Mein Sohn Ronan sieht mich an und zieht eine Augenbraue hoch. Sein Blick ist klar und konzentriert. Im Irischen bedeutet Ronan »kleine Robbe«, das passt zu ihm.

Hier will ich am liebsten aufhören, bevor der schreckliche Haken kommt: Mein Sohn ist achtzehn Monate alt und wird wahrscheinlich vor seinem dritten Geburtstag sterben. Ronan kam mit dem Tay-Sachs-Syndrom zur Welt, einer seltenen genetischen Störung. Er entwickelt sich langsam zurück in einen komatösen Zustand. Er wird gelähmt sein, Anfälle bekommen, alle seine Sinne verlieren und dann sterben. Es gibt keine Möglichkeit der Behandlung und keine Heilung.

Wie soll man eine Mutter, ein Vater sein ohne Zukunft, in dem Wissen, dass man sein Kind verlieren wird, qualvoll Stück für Stück?

Deprimierend? Klar. Aber so eine Erfahrung macht man nicht, ohne an Weisheit zu gewinnen, an tieferem Verständnis dafür, was das Leben bedeutet. Es sind schwer erlernte Lektionen, geschmiedet aus Trauer und Hilflosigkeit und tiefer Liebe, die einem nicht nur beibringen, wie man ein Vater oder eine Mutter sein kann, sondern ein Mensch.

Ratschläge für die Erziehung sind ihrem Wesen nach in die Zukunft gerichtet. Ich weiß das. Während meiner Schwangerschaft verschlang ich jeden Elternratgeber, den ich finden konnte, mein Mann und ich dachten viel über die Fragen nach, die sie aufwarfen: Wird Stillen die Hirnfunktionen unseres Sohnes stärken? Musikunterricht seine Lernfähigkeit verbessern? Die richtige Vorschule ihm helfen, später auf das richtige College zu kommen? Ich erstellte Listen. Ich plante und entwarf Szenarien und hoffte. Zukunft, Zukunft, Zukunft.

Wir dachten nie darüber nach, wie wir Eltern für ein Kind sein könnten, für das es keine Zukunft gibt. Das Ergebnis des Tests auf Tay-Sachs, den ich während der Schwangerschaft machen ließ, war negativ; unser Arzt fand, dass wir den Test gar nicht brauchten, da ich nicht jüdisch bin und das Tay-Sachs-Syndrom offenbar vor allem bei askenasischen Juden mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auftritt. Weil ich in diesen Dingen, zugegeben, etwas obsessiv bin, ließ ich den Test trotzdem machen, zweimal sogar. Und beide Male war das Ergebnis negativ.

Unsere Erziehungspläne, unsere Listen, die Ratgeber, die ich vor Ronans Geburt gelesen habe, sind für uns jetzt fast bedeutungslos. Egal, was wir für Ronan tun – Bionahrung einkaufen oder nicht; Baumwoll- oder Wegwerfwindeln –, er wird sterben. All die Entscheidungen, die uns so wichtig erschienen, spielen keine Rolle mehr.

Alle Eltern wollen, dass ihre Kinder sich gut entwickeln. Wir bringen sie zum Musikunterricht und zum Schwimmkurs, in der Hoffnung, dass sie ein fantastisches Talent erkennen lassen, das sie von allen anderen abhebt – und damit auch uns, die stolzen Eltern. Traditionelle Erziehung basiert auf der Annahme einer Zukunft, in der das Kind die Eltern überlebt und idealerweise Erfolg hat, vielleicht sogar etwas Spektakuläres erreicht.

Das neueste Handbuch für Eltern, die ihre Kinder auf diesen Pfad führen wollen, ist Die Mutter des Erfolgs, das Buch der »Tiger Mom« Amy Chua. Es ist getrieben von der Idee, dass gut durchdachte Investitionen in die eigenen Kinder sich eines Tages auszahlen werden. Aber ich habe mich von der Zukunft abgewandt und damit von allen Vorstellungen von perfekten Schulnoten oder davon, wie mein Sohn über eine Aulabühne laufen wird, mit einem Harvard-Diplom in der Hand.

Wir warten nicht darauf, dass Ronan uns stolz machen wird. Wir erwarten keine Erträge aus unserer Investition. Wir haben alle Darstellungen von den Meilensteinen kindlicher Entwicklung weggeworfen, und wir meiden die Elternzeitschriften beim Kinderarzt. Ronan hat uns eine schreckliche Freiheit gegeben von allen Erwartungen, eine Welt ohne Ziele, ohne Ergebnisse, die verfolgt, diskutiert, verglichen werden müssten.

Vollkommen in der Gegenwart zu leben – das kann sehr friedlich sein, sogar beglückend. Ein Tag mit meinem Sohn: kuscheln, füttern, schlafen. Er kann Fernsehen gucken, wenn er will; er kann Pudding und Käsekuchen zu jeder Mahlzeit haben. Wir sind ein sehr toleranter Haushalt. Wir tun das Beste für Ronan, geben ihm frische Sachen zu essen, putzen seine Zähne, sorgen dafür, dass er sauber ist und warm und ausgeruht und ... gesund? Nein.

Wir sagen ihm, dass wir ihn lieben, auch wenn er die Wörter nicht versteht. Wir ermuntern ihn, zu tun, was er tun kann, aber anders als wir ist er frei von allem Egoismus oder Ehrgeiz.