg zum Studio sagt die Taxifahrerin, sie kenne die Gegend: Hier sei die rote Insel, das Herz des proletarischen Schöneberg. Und hier wohne auch der Präsident ihres Pudelklubs. Wir erreichen ein von Bahngleisen und Fabrikgebäuden umschlossenes Areal, aus dessen dunkler Mitte sich der alte Gasometer erhebt – der Ort, aus dem Günther Jauch sendet.

Die anderen Studios, die ich auf meiner Reise noch kennenlernen werde, sind enge, niedrige Kammerbühnen. Dieser Sendeort aber hat eine gespenstische Dimension, das Publikum wartet darin wie in einem Festungsturm, dessen Spitze sich in der Nacht verliert. Im Gasometer herrscht gesammelter Ernst. Ehepaare sitzen schweigend nebeneinander und machen mündige Gesichter für den Fall, dass sie ins Bild kommen. Ein Regieassistent zeigt uns, wann wir klatschen sollen. Nämlich immer dann, wenn er so macht: Er hebt den Arm hoch über seinen Kopf und bewegt die Hand hin und her wie ein Elektriker, der eine Glühbirne aus der Fassung schraubt. Alle klatschen, und der Regieassistent tut, als sei er erleichtert und sein Job vorerst gerettet.

Jauch kommt zehn Minuten vor Sendebeginn aus der Kulisse. Heiter begrüßt er das Publikum, wie es alle Talkmaster auf der Welt tun, indem er in den Saal fragt, wer die weiteste Anreise gehabt habe. Dann dankt er allen, dass sie sich den Sonntagabend für ihn frei gehalten haben.

Das Feuer der Empörung ist nur durch den Applaus des Publikums zu löschen

Aber: Die Sensation ist doch, dass er sich den Sonntagabend frei gehalten hat. Er wollte und bekam genau diesen Sendeplatz. Nach jahrelangem Hin und Her haben die ARD-Verantwortlichen dem RTL-Showstar Jauch den famosen Sonntagabend frei geräumt, indem sie alle übrigen Talksendungen in die Woche hineinschoben.

Als die Übertragung beginnt, verändert sich Jauchs Stimmung; er wirkt fast ein wenig verhangen. Das Thema des Abends lautet: »Schicksal Alzheimer – wer kümmert sich dann um mich?« Die Redaktion hat einen Mann eingeladen, der an der Krankheit im Anfangsstadium leidet, das ihm erlaubt, auf seine neue Lage mit Staunen, ja manchmal mit Belustigung zu blicken. Die Anwesenheit des Mannes, seine sachliche Ruhe, prägt die Sendung.

"Ich kann mich als Medienfigur nicht gut aushalten"

Viele haben sich von Jauch die Neuerfindung des Genres erhofft, jedenfalls nicht viel weniger. Aber was tut Jauch? Er macht nichts neu. Er macht das Alte, und das ein wenig vorsichtiger.

Auch er holt sich, wie man das von seinen Kollegen kennt, zwei Berufspolitiker in die Sendung: Manuela Schwesig, die Sozialministerin von Mecklenburg-Vorpommern (SPD), und Daniel Bahr, den Bundesgesundheitsminister (FDP). Zwischen den beiden entwickelt sich ein kleiner, malmender Kampf, es ist, als würden sich die Parteiprogramme selbst ineinander verbeißen, als erzeugten kühle Regierungswinde (Bahr) und warme Oppositionswinde (Schwesig) einen dekorativen Zimmerwirbelsturm. Jauch unterbindet ihn nicht, er sieht ihm zu, bis er sich erschöpft. Der Kampf ist eher erschreckend in seiner begrifflichen Dürftigkeit. Es prallen nicht zwei Ideenwelten aufeinander, sondern zwei Methoden, den konzeptionell-finanziellen Mangel zu vertuschen. Und man ahnt, dass Manuela Schwesig schon viele Talkshows gesehen haben muss; sie weiß, wie man Applaus erzeugt.

Viel Redezeit hat man ja in einer Talkshow als Gast gar nicht, von einer Stunde Sendezeit bleiben einem ungeschickten Anfänger oft nur drei, vier Minuten. Für Politiker aber ist es wichtig, sich mindestens zwei Mal pro Sendung einen Szenenapplaus zu sichern, und das müssen sie so hinkriegen, dass niemand ihnen vorwerfen kann, sie handelten im eigenen Interesse.

Es sind jene Momente, in denen Politiker ihre Gegenspieler nicht mehr mit Argumenten, sondern mit charakterlicher Überlegenheit traktieren, gemäß Oscar Wildes Satz »Moral ist eine Haltung, die wir Leuten gegenüber an den Tag legen, die wir nicht leiden können«.

Sie warten auf eine Bemerkung, die es ihnen ermöglicht, grundsätzlich zu werden, und schrauben sich dann in eine feurige Empörung hinein (»da müssen alle parteipolitischen Spielchen ein Ende haben«), die sich so lange steigert, bis die Zuschauer erfassen, dass dieses Feuer mit anderen Mitteln nicht zu stoppen ist: Sie löschen es also mit Applaus. Guido Westerwelle, als er politisch noch lebendiger war, zeigte sich stets als ein Meister dieser Applausgenerierung, er hatte in jeder Talkshow einen Moment, in dem höchste Selbstverleugnung (es geht hier nicht um mich!) und äußerster Selbstgenuss (wer, wenn nicht ich, könnte es so klar sagen!) ineinanderfielen.

In meiner Talkwoche war es Manuela Schwesig, die dieses Mittel am gekonntesten einsetzte. Zweimal erzeugte sie einen Applausregen. Bahr gelang das nur einmal.

Und wie verhält sich Jauch? Als Quizmaster bei RTL (Wer wird Millionär?) gibt er den trockenen, manchmal sarkastischen Lakoniker. Im politischen Gespräch ist er weicher, defensiver; er schaut zu, als wolle er nicht hineingezogen werden. Ein Mann auf der Hut, der damit rechnet, dass man ihm eine Geschichte vom Pferd erzählt.

Seine Gäste werden keinem Verhör unterzogen, sie werden von Jauch niemals – wie es in der Journalistensprache heißt – »gegrillt«, sie haben eher den Status von Beratern, Boten, die dem Moderator Nachrichten in seine Festung bringen.

Von allen Talkmastern ist Jauch der Langsamste und Bedächtigste. Er stellt sich weniger als politischer Kopf dar denn als exemplarischer Käufer, als Kunde, als Betroffener: Für welches Produkt soll ich mich nur entscheiden? Wem kann ich denn da noch glauben?

Ein Unbehagen an der eigenen Rolle, ein Misstrauen gegenüber dem eigenen Bild scheint ihm eigen zu sein – vielleicht ist es das, was als das »Jungenhafte« an ihm beschrieben wird: Er tritt auf, als könne er es nicht fassen, dass andere ihm so gern zusehen. Sein Spiel ist ein Spiel mit dem Selbstzweifel: Geht es mit rechten Dingen zu, dass man ihn für einen bedeutenden Mann hält?

Nach der Sendung, bei der Aftershow-Party, sagt Jauch etwas Erstaunliches. Er sagt, er habe sich selbst noch nie im Fernsehen gesehen: »Wenn ich jetzt mit Ihnen rede, bin ich mit mir im Reinen, das ist in Ordnung. Aber wenn ich mir vorstelle, da stünde jetzt eine Kamera und ich schaute mir zu Hause an, wie ich so rede und gestikuliere, wie ich die Sätze nicht zu Ende bringe und wie ich aussehe und wie ich hier so hänge, dann gefällt mir das persönlich nicht. Ich würde immer komplexbeladener werden, wenn ich mir das ansähe. Deswegen war ich immer ein Fan von Livesendungen, die sind weg, und die seh ich mir nicht an. Ich kann mich als Medienfigur nicht gut aushalten.«

Plasberg spricht gleich einen Fremden in der ersten Reihe an: Nämlich mich

Jauchs Mimik umfasst eine reiche Skala von Ausdrücken des Unbehagens, der Skepsis, der Ironie. Er misstraut den Worten, die allzu flüssig kommen, und vielleicht misstraut er auch dem eigenen Erfolg.

Angeblich würde ihn, wenn es die Gelegenheit gäbe, die Mehrheit der Deutschen zum Bundespräsidenten wählen. Er spricht, als wolle er es sich mit keinem Gast und keiner Wählergruppe verderben. Aber er bewegt sich, als sei ihm unwohl dabei: Er beißt sich auf die Unterlippe, bläst die Backen auf, wirft seine Stirn in Falten. Es spielt sich das Entscheidende in Jauchs Gesicht ab, nicht in seiner Rede. Als Gesamteindruck seiner Sendungen bleibt: ein Zweifel zwischen den Zeilen. Der Moderator der wichtigsten politischen Talkshow Deutschlands möchte gemocht werden. Er denkt sich das Entscheidende lieber, als dass er es ausspräche.

Frank Plasberg in seiner Sendung "Hart aber fair" © WDR/Oliver Ziebe

Ich ziehe weiter – zu einem Mann, der nicht unbedingt gemocht, aber auf jeden Fall gefürchtet werden will. Montagabend in der Berliner »Fernsehwerft«, einem von den Medien genutzten Industrieareal am Ufer der Spree. Hier moderiert Frank Plasberg die Sendung hart aber fair , live ab 21 Uhr.

Im Gegensatz zu Jauchs hallender Kathedrale wirkt Plasbergs Studio zu eng für all das, was darin untergebracht werden muss: 70 Zuschauer sollen Platz haben, die Studiokameras drängen sich um den Tisch der Talkgäste wie junge Elefanten um eine Tränke, und eine Krankamera macht sich von oben über den Schauplatz her und setzt sich direkt vor die Gesichter der Zuschauer, als beäuge sie ihr Fressen.

Plasberg eilt ins Studio wie ein alter Bekannter, genau so, als kennte er uns sowieso schon alle, und er spricht gleich einen Mann in der ersten Reihe an, mit dem er kein Wort reden würde, wenn er wüsste, wer das ist – er fragt nämlich mich nach meinem verschlissenen Nokia-Handy, das ich gerade ausschalte: »Das kriegt bald das Technikmuseum, was?«

Unter Plasbergs Blick wird jeder Politiker ein wenig zum Pappenheimer

Das Anwärmen des Publikums übernimmt er selbst, er tut es souverän und mit Hingabe: Er knetet den Teig, weil er sich so sehr auf den Kuchen freut. Sein Team hilft ihm, der Tonmann singt Über sieben Brücken musst du geh’n , Plasberg steht ironisch schunkelnd daneben. Er ist ein im Kern seines Wesens volkstümlicher Mann – selbst dann noch, wenn er sich zum Volk herablässt. So geht die Zeit fröhlich dahin, plötzlich sind wir auf Sendung – unglaublich, wie beiläufig das geschieht.

Plasberg braucht keinen Anlauf, um in eine Livesendung hineinzukommen, er ist für die Livesendung geschaffen. Das Thema des Abends: »Die Betreuungslüge – wenn Kinderwunsch auf Politik trifft!« Wieder beginnen zwei gegnerische Politiker, Christine Haderthauer, die bayerische Familienministerin von der CSU, und Cem Özdemir, der Vorsitzende der Grünen, das übliche Turnier. Ein durchschnittlicher bis guter Abend ohne größere Ausbrüche und Erkenntnisse. Plasberg hat alles unter Kontrolle.

Das unausgesprochene Motto dieses Moderators lautet: Don’t let them get away with it . Lasst die Mächtigen nicht davonkommen mit ihren Phrasen und Manövern. Während Jauch Vorsicht walten lässt, arbeitet Plasberg mit Schnelligkeit; er ist immer schon da, wo seine Gäste noch hinwollen. Er empfängt sie, wenn sie das Ende ihrer Rede erreicht haben, gern mit einem »Einspieler«, der ihre Aussagen in sich zusammenfallen lässt. Unter seinem Blick wird jeder Politiker ein wenig zum Pappenheimer in einer Republik von Pappenheimern. Und wenn Plasberg einmal nachfragt, weil er angeblich etwas nicht verstanden hat, so weiß jeder, dass er das nur für die Zuschauer macht.

Dieser Haltung verdankt seine Sendung den Titel. Mitunter aber erweckt Plasberg den Eindruck, ins Weichere entkommen zu wollen. Er hat entdeckt, dass in seiner robusten Schlagfertigkeit auch ein Show-Element steckt, etwas, wofür man ihn bewundert. Abseits von hart aber fair moderiert er inzwischen große Unterhaltungsshows, und diese Erfahrung fließt in seine politische Sendung ein. Er ist selbstgenügsam geworden – als genieße er den hohen Wellengang, den er erzeugt, viel mehr als alle Erkenntnisse, die der Abend bringt. Von allen Talkmeistern erinnert er am meisten an einen Alleinunterhalter.

Am Ende wird das Studiopublikum, das er so sehr umworben hat, ohne jede Förmlichkeit entlassen, es löst sich auf wie die Passagierherde eines Kurzstreckenfluges nach der Landung. Draußen schwebt Nebel über der schwarzen Spree. »Kommen Sie gut nach Hause«, sagt Plasberg und legt das Mikro nieder, ohne einen Blick in den Saal.

Übrigens ist es frappierend, wohin man tritt, wenn man eine Talkshow verlässt, geblendet noch von Scheinwerfern, betört von der Präsenz der Kameras: Man tritt mitten hinein ins Berliner Nichts.

Talkshowstudios stehen nicht an den Boulevards der Republik, sondern an unwirtlichen Orten. Sie stehen zum Beispiel in Berlin-Adlershof, in den Gebäuden des ehemaligen DDR-Fernsehens. Dort werden in dieser Woche unter demselben Dach gleich zwei ARD-Talkshows aufgezeichnet, Menschen bei Maischberger am Dienstag und Anne Will am Mittwoch. Ein karger Korridor führt vor die Kameras; auf halbem Weg dorthin gibt es eine verglaste Nische, eine Geselligkeitslücke mit Stehtischchen und Buffet, man denkt an das Bordbistro eines ICE: Hier werden die Gäste vor der Sendung empfangen und nachher bewirtet. Mehr Gemütlichkeit ist nicht nötig für die Meinungsträgerelite des Landes.

Das Studio gleich nebenan ist weiträumiger: Darin wird The Voice of Germany produziert, die neue, hocherfolgreiche Sat.1-Castingshow mit Nena und Xavier Naidoo. Während also bei Sat.1 die Jugend sich Hoffnungen machen darf, groß rauszukommen und das Beste noch vor sich zu haben, geht es bei Maischberger heute um die vielen Menschen, die befürchten, dass die guten Zeiten schon hinter ihnen liegen. »Ackern bis zum Umfallen – hat uns der Sozialstaat betrogen?«, heißt das Thema des Abends. Die Sendung wird ohne Zuschauer aufgezeichnet, ich sehe sie in einem Redaktionsbüro über dem Studio gemeinsam mit einem Redakteur und dem Produzenten der Sendung. Es gibt Gummibären und Obst.

Arnulf Baring spricht Gysis Namen aus, als sei es der Rufname eines Hundes

Im Studio sitzen zwei große Helden der deutschen Talkshow: Gregor Gysi und Arnulf Baring. Vor allem auf Baring, den Historiker, habe ich mich sehr gefreut. Er findet in jeder Runde einen Gegner, den er reizt bis aufs Blut. Er vermag es, jeden Mann seiner Wahl in eine Statler-und-Waldorf-Szene aus der Muppet Show zu verwickeln. Er wirkt, als führe er immer ein Säckchen Staub (gemischt mit Asche) mit sich, aus welchem er sich in unbeobachteten Momenten eine Handvoll in den Mund schüttet, um jenes unnachahmliche Baring-Knirschen, jenes steinerne Mahlen seiner Kiefer zustande zu bringen. Baring trägt kein Monokel, er hat aber das Gesicht eines Monokelträgers: Das linke Auge ist zugekniffen, der Mund wohlwollend verzogen, als er eine Rentnerin betrachtet, die auf dem Stuhl gegenüber sitzt und davon erzählt, wie sie sich den Lebensunterhalt durch das Sammeln von Pfandflaschen aufbessert.

Seinen Kontrahenten nennt er nur beim Nachnamen, und zwar so, als wäre der Genannte gar nicht im Raum: »Ich liebe Gysi ja!« Er sagt den Namen Gysi, als wäre es der Rufname seines Hundes oder einer Frau, mit einer bitteren Zärtlichkeit.

Alle großen Reiche, die sich allzu sicher gefühlt hätten, seien stracks untergegangen, stellt Baring fest – und kommt von Nazi-Deutschland argumentativ blitzschnell zum heutigen Europa: »Ich bin eine Kassandra. Kassandra hatte leider recht.«

"Vermutlich sind wir alle jetzt in der Talkshow-Mitte angekommen"

Der Mann, der für uns in den Abgrund schaut! Wie er mit Gysi spricht, als spräche er bloß über ihn, mit einem intensiven Lächeln, dem Leben grimmig zugewandt, das hat große, verächtliche Klasse. Leider kann Baring es kaum erwarten, dass diese Sendung endlich aus ist, er muss gleich in die nächste, er wird dringend als Gast der Münchner Runde erwartet, die heute auch noch in Berlin stattfindet und in einer knappen Stunde beginnt. In ihr wird er messerscharf darlegen, dass die rechte Gewalt in Deutschland hysterisch überschätzt werde und dass die Nazis im Übrigen keine rechte, sondern eine linke Bewegung gewesen seien.

Sandra Maischberger © WDR/Max Kohr

Doch noch ist Baring da, ein Mensch bei Maischberger. Die Moderatorin schürt den zuverlässigen Groll des alten, genussvoll reaktionären Mannes. Sie dirigiert ihn sanft, denn sie ist, trotz ihres scharfen Intellekts, auch eine robuste Löwendompteurin. Sie fühlt sich wohl im Tumult, und bereitwillig legt sie, sprichwörtlich genommen, ihren Kopf ins Maul der Meinungslöwen. Allzu gern hätte sie Baring im Studio eingeschlossen, um ihn der Konkurrenz zu entziehen, die zu allem Überdruss live sendet. Jedoch, einen Baring kann man nicht aufhalten.

Nach der Sendung: Eine skeptische Sandra Maischberger trifft mich zum Gespräch, sie hat das Gefühl, ich hätte meinen Artikel im Grunde schon geschrieben; sie rechnet mit Häme. Dennoch: Wir reden.

Warum Arnulf Baring, Frau Maischberger? Warum lädt man ihn, der sich in gefühlt 200 Talkshows zu etwa 300 Themen hat befragen lassen, noch immer ein?

»Weil von den Originalen, den exzentrischen Personen, verdammt wenige übrig geblieben sind. Die nachwachsenden Generationen sind viel dezenter, es gibt einen viel größeren Komment, was man tut und was man sagt und was nicht.«

Wie kommt das?

»Wenn Sie früher in einer Talkshow etwas Kontroverses gesagt haben, stand es am nächsten Tag in der Zeitung, die Leute redeten drüber – und das war’s. Heute bleiben Sie mit Ihrem Auftritt in Wort und Bild auf ewig erhalten, sie stehen für alle Zeiten auf YouTube, die Boulevardzeitungen drehen es auch noch mal hoch. Deshalb sind die Leute vorsichtiger geworden, als sie es am Anfang meiner TV-Zeit noch waren – viel, viel vorsichtiger. Wir werden häufig kritisiert, weil wir die Henkels, Barings, die Nina Hagen einladen. Wir tun das aber, weil sie die Letzten ihrer Art sind.«

Sandra Maischberger ist die Einzige, die vom Reformfuror der ARD-Programmdirektoren verschont wurde. Einen Anker sollte man lassen, wenn man alles andere ändert, habe sie den Verantwortlichen gesagt, das war ein ziemlich schlaues Argument, und man hat ihre Sendung in Ruhe gelassen. Warum? »Wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht sagen.«

Ist mein Eindruck falsch, Frau Maischberger, dass die ARD-Talkshows sich in ihren Fragestellungen, ihren Gästen, ihrem Rhythmus sehr ähneln?

»Mir ist auch aufgefallen, dass wir uns im Moment durchaus angleichen. Keine Ahnung, wie wir das lösen werden. Wir bei Maischberger machen das im Prinzip schon seit dem zweiten Jahr unserer Sendung so: Es ist die Mischung aus hochkomplexen politischen und, Sie würden sagen, verbraucherfreundlichen Themen. Wenn ich jetzt nach links und rechts schaue, stelle ich fest, dass wir alle dort angekommen sind. Früher hat man das die politische Mitte genannt, und vermutlich sind wir alle jetzt in der Talkshow-Mitte angekommen.«

Eine Talkshow-Mitte? Das klingt schlagend. Gehen wir einmal auswahlsweise die Liste der Themen durch, die von der ARD in den letzten Monaten verhandelt worden sind.

Bei Jauch: »Blutiger Terror von rechts – haben wir die braune Gefahr unterschätzt?«, »Die Trinker-Republik – unterschätzen wir die Volksdroge Alkohol?«, »Alte an die Arbeit! Können wir uns Rentner überhaupt noch leisten?«

Bei Plasberg: »Burn-out – Modekrankheit oder echte Seuche?«, »Die Angst-Diagnose – was kann Krebs heilen?«, »Im Sterben Leben schenken – warum macht Organspende Angst?«

Bei Maischberger: »Gestern reich, heute pleite – Schuld oder Schicksal?«, »Ticks, Panik, Phobien – wann wird die Macke zur Krankheit?«, »Schluss mit schlank – lieber dick als auf Diät?«

Bei Will: »Einmal unten, immer unten – Aufstieg nur für Reiche?«, »Wir machen dich fertig – Mobbing im Internet«, »Ob Fußballtrainer oder Putzfrau – Jobs immer gnadenloser?«

Bei Beckmann: »Nazi-Terror – was wusste der Verfassungsschutz?«, »Europa vor dem Abgrund – wie sicher ist unser Geld?«, »Mobil im Alter – rüstig, rege, ruhelos – sind das die neuen Alten?«, »Jugendgewalt in Deutschland – Kuscheljustiz statt Opferschutz?«

Die Titel sind zum Stoßseufzer verknappte Fragen. Man denkt sich, ein verzagter Mensch stellt sie, wenn er nachts, schweißnass, aus schlimmen Träumen erwacht. Wer die Shows an ihren Titeln misst, muss zu dem Schluss kommen: Hier hat das Burn-out-Syndrom sein Fernsehformat gefunden.

Der kleine Mann aus dem Volke zeigt sich. Der große Mann zeigt sich nicht

Offenbar spiegelt die Talkshow den Wandel, den das Selbstbild des Deutschen in den letzten Jahren erfahren hat: Erlebt er sich noch als Bürger, oder sieht er sich inzwischen vor allem als Kunde, Betroffener, Verbraucher, Patient, Versicherter, Klient? Auffallend oft sind es Kunden-, Patienten-, Verbrauchersorgen, die in den Sendungen besprochen werden: Tut mir das gut? Brauche ich das? Und, höchste Form von Gemeinsinn: Wie sehr schadet uns das? Werden wir das alles überstehen?

Der Zuschauer wird, gemäß einem Journalisten-Gemeinplatz, »dort abgeholt, wo er steht«. Auf Empathie, auf Mitgefühl über die eigene Schicht hinaus zielen die Sendungen selten ab. Sie sind, pathetisch gesagt, nicht darauf angelegt, dass wir unser Leben ändern. Es geht ihnen auch nicht darum, dass wir Unerhörtes, Neues von der Welt außerhalb Deutschlands, geschweige denn Europas, erfahren.

Nimmt man all die Talkshow-Überschriften zusammen, ergeben sie einen Überbegriff: Vertrauensverlust. Um nicht zu sagen: Weltvertrauensverlust.

"Es ist unglaublich schwer, führende Vertreter der Wirtschaft einzuladen"

Vor 20, 25 Jahren, so glaube ich mich zu erinnern, war das noch anders. Da wurde in verqualmten Studios der Zustand der Welt besprochen, und mit dem Tabaksqualm schienen Visionen, Pläne, Gegenentwürfe aufzusteigen.

»Aber damals, in den achtziger Jahren«, so sagt Anne Will am Mittwochabend nach ihrer Sendung, »damals gab es noch deutlich getrennte Lager, die auf bestimmte Fragen ganz klar mit Ja oder Nein antworten konnten und die dann aufeinanderprallten. Seitdem sind die meisten dieser Fragen beantwortet oder haben sich erledigt. Eine der letzten großen Fragen war noch die nach dem Umgang mit der Atomkraft; damit können Sie auch keinen großen ideologischen Streit mehr herstellen. Man muss jetzt schon in die Details gehen – genauso wie ja auch die Parteien versuchen, sich sozusagen in der Mitte auseinanderzudifferenzieren.«

Wir sitzen auf den Sesseln, auf denen gerade noch die Gäste saßen. Anne Wills Lächeln leuchtet, die Sendung hat funktioniert und einen beträchtlichen Erkenntnisgewinn gebracht, obwohl es eine Sendung aus lauter Kleingedrucktem war. »Versichern, verkaufen, verschaukeln – wer traut noch seinem Berater?«, hat sie geheißen. Mitten in der Sendung stellte ein Versicherungsmann der Moderatorin eine berufliche Frage: »Haben Sie eigentlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung, Frau Will?«

Anne Will © NDR/Wolfgang Borrs

Das, sagt Anne Will, sei einer der Momente gewesen, in dem sie lachen konnte; sie sehne solche Momente herbei.

Anne Will ist von der Programmreform der ARD am meisten betroffen. Sie hatte vor Jauch den Sendeplatz am Sonntagabend und musste auf den späten Mittwochabend weichen. Die Quote sank deutlich. Das sei nicht schön gewesen, sagt Will, doch sie und ihre zehnköpfige Redaktion hätten sich »beinhart auf die Vorteile der neuen Situation konzentriert« – auf die größere gestalterische Freiheit, die einem dieser Sendeplatz gebe.

In Anne Wills Sendungen tritt meist ein Betroffener auf, ein Mann aus dem Volk, dem das »System« übel mitgespielt hat. Heute ist es ein Maurer, der seine Hände wegen einer schweren Arthrose kaum noch bewegen kann und dem die Prämie der Berufsunfähigkeitsversicherung trotzdem nicht ausbezahlt wird.

Auch bei Maischberger gab es eine Betroffene: die Rentnerin, die vom Flaschenpfand leben muss. Bei Günther Jauch am Sonntag war es der an Alzheimer erkrankte Zahnarzt. Und bei Beckmann morgen wird es ein Mann sein, dessen Frau aufgrund der mangelhaften Hygiene in einem deutschen Krankenhaus starb.

Der Mensch aus dem Volk ist, wenn er in Talkshows sprechen darf, meist ein Opfer, ein durch Regierungsarbeit, Pfusch, Behördenwillkür, Amtsmissbrauch und andere höhere Mächte Geschädigter. Ein Zeuge aus der Zukunft, und zwar aus einer bedrohlichen. Was dem schon zugestoßen ist, droht bald auch mir: Alzheimer, Pflegenotstand, Altersarmut.

Im Theater gibt es den Botenbericht, wenn der Dichter keine Zeit hat, eine ganze Schlacht zu entwickeln, und so ist auch der normale Mensch in der Talkshow ein Bote, der von einer Schlacht berichtet, die er überlebt hat, einer Notlage, der er knapp entronnen ist. Nachdem er seinen Bericht gesprochen hat, darf er im Schattenbereich des Studios Platz nehmen und seine Wunden pflegen, wobei ihn die Kamera mit verstohlenen Großaufnahmen beobachtet – immer dann, wenn im weiteren Gespräch die Krankheit, die Not, der Skandal erwähnt wird, deren Opfer er wurde.

Wir lernen: Der kleine Mann zeigt sich, der große aber zeigt sich nicht.

Warum, Frau Will, kommen Banker und Wirtschaftsbosse nicht mehr in deutsche Talkshows? In England ist das anders.

»Das ist auch mein Eindruck. Und wenn man sich anschaut, wie im angelsächsischen Raum, in Großbritannien, Interviews geführt werden, mit welcher Härte, da käme man hier in Teufels Küche. Man würde zu hören bekommen: Das können Sie mit mir nicht machen. Es würde einem fehlende Höflichkeit vorgeworfen werden, fehlender Respekt vor dem Amt. Bei der BBC nimmt niemand ein Blatt vor den Mund, und trotzdem kommen die Spitzen von Politik und Wirtschaft.«

Und in Deutschland?

»Uns wird oft reingerieben: Warum war denn jetzt wieder Herr Ackermann nicht da? Nun: Wir laden ihn ein, er kommt nicht. Kürzlich ist offenkundig geworden, dass er einer ARD-Sendung, in die er gehen wollte, im letzten Moment abgesagt hat. Die Sendung heißt Farbe bekennen. Es ist unglaublich schwer bis unmöglich, führende Vertreter der Wirtschaft einzuladen. Und das halte ich in Zeiten einer Finanz- und Wirtschaftskrise für einen Skandal.«

Vier Sendungen habe ich bisher live gesehen, mit drei Talkmastern sprach ich direkt anschließend. Der Eindruck des Laien, sofern er’s beurteilen kann: höchste Professionalität aller Beteiligten, emsige Neugier und Kreativität der Redaktionen, allesamt Könnerinnen und Könner. Und doch: Die Fragestellungen, das Erzähltempo, die Perspektiven der Sendungen auf die Welt – all das versinkt in einer Homogenität, über die ein Zeithistoriker in naher Zukunft vermutlich den Kopf schütteln wird. Wieso schmiegten die sich alle stilistisch und inhaltlich so eng aneinander?

Die Sendungen kommen sich jetzt zwangsweise so nahe, dass die ARD einen Koordinator installiert hat, der Zusammenstöße vermeiden soll: Es ist der Chefredakteur Thomas Baumann. Er führt eine zentrale Datenbank, in die alle Redaktionen ihre Themen und Gäste eingeben. Kommt es zu Konflikten und Überschneidungen, muss Baumann das Machtwort sprechen. Er hat es, so versichern alle Beteiligten, bislang nicht tun müssen.

Jetzt ist aber ein Zwischenruf nötig: Da nun alle Fernsehkritiker über den Talkshow-Irrsinn der ARD herziehen, muss gesagt werden, dass das Zweite Deutsche Fernsehen mit diesem Irrsinn viel konsequenter und früher begann.

Kerners vertrauliche Fragetechnik wurde stilbildend für das Genre

Nicht vergessen darf man, dass das ZDF vor knapp zehn Jahren schon eine Talkshow-Schneise durch die Woche schlug. Johannes B. Kerner hat sie einst, in den Jahren 2002 bis 2009, gerodet, damals war er viermal pro Woche auf Sendung. Heute sendet dort in aller Ruhe der vor Wärme zerfließende Markus Lanz.

Kerners vertrauliche Fragetechnik wurde stilbildend für das Genre. Kerner fragte, als sei er mit jedem Befragten allein. Er fragte mit der Stimme eines Beichtvaters, aber bisweilen stellte er Verhörfragen. Er praktizierte Indiskretion im Dienste einer höheren Sache. Diese höhere Sache war die Einschaltquote seiner Sendung.

Die Signale unbedingter Loyalität und Diskretion, mit denen er seine Gäste zum Weitersprechen lockte, sein dauerndes »M-hm«, das er beim Zuhören murmelte und das so wirkte, als tupfe er eine Wunde ab, damit man sie besser sah, all das überlebt bis heute in anderen Shows. Kerner hat jene Mischung aus Weich und Hart angerührt, die das Talkwesen dominiert, jenes Zusammenspiel aus politischem Journalismus und People-Watching. Längst hat sich in den Talkstudios ein neuer Begriff von Investigation entwickelt: Der Begriff bedeutet heute auch, nah an Prominenten zu sein und sie dazu zu bringen, etwas Brisantes oder Dekuvrierendes zu sagen.

Es gibt das Gerücht, einer der fünf Talkmaster könnte aussortiert werden

Reinhold Beckmann moderiert als Einziger an einem Tisch. © NDR/Morris Mac Matzen

Es ist Donnerstag, die letzte Station meiner Reise. Es geht von Berlin nach Hamburg, zu Reinhold Beckmann. Aus Berlin herausfahrend, komme ich an der Urania vorbei, dort wird auf einem Plakat ein Vortrag des Linken-Politikers Klaus Ernst avisiert: »Altersarmut und Rentenpolitik in Deutschland«. Der arme Ernst. Er hat es nicht geschafft, sich im Kern-Ensemble der Talkshows zu verankern. Er wirkt wie ein aus dem Kader gefallener Erstligaspieler, der sich bei den Amateuren fit halten muss.

Reinhold Beckmann macht heute in Hamburg die Sendung »Krankenhaus-Keime – die unsichtbare Gefahr«. Er lässt mich nicht ins Studio, das bringe Gäste und Redakteure durcheinander, sagt er, also sehe ich die Sendung daheim.

Ein Mann wurde eingeladen, dessen Frau den Zuständen in einem deutschen Hospital zum Opfer gefallen ist, er hält sich mit großer Würde. Und als ein Arzt von der Charité verrät, dass niederländische Krankenhäuser jeden Patienten, der im vergangenen halben Jahr auch in einem deutschen Krankenhaus behandelt wurde, erst mal als potenziell Verseuchten in Quarantäne stecken, sagt Beckmann: »Da müssten wir eigentlich alle auf die Straße gehen!«

Beckmann ist der dienstälteste Talker der ARD, die Sendung macht er seit zwölf Jahren. Ich treffe ihn einige Tage später in seinen Redaktionsräumen in Hamburg. Beckmann sagt, das Einzigartige seiner Sendung sei die Ruhe, die darin herrsche. Alle Gäste an einem großen Tisch, das bringe Konzentration. Es sei wie zu Hause in der Küche, dem Ort, wo heute die wahren Gespräche stattfänden.

Beckmanns Fragetechnik ist oft parodiert worden, bisweilen wirkt er, als sauge er sich an einen Gast geradezu an. Und seine Königs- und Schlüsselfragen stellt er, als lasse er ein zerbrechliches kleines Boot zu Wasser, behutsam und feierlich.

Beckmann ist, wie die Kinder von heute sagen würden, von der ARD schwer gedisst, also mies behandelt worden, man hat ihn vom ruhigen Montagabend – da sendet jetzt Plasberg – auf den umkämpften Donnerstagabend verschoben, wo er als leiser Kammerspieler gegen die heiter-turbulente Maybrit Illner vom ZDF ansenden muss.

Andererseits, er moderiert alle drei Wochen die Sportschau, und irgendwie kann er auch sonst im Leben alles: Er hat, wie die meisten Moderatoren, die in diesem Bericht vorkommen, seine eigene, gut gehende Produktionsfirma, er hat das Jugendhilfswerk »Nestwerk« gegründet, er organisiert Fußballspiele mit Stars von gestern, und neulich ist er für einen Kollegen bei Dalli Dalli eingesprungen. Der Mann aus der Mittelschicht mit seinen Abstiegsängsten? Beckmann kennt ihn genau; er kommt von dort. Aber er hat nicht mehr viel mit ihm gemein. Er ist ein Prominenter; es kann ihm nur daran gelegen sein, dass der Talk in der ARD weitergeht. Und vielleicht bekommt er demnächst seinen alten Sendeplatz zurück: Die Programmdirektoren denken darüber nach.

Hartnäckig hält sich allerdings das Gerücht, einer der fünf Talkmaster solle von den ARD-Verantwortlichen zum Aufgeben gedrängt werden. Die betreffende Person, so wird behauptet, habe gleich mit zwei Widrigkeiten zu kämpfen, mit einer schlechten Einschaltquote und mit der mangelnden Solidarität der eigenen Sendeanstalt.

Günther Jauch hatte zu Beginn meiner Reise über seine Sendung gesagt: »Es wird immer Sternstunden geben und schrecklich misslungene Sendungen, und es wird einen großen Anteil an Sendungen geben, bei denen man sagen kann: Ja, die ersten 20 Minuten waren interessant, in der Mitte hab ich mich gelangweilt, und am Ende hab ich doch noch mal was gelernt.«

Und dann sagte er noch: »Früher gab es Sabine Christiansen und sonst gar nichts. Monopole machen das Leben angenehm für den, der sie hat – aber es ist halt nicht mehr so.«

Dieser letzte Satz bezog sich auf die Moderatorin, die seinen Sendeplatz einst beherrschte. Frau Christiansen, die Dame, die den Wirtschaftsbossen die Studiotür öffnete. Sie galt als Gastgeberin der Großindustrie, in ihrer Sendung erschien Deutschland als ein von Streikwütigen und müden Arbeitnehmern bedrohter Wirtschaftsstandort.

Inzwischen hat sich die Lage geändert. Heute kommen die Bosse nicht mehr in die Sendungen, und es herrscht ein anderer Ton. »Die Armen haben Verbrechen; aber sie haben keine Geheimnisse«, antwortete der Schriftsteller G. K. Chesterton einst auf die Frage, warum Kriminalgeschichten so häufig unter Reichen und so selten in der Unterschicht spielen. Wenn Chesterton sich heute mit dem Phänomen der Talkshow befasste und zu klären hätte, warum die Sendungen von den Nöten der Mittelschicht bestimmt werden, müsste er sagen: Diese Leute haben keine Geheimnisse, aber sie haben Sorgen. Sie haben am meisten zu verlieren.

Das also war meine Talkwoche: Am Sonntag fürchtete ich mich vor Alzheimer (Jauch), am Montag wurde mir klar, dass meine Kinder nie einen Betreuungsplatz bekommen werden (Plasberg), am Dienstag hinterbrachte man mir, dass meine Rente in hoher Gefahr ist (Maischberger), am Mittwoch verlor ich jedes Vertrauen in meinen Versicherungsschutz (Will), und sollten mich diese Sorgen und Ängste einst niederstrecken, das erfuhr ich am Donnerstag, dann müsste ich damit rechnen, von einem deutschen Krankenhauskeim endgültig vernichtet zu werden (Beckmann).

Was gefehlt hat, war eine Sendung, die mir am Freitag die Beutelschneiderei der Bestattungsinstitute und am Samstag den Wahnsinn des deutschen Friedhofswesens vor Augen geführt hätte. Aber niemand ist perfekt – auch nicht die ARD.

Dennoch: Ich möchte gern bald wieder als Zuschauer in eine Talkshow gehen. Das Studio erscheint mir inzwischen als der einzige Ort, an dem mir nichts passieren kann.