Für Andrew Carnegie war die Sache vollkommen klar: Wer reich stirbt, stirbt in Schande, schrieb der Stahlunternehmer im Jahr 1890 in seinem »Evangelium des Reichtums« – und beschloss, sein eigenes Vermögen noch zu Lebzeiten unters Volk zu bringen. Kein Leichtes für einen Unternehmer, der 1901 mit dem Verkauf des damals weltgrößten Stahlkonzerns auf einen Schlag 480 Millionen US-Dollar verdiente. Gemessen an heutigen Maßstäben war er Multimilliardär und einer der reichsten Männer der damaligen Welt sowieso.

Sein Vermächtnis ist inzwischen weltberühmt, schließlich ließ er mit der New Yorker Carnegie Hall einen der berühmtesten Konzertsäle der Welt errichten. In den USA, in Großbritannien und in seinem Geburtsland Schottland ist sein Name noch gegenwärtiger. Carnegie stiftete fast 3.000 Bibliotheken und etwa 8.000 Kirchenorgeln, bis heute finanziert sein Vermögen mehrere Universitäten. Auch der Friedenspalast in Den Haag, inzwischen Sitz des Internationalen Gerichtshofs der UN, ist das Werk des industriellen Philanthropen. Und die von ihm gegründete Carnegie Corporation, die in diesem Jahr 100-jähriges Bestehen feiert, ist mit ihrem Vermögen von inzwischen 2,5 Milliarden Dollar eine der größten Stiftungen der USA. Sie schüttete zuletzt fast 100 Millionen Dollar pro Jahr aus, fördert Friedens- und Bildungsprojekte. Ganz so, wie es der Stifter verfügte. Was Andrew Carnegie vor mehr als 100 Jahren motivierte, treibt auch heute noch Menschen an, ihr Vermögen, oder Teile davon, für andere zu stiften. In Deutschland boomt diese Form des sozialen Engagements: Gab es hierzulande im Jahr 2.000 noch weniger als 10.000 gemeinnützige Stiftungen, enthielt das Verzeichnis Deutscher Stiftungen Ende 2010 über 18.000 Einträge. Bis Anfang der neunziger Jahre kamen nie mehr als 200 Stiftungen pro Jahr dazu, inzwischen sind es 800 bis 1.100. Die Grundidee ist geblieben: Stifter stellen einen Kapitalstock zur Verfügung, der fortan und in der Regel für alle Ewigkeit einem Ziel dienen soll, über den sie allein bestimmen. Stiftungen dürfen nur den Ertrag des Kapitals verwenden – und dies nur zum festgelegten Zweck. Rund 70 Milliarden Euro Kapital stehen in den Büchern deutscher Stiftungen, sie erwirtschaften jährlich etwa fünf Milliarden Euro, schätzt Wilhelm Krull, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen (BDS). Nimmt man Fördergelder und andere Zuwendungen dazu, können die deutschen Stiftungen sogar 30 Milliarden Euro pro Jahr ausgeben – das ist in etwa doppelt so viel, wie die Deutschen jährlich spenden.

Für die wachsende Beliebtheit gibt es mindestens zwei Gründe. Zum einen hat der Staat seit dem Jahr 2000 mit mehreren Reformen des Stiftungsrechts steuerliche und rechtliche Rahmenbedingungen deutlich verbessert: So ist es attraktiver geworden, sein Vermögen nicht etwa an seine Nachkommen zu vermachen, sondern im Stiftungsmantel erbschaftsteuerfrei zu bewahren. Der zweite Grund: Vermögende sind inzwischen immer häufiger motiviert, etwas in der Gesellschaft zu bewirken. »Die steigende Zahl von Stiftungsgründungen zeigt, dass etwas in Bewegung gekommen ist«, sagt Thomas Druyen, der an der privaten Sigmund-Freud-Universität in Wien Vergleichende Vermögenskultur lehrt – ein Forschungsfeld, das er selbst erst vor fünf Jahren erfunden hat. »Großzügigkeit und Mildtätigkeit gab es in Deutschland schon immer. Aber die Haltung zum eigenen Vermögen verändert sich.«

In einer Studie, die im Sommer veröffentlicht wurde, hat Druyen gemeinsam mit Forschern der Universitäten Potsdam und Münster erstmals und ausschließlich bei Haushalten mit mindestens 200.000 Euro Netto-Geldvermögen erforscht, wie sie zu Reichtum und Vermögen gekommen sind, welchen Werten sie folgen und ob und wie sie sich gesellschaftlich engagieren. Die Vermögen in Deutschland- Erhebung stützt sich auf Gespräche mit fast 500 Haushalten. »Vier von fünf Reichen geben in irgendeiner Form einen Teil ihres Geldes für gemeinnützige Zwecke «, sagt Studien-Co-Autor Wolfgang Lauterbach von der Universität Potsdam. »Wer durch eigene Arbeit reich wurde, hat oft erfahren, dass es in der Welt nicht immer gerecht zugeht und dass zum Erfolg auch Zufall und Glück beigetragen haben«, sagt Lauterbach. »Deshalb wollen diese Menschen etwas zurückgeben.«

Vier Motive leiten die Geldgeber an: Zunächst setzen die meisten Stifter auf Dankbarkeit und Prestigegewinn – wie einst Carnegie streben sie also nach sozialer Anerkennung. Dazu kommt traditionell Altruismus , der sich häufig aus religiösen oder humanistischen Quellen speist. Schließlich geht es vielen auch noch um Selbstverwirklichung, sie wollen die Gesellschaft, in der sie leben, mitgestalten. Kurz gesagt: Wer anderen etwas gibt, handelt stets so eigennützig wie selbstlos.