GesellschaftskritikÜber die Super Nanny

Sieben Jahre lang inszenierte sich Katia Saalfrank als eine Art nationaler Mater Dolorosa, die auf RTL leidenden Kindern hilft. Eine gewisse Anmaßung von Ursula März

Es dürfte kein Zufall sein, dass Katia Saalfranks leise Kritik am Privatsender RTL, mit dem sie sieben Jahre lang die abgesetzte Reality-Serie Die Super Nanny produzierte und dessen Eingriffe in die Sendung ihr offenbar immer stärker widerstrebten, mit dem Beginn der Adventszeit zusammenfiel. (Die Sendung wurde in diesen Wochen abgesetzt.) Denn schon im Advent des vorigen Jahres trat die berühmteste Pädagogin Deutschlands mit einer Botschaft hervor, deren Besonderheit weniger im Inhalt als in der Form lag: Im Dezember 2010 veröffentlichte Katia Saalfrank einen Popsong mit dem Titel Ein Funken Hoffnung.

Saalfrank, die außer ihrem Pädagogikstudium eine Ausbildung zur Musiktherapeutin absolvierte und über eine respektable Singstimme verfügt, ist auch die Interpretin. So unspektakulär der Song textlich sein mag (»Endlich die Rettung, nur ein Funken Hoffnung eben«), so überraschend ist Katia Saalfranks optische Erscheinung im Songvideo. Über den langen schwarzen Haaren der singenden Erzieherin liegt ein glatt nach unten fallendes, den Gesamteindruck mittelalterlich-mystisch verdüsterndes Tuch.

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Dass es sich dabei um die Kapuze eines Sweatshirts handelt, ist erst auf den zweiten Blick zu erkennen – ändert aber nichts an der ikonografischen Assoziation: Wir sehen eine Mater Dolorosa. Eine moderne Version der biblischen Schmerzensmutter, die durch alle Kunstepochen hindurch eben so, mit einem Tuch über Kopf und Haar, dargestellt wurde. Ihre Selbstinterpretation als eine Art nationaler Mater Dolorosa, die auf RTL leidenden Kindern zu Hilfe eilt, könnte auch Saalfranks Vorliebe für die Vorweihnachtszeit erklären. Im Neuen Testament beginnt just in diesen Wochen Marias Weg der Schmerzen und der lebenslangen Sorge um ihren Sohn.

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Es fragt sich allerdings, ob nicht eine gewisse Anmaßung der sogenannten Super Nanny darin liegt, sich diese Tradition anzueignen – ob die Rolle der heutigen Mater Dolorosa nicht eher dem Deutschen Kinderschutzbund gebührt, der lange schon, und nun mit Erfolg, die Absetzung einer Sendung forderte, in der weinende, schreiende, verstörte, verzweifelte, stotternde, gelegentlich auch geschlagene Kinder einem Millionenpublikum vorgeführt wurden. Katia Saalfranks Kritik an der Quotenstrategie von RTL lässt erkennen, dass sie sieben Jahre lang einen Kompromiss mit dieser Strategie einging. Ebendies wird ihr nun verübelt. Eine wirkliche Schmerzensmutter kennt keine Kompromisse. Ursula März

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    • Serie Gesellschaftskritik
    • Schlagworte RTL | Advent | Privatsender | Sendung | Testament | Ausbildung
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