"Zu helfen, mit möglichst viel Würde zu leben"
Ronan wird nicht wachsen und gedeihen oder in dem Sinn Erfolg haben, wie wir diesen Begriff in unserer Kultur verstehen; er wird nie gehen oder »Mama« sagen können, und ich werde nie eine Tiger Mom sein. Die Mütter und Väter von unheilbar kranken Kindern sind etwas ganz anderes. Unsere Ziele sind einfach und schrecklich: unseren Kindern dabei zu helfen, mit möglichst wenigen Beschwerden zu leben, mit möglichst viel Würde. Wir schicken sie nicht in eine verheißungsvolle Zukunft, sondern begleiten sie in ein frühes Grab.
Wir bereiten uns darauf vor, sie zu verlieren und dann, auch wenn es uns unmöglich erscheint, weiterzuleben nach diesem vernichtenden Verlust. Das erfordert Entschlossenheit, eine andere Denkweise, ein neues Tier. Wir sind Dracheneltern: heftig und loyal und höllisch liebevoll. Unsere Erfahrungen haben uns gelehrt, Eltern zu sein für das Hier und Jetzt, um des Elternseins willen, für die Menschlichkeit, die darin steckt.
Niemand bittet Dracheneltern um Rat; wir sind zu furchteinflößend für die anderen. Unsere Trauer ist eine Urerfahrung, sie ist unpassend, befremdlich. Die Gewissheiten der meisten Eltern sind uns egal, und sie klingen, ehrlich gesagt, irgendwie lächerlich. Unsere Geschichten sind grausig, es steht unmöglich viel auf dem Spiel. Unterhaltungen darüber, welche Medikamente bei Anfällen helfen oder wie man Kinder füttert, die Schwierigkeiten mit dem Schlucken haben, wirken bei einem Abendessen mit Freunden oder auf dem Spielplatz so, als würden wir Feuer speien.
In Wahrheit ist es nämlich so: Eltern, von denen die übermenschliche Leistung erwartet wird, Kinder großzuziehen, die alle anderen Kinder übertrumpfen, wollen nicht sehen, was wir sehen. Wir haben ständig die langfristige Wahrheit über ihre Kinder vor Augen, und über sie selbst: Nichts davon ist für die Ewigkeit.
Ich würde durchs Feuer gehen, wenn das meinen Sohn retten könnte. Aber egal, wie sehr ich mich aufrege über die Ungerechtigkeit dieser absurden Krankheit, es wird nichts ändern. Was ich tun kann: meinen Sohn vor so viel Schmerz wie möglich beschützen und dann schließlich das Schwerste überhaupt tun, etwas, das die meisten Eltern zum Glück nie tun müssen – ich werde ihn bis zum Ende seines Lebens lieben, und dann werde ich ihn gehen lassen.
Aber heute lebt Ronan, und sein Atem riecht wie süßer Reis. Ich kann mein Spiegelbild in seinen grün-goldenen Augen sehen. Ich bin ein Spiegelbild von ihm, nicht umgekehrt, und ich glaube, so sollte es sein.
Dies ist eine Liebesgeschichte, und wie alle großen Liebesgeschichten ist es eine Geschichte des Verlusts. Ein Vater oder eine Mutter zu sein, das habe ich gelernt, bedeutet, sein Kind heute zu lieben. In diesem Moment. Für alle Eltern, egal wo, geht es tatsächlich nur darum.
- Datum 08.12.2011 - 14:47 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 8.12.2011 Nr. 50
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Nicht etwa des Themas wegen, sondern der Beschreibungen um die "Investition", ein Kind so zu prägen, dass es mal was Besonderes ist. Das ist ja furchtbar und ich erkenne nicht, ob die Autorin das vor hatte oder grundsätzlich ablehnt.
Ich finde Eltern schlimm, die ihre Kinder als Porsche betrachten und was Besonderes züchten wollen. Es geht bei Kindern darum, sie als Mensch zu begleiten, bis sie selber gehen können. Tiger-Moms und Menschen, die sich Kinder als Statussymbol mit besonders kräftigen Ellenbogen züchten möchten sind hoffentlich in der Minderheit.
Das Schicksal dieser Krankheit ist in der Tat mit krass zu beschreiben. Das Vakuum dieser Zeitspanne stelle ich mir enorm vor, ist aber vollends nicht vorstellbar. Mein Beileid.
Der Beitrag ist nur "bedenklich"?
So traurig die Geschichte auch ist, einige der Umstände sollten stutzig machen.
"Für die Krankheit verantwortlich ist eine Mutation des Chromosom 15, Lokus 15q23-24. Das Auftreten der Krankheit wird durch genetische Untersuchungen im Vorfeld von Schwangerschaften und bei entsprechendem Befund mit dem Ziel von deren Vermeidung niedrig gehalten."
Die Autorin schreibt über sich:
"Im Alter von vier Jahren musste ihr infolge eines Gendefekts das linke Bein amputiert werden."
Sie war sich dessen also bewusst!
[...]
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
Der Beitrag ist nur "bedenklich"?
So traurig die Geschichte auch ist, einige der Umstände sollten stutzig machen.
"Für die Krankheit verantwortlich ist eine Mutation des Chromosom 15, Lokus 15q23-24. Das Auftreten der Krankheit wird durch genetische Untersuchungen im Vorfeld von Schwangerschaften und bei entsprechendem Befund mit dem Ziel von deren Vermeidung niedrig gehalten."
Die Autorin schreibt über sich:
"Im Alter von vier Jahren musste ihr infolge eines Gendefekts das linke Bein amputiert werden."
Sie war sich dessen also bewusst!
[...]
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/vn
vielen dank fuer den beuehrenden artikel, liebe emily
ich glaube wir sind in unserer kultur erben eines schmerzhaften umgangs mit dem thema tod
es gibt z.b. in der tibetischen kultur eine andere sichtweise in der der tod nicht die ultimative katastrophe ist, sondern ein sich staendig vollziehender uebergang
ich empfehle hierzu fogendes buch: sogyal rinpoche, das tibetische buch vom leben und sterben
Ich kann mich da nur felixdieb anschließen. Kinder sollten nicht als Erweiterung ihrer Eltern im Sinne von noch mehr Erfolg, noch mehr Geld usw. fungieren. Das klingt in dem Beitrag schon ein bißchen an. Genauso wie das vorgeburtliche Planen, was der Sprößling später alles können soll und welche Möglichkeiten er hat. Die erste Seite war da durchaus irritierend.
Die in dem Beitrag beschriebene Krankheit macht solche Vorstellungen in der Tat vollständig zunichte. Wie auch v.a. auf Seite 2 deutlich wird, verändert das einen sehr stark. Es wirft Menschen auf das Leben und das Hier und Jetzt zurück. Und bringt sie auch weg vom Leistungsgedanken. Vll ist das einer der Gründe, warum unsere Gesellschaft sich mit chronisch kranken Menschen so schwer tut und ihnen das Leben nur noch weiter erschwert.
Insgesamt ein trauriger, aber auch von (vll nachträglicher?) Weitsicht geprägter Artikel.
Was diese Eltern leisten ist kaum vorstellbar.
Im Grunde ist zu lieben ohne auch nur eine Gegenleistung dafür zu erwarten in allen Eltern angelegt, aber ich frage mich, wie viele Menschen dies wirklich tun könnten.
Ich habe selbst 2 kleine Töchter.
Im Unglück der Anderen offenbart sich oft erst das eigene Glück ...
http://www.gedichte-lyrik...
Ich gehe davon aus, dass die Autorin (zumindest rückblickend) nicht etwa die kalte Verwertbarkeits- und Optimierungslogik der "Tiger-Moms" teilt, sondern einen solchen Ansatz der Kindererziehung angesichts ihrer leidvollen Erfahrungen als unsinnig entlarvt sieht.
Es ist schrecklich, dass der Mensch heute im wahrsten Sinne des Wortes von der Krippe an nur als Rädchen in der effizienten Maschinerie der Konsumgesellschaft gesehen wird (oder werden soll).
Auf einer rein sachlichen Ebene gäbe es sicherlich noch viel zur Thematik schwerster Erkrankungen bei Kindern zu sagen. Auf einer rein menschlichen, gefühlsbetonten Ebene jedoch bleibt hier nur, den Eltern viel Kraft auf ihrem schweren Weg zu wünschen und Ihnen Mitgefühl zu schenken.
Ich empfinde diesen subtilen, in seiner (sprachlich!) unprätenziösen Schlichtheit berührenden, ob der Unerbittlichkeit des Sujets nahezu surreal anmutenden Text unter anderem als beschämend - beschämend für Mütter wie mich, die (wie just vor der Lektüre) hysterisch das Telefon auf die virtuelle Gabel werfen, weil ihre Kinder wieder einmal ihre Zimmer nicht aufgeräumt haben, das Katzenklo nicht gereinigt haben und/ oder eine fünf in Erdkunde nach Hause gebracht haben. Nicht selten haben vergleichbare Texte etwas Altruistisches - dieser nicht. Er ist großartig - WÜRDE- und einzigartig LIEBEVOLL
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