Russland : Wie angelt man sich einen Milliardär?

Das diskrete Geschäft mit den Reichen üben Russlands Banken noch.

Keine 100 Meter entfernt von den Souvenirständen voller Pelzmützen und Lenin-T-Shirts in Moskaus Fußgängerzone Arbat steht eine einstöckige Stadtvilla. Hinter den Schnellrestaurants fällt sie kaum auf. Doch hier, im touristischen Herzen Moskaus, gehen russische Millionäre ein und aus. Das Gebäude aus dem 19. Jahrhundert verleiht einem Bankgeschäft einen seriös cremegelben Anstrich, das in Westeuropa eine jahrhundertealte Tradition pflegt, in Russland aber gerade erst volljährig wird: Private Banking . Die Uralsib Bank 121, die in der Villa ihre vermögenden Kunden empfängt, darf sich nach 17 Jahren Geschäftserfahrung zu den Pionieren in Russland zählen. Hinter dem Schlagbaum des Privatparkplatzes, vorbei an schwarzen Limousinen und dezenten Sicherheitsmännern mit Knopf im Ohr, erwartet den Besucher im Inneren der Bank eine kleine Überraschung: Geschäftsmäßig geht es zu, und nüchtern sieht es aus. Ganz und gar nicht wie in einer Oligarchenklause aus dem Stereotypen-Bilderbuch. Die Zeiten, in denen fast jeder reiche Russe in der Bank seiner Wahl Ledersessel im Empire-Stil, dicke Teppiche, Kristalllüster, goldene Teetassen, ein Zigarrenzimmer samt Bar und kurz berockte Damen erwartete, sind vorbei. »Wir wollen zeitgemäß und komfortabel sein, also kein Garten der Scheherazade«, sagt Andrej Weklow, der die Geschäfte der Privatbank führt. »Unsere Besprechungsräume ähneln mehr einem Büro als einem Salon.« Für die warmen Töne im Raum sorgen Wandgemälde, die die Kunden auch als Kapitalanlage erwerben können.

In den vergangenen Jahren hat das Private Banking in Russland einen fast revolutionären Aufschwung erlebt. Die jährliche Wachstumsrate liegt nach verschiedenen Schätzungen bei über 15 Prozent. Genaue Zahlen kann niemand nennen, die Branche gibt sich verschlossen. Sicher ist, die Nachfrage wächst. Laut einer Untersuchung der Unternehmensberatung Capgemini und der US-Investmentbank Merrill Lynch stieg in Russland im vergangenen Jahr die Zahl der High Net Worth Individuals, der Reichen mit mindestens einer Million Dollar freiem Geldvermögen, um mehr als 13 Prozent. Die Einstiegssumme für chainety, wie reiche Leute in Russland kurz genannt werden, schwankt je nach Bank. Die Uralsib Bank 121 verlangt eine Anlage von mindestens einer Million Dollar. Aber nicht jeder Reiche, der über diesen Betrag verfügt, darf Kunde werden. »Wir ermitteln natürlich die Herkunft des Geldes, da wir nicht mit Kunden arbeiten, die vorbestraft sind oder eine dubiose Biografie aufweisen«, sagt Weklow. »Interessenten, die nirgendwo offiziell oder nur in einer niedrigen Position arbeiten und mit Millionen ankommen, weisen wir ab.«

Private Banking ist eine Nische, in der noch Platz ist. Zwar bleiben nach einer Analyse der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers nur 20 bis 30 Prozent des Vermögens der reichen Russen im Land. Die ausländischen Banken, vor allem Schweizer Privatbanken, übertrumpfen ihre russische Konkurrenz oft mit ihrer Erfahrung und Verschwiegenheit und der Sicherheit, die das Ausland bietet, fern dem Zugriff der russischen Staatsorgane. Aber die russischen Banken spielen zunehmend ihren Vorteil aus, ihre Kunden besser zu verstehen und den einheimischen Markt zu kennen, auf dem besonders Investitionen in unauffällige Firmen aus der zweiten Reihe sehr einträglich sein können.

Die neue Nüchternheit ist dabei auch eine Folge der Finanzkrise im Herbst 2008. »Das war ein Rubikon für die russischen Kunden«, sagt Weklow. »Sie sind heute skeptischer gegenüber schönen Worten und sachkundiger. Sie stellen mehr Fragen und wollen mitbestimmen.« Zugleich verblasste ein Markenzeichen russischer Investoren aus den Boomjahren des vergangenen Jahrzehnts: die aggressive Geldanlage, die Renditen von 40 oder 50 Prozent versprach und kein Risiko scheute. »Diese Anlagestrategie verfolgten früher viele. Allerdings nur bis zum ersten Verlust in der Krise«, erzählt Weklow. Im Vergleich zu chinesischen oder japanischen Kunden seien die russischen mittlerweile eher konservativ. Die Investoren streuten jetzt ihr Risiko, etwas, woran sie früher nie gedacht hätten.

Das klingt, als unterschieden sich Russlands Reiche kaum mehr von ihren westlichen Standeskollegen. Doch Bankmanager berichten noch immer von mancher Besonderheit. Die Kundenberatung spielt in Russland eine herausragende Rolle. Der persönliche Bankmanager kümmert sich dabei nicht nur um die Steuererklärung. Er fertigt oft erst einmal eine Gesamtaufstellung des Vermögens an. »In verschiedenen Perioden ihres Lebens haben manche Kunden in Russland und anderen Ländern Firmen gegründet«, erklärt Weklow. »Da kommt es vor, dass sie nicht mehr wissen, wo sie was besitzen. Wir verschaffen ihnen den Überblick und bieten an, ihre Vermögensstruktur zu optimieren.«

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Nicht jeder Reiche darf Kunde werden

Aber nicht jeder Reiche, der über diesen Betrag verfügt, darf Kunde werden. »Wir ermitteln natürlich die Herkunft des Geldes, da wir nicht mit Kunden arbeiten, die vorbestraft sind oder eine dubiose Biografie aufweisen«.

Oha, da wird die Zahl der potentiellen Kunden aber arg eingeschränkt! Ich nehme an, das Kriterium nicht allzu hart ausgelegt...

die akademiker bild schaltet sich in die pol. willensbildung ein

das ewige thematisieren von themen der geldelite ist doch völlig nutzlos. es gilt die leser für umverteilungsphantasien empfänglich zu halten und somit die gegenwärtige regierung zu schwächen.
bei hnwi sollte man nicht immer auf die spitzfindigkeiten verzichten. frei verfügbares vermögen von 1 mio schließt eben auch commercial real estate ein. sonst denkt wieder jeder dtld hätte 1 mio pure euromillionäre. offziell heißts ja auch bei bcg "excluding primary residence"

Umverteilungsphantasien

Die Umverteilung von unten nach oben ist keine Fantasie, sondern ein Fakt. Dazu reicht uns Akademikern ein Blick auf die entsprechenden Statistiken. (Das würde ich auch ihnen empfehlen.)

Während die Umverteilung der letzten Jahre in Deutschland mehr als ärgerlich ist, stellt die Umverteilung in Russland diese aber bei weitem in den Schatten. Vom praktischer Gleichverteilung zu Sowjetzeiten hat die Schere bei der Einkommens- und Vermögensverteilung die Verhältnisse in Westeuropa in der 90ern innerhalb weniger Monate bei weitem überschritten. Für eine Person, die unter solchen Umständen zum Milliardär wird, ist die Bezeichnung dubios noch geschmeichelt.