DressurreitenWas wurde aus – Totilas?

Vor einem Jahr wurde der Hengst zum teuersten Dressurpferd der Welt. Jetzt stehen er und sein Reiter unter Druck: Der Star muss siegen. Besuch in der Box

Totilas beim CHIO in Aachen im Juli

Totilas beim CHIO in Aachen im Juli

Alles an ihm ist prächtig. Der Hals. Die Stirn. Die Fesseln. Regelmäßig, als habe ihn jemand gemalt. Doch am Bein trägt Totilas einen schmalen Verband. Nichts Schlimmes, bloß eine leichte Verstauchung, aber das Training fällt aus, Totilas bleibt in seiner Box. Da steht er in Kronberg im Taunus, der schwarze Hengst. Eine Steppdecke auf dem Rücken, den Hintern zur Tür. Schon will ich schmollende Langeweile aus dieser Haltung herauslesen, da dreht er sich um, senkt den Kopf und mustert mich. Von oben bis unten, ruhig, als würde er abschätzen, einschätzen. So schaut Totilas auch auf den vielen Bildern, die es von ihm gibt. Das bewundern die Menschen am meisten an ihm: dieses Unerschütterliche.

Als er im Sommer Deutscher Meister wurde, blieb er unbewegt im Viereck stehen, als wisse er genau, wem der Jubel gilt. Er posierte kühl, als internationale Züchter eine ganze Tribüne füllten, weil sie seinen Samen kaufen wollten – eine Portion für 4.000 Euro. Selbst den Sprung auf die Stutenattrappe erledigt er unaufgeregt. Und gelassen blickte Totilas in die Objektive der Fotografen, als ihn seine neuen Besitzer der Presse vorstellten.

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Drei Mal war der Hengst schon Weltmeister im Dressurreiten, bevor er aus den Niederlanden nach Deutschland zog. Er führte die Weltrangliste an, brach mit Kraft und Anmut Rekorde, die er selbst aufgestellt hatte. Totilas, das Wunderpferd! Sogar jetzt in seiner Box strahlt er die Ausgeglichenheit eines Wesens aus, das sich nicht aufregen muss, weil es immer gewinnt. Mehr als acht Millionen Euro soll Paul Schockemöhle, der wichtigste Züchter Europas, für ihn bezahlt haben. So wurde Totilas zum teuersten Pferd, das es im Dressur- und Springreiten je gegeben hat. Deutschland hatte einen neuen Star, ein Pferd mit Pressesprecher und eigenem Biografen. Im nächsten Jahr, bei den Olympischen Spielen in London, soll Totilas Gold gewinnen. Jetzt für Deutschland.

Aber die Erwartungen sind so groß, dass ein Reiter auf Totilas fast nur noch verlieren kann. In Holland ging er unter Edward Gal, der ihn auch ausgebildet hatte. Fünf Jahre galten Ross und Reiter als Traumpaar, bis der Verkauf sie trennte. Seitdem versucht Matthias Rath, der neue Reiter, mit dieser Vorgeschichte fertigzuwerden. Für den Reiter ist ein solches Pferd eine Herausforderung –und eine Last. Nicht die Kreatur muss dem Reiter gerecht werden, sondern der Mann dem Pferd gewachsen sein. Am Ende ist immer der Reiter schuld.

Leserkommentare
  1. sondern nach Pferdeart auf der Weide stehen dürfte in seiner Herde und den Kopf nicht, wie auf dem Foto so halten müsste, dass er wahrscheinlich kaum vernünftig atmen kann. Ich bin immer wieder von Neuem erschüttert, wie kritiklos die Zeit über als Sportgeräte missbrauchte Tiere berichtet, obwohl es sehr seriöse Berichte gibt über die Qualen, die diese Tiere in ihrem oft kurzen Leben erleiden.
    http://www.youtube.com/wa...
    http://www.youtube.com/wa...

    6 Leserempfehlungen
  2. aber letztendlich geht es Totilas nicht besser wie jedem Spitzensportler...vollgepumpt mit Medikamenten zu Hochleistungen gezüchtet ..der Spaß am Sport und selbst der Spaß am Wettkampf spielt keine Rolle mehr siehe Artikel "Deutschland wird Europameister... oder doch nicht".

    ERSTER werden oder GOLD holen ansonsten wirst du zerissen oder im Falle Totilas dann bei zu schwerer Verletzung erschossen.

    Das ist alles so krank und niemand scheint es zu merken. Als Mensch hast du immerhin die Wahl ob du diesen Wahnsinn für Geld und den meist nur kurzen Ruhm mitmachen willst aber als Tier???

    2 Leserempfehlungen
  3. Pferde wollen in der Gemeinschaft leben, an der frischen Luft, sich den ganzen Tag nach Belieben bewegen und Futter aufnehmen dürfen. Sie sind Fluchttiere, sensibel und leicht "zerstörbar".
    Wer einmal beobachtet hat, was aus den herrlichen arabischen Stuten wird, die in Polen noch in grossen Stutenherden frei laufen dürfen, dann für Riesensummen nach Amerika verkauft werden und dort als "Investition" auf Shows getrimmt und seelisch zerstört werden....dem graut
    einmal mehr vor der Unfähigkeit des Menschen, Tieren mit
    Respekt und Achtung zu begegnen.

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  4. Das Leben eines Turnierpferdes ist oft ein nie endender fliegender Wechsel: Von Turnier zu Turnier, von Besitzer zu Besitzer. Als langjährige Pferdebesitzerin, die sich jahrzehntelang in unterschiedlichen Ställen umgesehen hat, frage ich mich schon genau so lange, was man Pferden alles antun kann, bevor sie ihren Dienst quittieren oder wenigstens Dienst nach Vorschrift machen.
    Alle Erkenntnisse der Verhaltensforschung ignorierend, halten die Besitzer ihre oft hochpreisigen Tiere in Einzelboxen ohne hinreichende Sozialkontakte. Freilauf oder gar Weidegang sind wegen der Verletzungsgefahr überhaupt gestrichen und das Bewegungstier Pferd wird in Einzelhaft 20 - 23 Stunden "aufgestallt", um dann vielleicht einmal am Tag mit Lederzeug und Reiter behängt in der Halle oder auf dem Platz zu "funktionieren". Der Begriff "Boxenluder" hat für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen.Ich befürchte, es wird noch ca. 10 Jahre oder auch länger dauern, bis es sich selbst in Fachkreisen herumgesprochen hat, dass ein Pferd kein Höhlenbewohner ist.
    Ich wünschte mir, dass es viel mehr "teure" Pferde wie Totilas gibt, die auf solche Haltung mit Leistungsverweigerung reagieren. Nur so werden die "Fachleute" wie Schockemöhle & Co. gezwungen, sich so langsam mal mit den wirklichen Bedürfnissen eines Pferdes zu beschäftigen.
    Teil II folgt sogleich.

    Elke Führer, Koblenz

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  5. ... Teil I sh. Kommentare
    Hier Teil II

    Pferde, auch Sportpferde, brauchen wirklich ganz wenig: Wasser, Weide, Heu, bei Belastung zusätzlich Kraftfutter und Bewegung, Bewegung, Bewegung, und zwar mit Artgenossen in einer Herde und nicht nur unterm Sattel, wo es nur nach dem Willen des Reiters und nicht der eigenen Nase nach geht.
    Ich hätte mir einen weniger schwülstigen, nein, einen richtig sachlichen Bericht über Totilas gewünscht. „Schmollende Langeweile“, angebliche „Unerschütterlichkeit“ und, um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, ein „verknallter“ Hengst ist nicht ganz das, was ich in einem Bericht über einen Besuch bei einer eingekerkerten Kreatur lesen möchte.
    Langeweile – mit Sicherheit. Die Unerschütterlichkeit ist wahrscheinlich pure Resignation, und was das „Verknalltsein“ eines Hengstes betrifft, sollten wir doch vom Mythos Abstand nehmen: Ein Hengst verknallt sich nicht, er ist aufgrund seines Testosterons jederzeit zum Deckeinsatz bereit, und die Stute „Welterfolg“ ist mit Sicherheit nicht „die Einzige, die ihn aus der Ruhe bringen kann.“ Wenn er denn dürfte!
    Die arme Socke darf wegen der Verletzungsgefahr und der Vermarktung des Samens sowieso nur noch auf dem Phantom absamen.
    Und Fangopackungen, Massagen und Akkupunktur sind sicher ganz nützlich bei einem Pferd, das kaum noch natürliche Bewegungen ausführen darf, aber gerade diese freie Bewegung ohne Lederkrempel und Reiter würde viele Therapien überflüssig machen.
    Mit pferdefreundlichen Grüßen
    Elke Führer, Koblenz

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  6. Ich finde es beruhigend, dass es offenbar doch nicht so einfach ist, dem Sohn einfach mal so ein Pferd für 10 Mio € zu kaufen, um ihm die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zu sichern.

    Da gehört anscheinend mehr dazu.

    2 Leserempfehlungen
    • inquam
    • 01.01.2012 um 17:11 Uhr

    Von wegen verknallt, der Autor glaubt aber auch jedes Ammenmärchen.
    Alleine dieses Foto eines viel zu eng gerittenen Pferdes, dem man dadurch die Schneid abkauft schreit zum Himmel. Pferde haben andere Vorstellungen vom Leben als nur herumzuschielen zu dürfen oder halb erstickt zu erwerden.
    Es ist traurig, dass die ZEIT keinen objektiveren Artikel über Tierquälerei erster Ordnung veröffentlicht. Pferde im Leistungssport werden heute systematisch kaputt gemacht, seelisch, körperlich, manche sind nach 2 Jahren am Ende und raten Sie mal was man dann mit ihnen macht ?
    Darüber sollten Sie berichten und nicht über die romantisierten Ansichten offensichtlich blinder Pferdebesitzer.

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  7. Es wäre schön gewesen, wenn der Artikel wenigestens mit ein paar Sätzen darauf eingegangen wäre, mit welcher Methode Totilas und andere Dressur- und Springpferde geritten werden. Seit einiger Zeit ist es nämlich Methode Pferde mittels Rollkur oder "Hyperflexion" (um dem ganzen eine fragwürdige Sachlichkeit zu verleihen) "zum Spuren zu bringen". Dabei wird der Hals des Pferdes sehr eng eingerollt. Auf dem obigen Bild ist dies sehr anschaulich zu sehen. Dabei bekommt das Pferd kaum mehr Luft und kann auch kaum mehr sehen, wohin es läuft. Es ist dem Reiter somit völlig ausgeliefert. Der starke Zug am Zügel verursacht zudem Schmerzen. Der Gesichtsausdruck Totilas auf dem obigen Bild spricht denn auch Bände. Mit einer gelösten und harminischen Reiterei hat dies nichts mehr zu tun.

    Es geht nicht darum Pferde zu vermenschlichen. Pferde sollen durchaus auch Arbeitstiere sein. Allerdings gibt es dabei pferdegerechtere und weniger pferdegerechte Methoden. Es wäre schön, wenn der Artikel Totilas nicht falsch vermenschlichen würde (Stichwort "verknallt"), dafür aber noch ein paar Worte über pferdegerechteres und weniger pferdegerechtes Reiten verloren hätte.

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