Zuletzt kamen sich Riester-Sparer vor wie beim Gänseblümchenzupfen: Die Rente lohnt sich, sie lohnt sich nicht, sie lohnt sich... Nur dass Gänseblümchen am Ende zu einer klaren Aussage kommen. Bei der Riester-Rente ist das anders. Seit zehn Jahren gibt es die geförderte Altersvorsorge , der Sparer bekommt Zulagen vom Staat und spart erst einmal Steuern. Knapp 15 Millionen Bürger machen bereits mit, und trotzdem ist das Jubiläum kein Grund zum Feiern, eher ein Grund zum Streiten. Während Regierung und Finanzbranche gerne alle 37 Millionen Bürger, die Zulagen bekommen könnten, zu Mitsparern machen wollen, dreht bei Verbraucherverbänden die Stimmung. Anfangs fragten sie: Für wen lohnt sich Riestern ? Inzwischen heißt es: Lohnt sich Riestern überhaupt?

Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt zu dem Urteil: »Die Riester-Produkte haben sich seit ihrer Einführung zu Ungunsten der Sparer entwickelt .« Die Renditen seien schlecht, die Gebühren zu hoch, die Kalkulationen der Anbieter undurchsichtig. Der Hauptvorwurf geht an die Anbieter: Diese hätten die Riester-Produkte »systematisch zu Ungunsten der Verbraucher gestaltet«. So zahle sich das Sparen mit Staatszulagen für den Bürger erst im hohen Alter aus. Möchte eine 35-jährige Frau etwa nicht nur das herausbekommen, was sie selbst eingezahlt und vom Staat erhalten hat, sondern »auch einen Inflationsausgleich und höhere Zinsen erwirtschaften, müsste sie ihren 109. Geburtstag erleben«, sagt Kornelia Hagen, DIW-Expertin für Verbraucherpolitik.

Methusalem hätte seine helle Freude an den Riester-Verträgen, nicht aber der Normalsterbliche, so lautete schon das Fazit früherer Studien. Der Wirtschaftsprofessor Klaus Jaeger von der Freien Universität Berlin errechnete ein Durchschnittsalter von 91 Jahren, das Riester-Sparer erreichen müssten, um eine Rendite von plus/minus null zu erreichen. Der Mathematiker und Verbraucherschützer Axel Kleinlein kam zu einem ähnlichen Ergebnis: »Durch die neuen Kalkulationsgrundlagen müssen bei klassischen Produkten die Sparer ein Alter von mindestens 90 Jahren erreichen, um das eingesetzte Kapital in Form von Renten zurückzuerhalten, und sie können erst ab dem 110. Geburtstag darauf hoffen, die Inflation ausgeglichen zu haben.« Diese Berechnungen beziehen sich nicht auf Fonds- oder Banksparpläne, sondern wohlgemerkt auf Riester-Versicherungen. Diese allerdings haben drei Viertel der Kunden abgeschlossen.

Der Grund, weshalb Riester-Sparer so alt werden müssen, sind die Sterbetafeln. Bei den Versicherungsprodukten müssen die Anbieter kalkulieren, wie lange die Sparer voraussichtlich leben. Werden die Versicherten von heute älter als gedacht, müssen die Versicherungen viel und lange zahlen. Das wollen die Unternehmen vermeiden und rechnen deshalb mit großzügigen Puffern bei der Lebenserwartung. Für den Kunden bedeutet das, dass ein höherer Risikozuschlag fällig wird. Ein zu hoher, mahnten Kritiker oft, denn muss man wirklich davon ausgehen, dass ein Großteil der heute 35-Jährigen später 90 bis 100 Jahre alt wird?

Man muss, entgegnet die Branche und argumentiert, dass sie einen Teil der Gewinne, die durch die Puffer anfallen, wieder an die Versicherten ausbezahlt. Das könnte ein ganzer Batzen sein, insgesamt 90 Milliarden Euro an Risikogewinnen könnten bei der Branche hängen bleiben, hat Uni-Professor Klaus Jaeger errechnet. Könnten, wohlgemerkt, das Geld kommt aber erst in Jahrzehnten auf den Versichertenkonten an, wenn klar ist, wie lange der Großteil von uns lebt. Hinzu kommt, dass die Branche längst nicht alles an die Kunden weitergibt, von diesem Jahr an sind das nur noch 75 Prozent der Risikogewinne. Das missfällt Mark Ortmann, Geschäftsführer des Instituts für Transparenz in der Altersvorsorge: »Warum werden von den Risikogewinnen nicht 90 oder 100 Prozent weitergereicht? Der Kunde fragt sich, wozu der Versicherer so viel abzweigt.«

Ja, die fehlende Transparenz – sie ist der größte Knackpunkt, vor allem bei den Kosten der Riester-Produkte. Hier muss die Branche harsche Kritik von Verbraucherschützern einstecken: Sie drehe an der Kostenschraube, bis die staatlichen Zulagen nicht mehr beim Kunden ankämen und nur die Finanzindustrie subventionierten. Lohnt sich die Riester-Rente nur für die Anbieter?