FukushimaWas wurde aus – Herrn Ihsaka?

5.000 Männer räumen den radioaktiven Müll von Fukushima auf und setzen sich gefährlicher Strahlung aus. Die meisten sind Arbeitssklaven in den Fängen der Mafia. Einer von ihnen ist Idealist. von 

Nach ihrer Schicht werden die Arbeiter in Fukushima auf ihre Verstrahlung gecheckt.

Nach ihrer Schicht werden die Arbeiter in Fukushima auf ihre Verstrahlung gecheckt.   |  © David Guttenfelder/AFP/Getty Images

Herr Ihsaka – er verrät nur seinen Nachnamen – holt ein halbes Dutzend Trainingsanzüge und Unterhosen aus der Trommel des Waschautomaten. Waschen und Putzen soll helfen gegen radioaktive Strahlen. An vier Tagen in der Woche putzt Ihsaka das verseuchte Gelände rund um die geschmolzenen Reaktoren von Fukushima . Am Feierabend wäscht Ihsaka jedes Mal seine Arbeitskleidung im Waschautomaten. Eine Ladung kostet 300 Yen, umgerechnet drei Euro. Ihsaka verdient 150 Euro am Tag, nicht viel mehr als auf einer gewöhnlichen Baustelle. Ihsaka ist von auffälliger Gestalt. Seine angegrauten Haare reichen bis auf die Schultern, sein Gebiss ist nahezu zahnlos. Der 51-jährige Atomkraftwerksarbeiter entstammt der japanischen Unterwelt – der Welt der Tagelöhner und Yakuza-Gangster. "Ich bin ein Yakuza", sagt Ihsaka, als er Vertrauen gefasst hat.

Die Mafiabanden der Yakuza vermitteln in Japan seit Jahrzehnten Tagelöhner auf Baustellen. Ihre Leute bauten früher sämtliche Atomkraftwerke des Landes. Jetzt müssen sie den radioaktiven Müll in Fukushima aufräumen. Ihsaka arbeitet in einem Team von acht Männern. Sie verrichten Reinigungsarbeiten an Rohren und Wänden. Vor sechs Monaten, als Ihsaka seine Arbeit auf dem Katastrophengelände aufnahm, trugen sie eingestürzte Gebäude und andere Ruinen ab. Den Männern der Yakuza fällt stets die niedrigste Arbeit zu. Schließlich sind sie von der Yakuza. Die Männer tragen normalerweise Schutzkleidung und ein Dosimeter bei der Arbeit. Dabei achten sie darauf, dass die radioaktive Strahlung, der jeder von ihnen ausgesetzt ist, am Ende eines Arbeitstages gleich hoch ist. "Wenn ich 1,1 Millisievert abbekomme und der Kollege nur 0,9 Millisievert, tauschen wir nach einer Weile die Arbeitspositionen", sagt Ihsaka. Pro Jahr dürfen die Arbeiter 100 Millisievert ausgesetzt sein, dem Hundertfachen des Grenzwertes für normale Bürger. Es geht den Arbeitern dabei nicht in erster Linie um das gleiche Strahlenrisiko, vielmehr um ein ausgeglichenes Strahlenkonto. Denn wer zu viel Strahlung abbekommt, darf am nächsten Tag nicht arbeiten – und bekommt dann keinen Lohn mehr .

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5.000 Leute arbeiten heute wieder auf dem AKW-Gelände von Fukushima – genauso viele wie vor der Katastrophe im März. Doch alle sind jetzt erhöhter radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Zwischenzeitlich, als die Gefahr einer atomaren Explosion erheblich war, befanden sich nur noch 50 Arbeiter vor Ort. Sie galten als Helden. Doch eigentlich sind alle zu bewundern, die sich bis heute dem Strahlenrisiko in der Nähe der zerstörten Reaktoren aussetzen, um noch größeren Schaden abzuwenden.

"Wir sollen Anzüge und Masken tragen, aber wir tun es nicht immer", sagt Ihsaka. Die Männer seines Teams haben nie eine Ausbildung für die Arbeit in Schutzanzügen erhalten. Zudem müssen sie körperlich schwerste Tätigkeiten verrichten – die Anzüge stören dabei. "Bei der Arbeit sieht man oft die Yakuza-Tattoos meiner Kollegen", sagt Ihsaka.

Eine Art Idealist

Er aber trägt keine Tattoos. Ihsaka ist Yakuza nur durch Geburt. Sein Großvater war noch aktiver Gangster, der Enkel dagegen führt ein relativ normales Leben. 29 Jahre lang arbeitete er als Koch in Tokyo. Seine Ehe scheiterte, das einzige Kind, eine Tochter, hielt zum Vater und besorgte ihm bis vor Kurzem den Haushalt. Doch erkrankte Ihsaka im vergangenen Dezember schwer. Er bekam hohes Fieber, verlor das Bewusstsein. "Doch ich wurde gerettet, und nun will auch ich Menschen retten", sagt Ihsaka. Er kündigte seine Stelle in Tokyo und ging nach Fukushima. Dort wollte er als Koch für die Flüchtlinge der Evakuierungszone rund um die zerstörten Reaktoren arbeiten. Doch Arbeit fand er nur bei der Yakuza. "Was ich tue, ist ein winziger Beitrag. Aber wenn meine Arbeit nicht getan wird, werden nie wieder Kinder in Fukushima spielen können."

Ihsaka ist eine Art Idealist. Das unterscheidet ihn von den anderen im Team: Sie sind Arbeitssklaven, haben meist ihr Geld verspielt und sind in die Fänge von Kredithaien der Yakuza geraten. Sie müssen nun ihre Schulden auf dem verstrahlten Atomgelände abarbeiten. Den alltäglichen Transport zur Sammelstelle in 20 Kilometer Entfernung von den Katastrophenreaktoren organisieren die Yakuza-Leute. Dort übergeben sie ihre Arbeiter an Bauunternehmen, die unter der Aufsicht von Tepco arbeiten. Den AKW-Betreibern ist die Rolle der Yakuza durchaus bewusst.

Als im Sommer ein japanischer TV-Showmaster wegen seiner Kontakte zur Yakuza seine Sendung verlor, geschah dies auf Druck einer empörten Öffentlichkeit. Prompt wurde auch Tepco nach seinen Beziehungen zur Mafia befragt. "Wir sind uns der Stimmung im Land bewusst, der zufolge man die Gesetze strenger befolgen muss", sagte daraufhin ein Tepco-Sprecher. Seine Antwort kam einem Eingeständnis nahe. Neuerdings hängen die Behörden in der Region Plakate mit Anti-Yakuza-Parolen aus.

Ihsaka hat wie alle 5.000 Angestellten, die derzeit an der Katastrophenstelle arbeiten, eine Erklärung unterschrieben, niemandem von seiner Arbeit zu erzählen. Wie lange er noch zu leben hat, wie verstrahlt er schon ist, weiß er nicht, es kümmert ihn auch nicht. Er war dem Tod vor einem Jahr schon einmal nahe.

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Leserkommentare
    • WiKa
    • 28. Dezember 2011 16:18 Uhr

    Lernen möchten wir natürlich auch hier nicht aus der Katastrophe … solange man noch gedungene Kräfte findet das Ungemach zu beseitigen … ihnen ein Schweigegelübde überhilft … die „Alternativlosigkeit“ der Energieversorgung preist, solange sollten wir natürlich auch die tollen Profite dieses Industriezweigs nicht schmähen. Gibt es höhere werte als die des Ertrags? Was sind schon Menschenleben in diesem Spiel … nachwachsender Rohstoff und Verbrauchsgut für den Wohlstand (von wem)? Irgendwie sehe ich immer noch schwarz … (°!°)

    5 Leserempfehlungen
  1. Der Artikel führt deutlich vor Augen, wie fehlgeleiteter Fortschrittsglaube menschliche Ideale zur Farce werden lassen. Technik zum Wohle der Menschheit entpuppt sich als Selbstgeißelung, Wirtschaftswachstum als Selbstzerstörung. Wir müssen uns endlich erkennen, dass nicht jeder technische Fortschritt gut für uns ist. Das fängt auch schon bei Solarzellen auf Basis von Cadmiumtellurid an. Solartrom auf Basis giftigster Schwermetalle ist ja wohl auch nicht gerade umweltverträglich.

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    • eckbert
    • 28. Dezember 2011 17:03 Uhr

    dann sollte man mal schauen ,wer die Solaranlagen auf dem Dache hat.
    Meist Leute, wie eine Knallcharge hier mal anmerkte, die -gerne auch auf dem Aktienmarkt- "nachhaltige Gewinne" erzielen wollen. Ironischerweise sind das die modernen PArteigänger der grünen Partei in DLand. :)
    Hier würde man ja niemanden anfordern können, der den ganzen Mist aufräumt

    • eckbert
    • 28. Dezember 2011 17:03 Uhr
    3. stimmt

    dann sollte man mal schauen ,wer die Solaranlagen auf dem Dache hat.
    Meist Leute, wie eine Knallcharge hier mal anmerkte, die -gerne auch auf dem Aktienmarkt- "nachhaltige Gewinne" erzielen wollen. Ironischerweise sind das die modernen PArteigänger der grünen Partei in DLand. :)
    Hier würde man ja niemanden anfordern können, der den ganzen Mist aufräumt

    Eine Leserempfehlung
  2. @eckbert,
    sich über Probleme der Solarkraft lustig zu machen, in dem man ihre Nutzer pauschal abwertet, ist wohlfeil. Und fortzufahren, alle die sich für nachhaltige Geldanlagen interessierten und die deshalb (natürlich!) auch die Grünen wählten, wären alle in einen Topf zu werfen, schlichtweg abwertend. Ihre politische Meinung in allen Ehren, aber mit Pauschalisierungen wie aus Ihrer Feder ist man in der öffentlichen Diskussion noch nie weiter gekommen.

    @whateveryouthink:
    ich teile Ihre Skepsis dem Wachstumszwang gegenüber. Allerdings triff ihr Argument der Umweltschädlichkeit von bestimmten Solarzellen ins Leere. Ich sehe zumindest keinen Grund, warum der wissenschaftliche Fortschritt nicht auch für dieses Problem eine Lösung finden sollte. An der generellen Umorientierung zu regenerativen Energien können Sie ja nicht ernsthaft zweifeln, weshalb Ihre Technikkritik an dieser Stelle womöglich das geringere Übel trifft.

    @ Herrn Blume: Der Artikel ist eine erschreckende Beschreibung der Zustände. Die Hintergründe der italienischen Mafia in den letzten Jahren ZEIT erinnern mich sehr daran. Warum nicht mal eine größere Reportage über die Yakuza, bei der die gesellschaftlichen Hintergründe dargestellt werden, die dieser Organisation zur Macht verhelfen?

    4 Leserempfehlungen
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    • eckbert
    • 28. Dezember 2011 18:18 Uhr

    s

    • eckbert
    • 28. Dezember 2011 18:37 Uhr

    bringen einen bei der Gruppe schon sehr weit. Die Tatsache, dass eine ganze politische Parteiung, die ja auf einem gesellscahftlichen Lebensgefühl basiert, eben so divers ist, dass sie selbst so Selbstbetrüger und Lifestyeanhänger beheimatet, ist traurig.
    vor allem wenn man berücksichtigt, dass diese Menschen halt selbst gegen die hehren Ziele am meisten selbst verstoßen.
    (dicker porsche , abgase etc)

    • eckbert
    • 28. Dezember 2011 18:18 Uhr
    Antwort auf "stimmt nicht"
    • eckbert
    • 28. Dezember 2011 18:37 Uhr

    bringen einen bei der Gruppe schon sehr weit. Die Tatsache, dass eine ganze politische Parteiung, die ja auf einem gesellscahftlichen Lebensgefühl basiert, eben so divers ist, dass sie selbst so Selbstbetrüger und Lifestyeanhänger beheimatet, ist traurig.
    vor allem wenn man berücksichtigt, dass diese Menschen halt selbst gegen die hehren Ziele am meisten selbst verstoßen.
    (dicker porsche , abgase etc)

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "stimmt nicht"
    • zarza
    • 28. Dezember 2011 19:05 Uhr

    hier wird im articel deutlich gemacht was in der Fukushima atom katastropfe und bei den aufraeum arbeiten eben passiert, und dass ist eben so menschenverachtend und unkontrollierbar wie die energie selbst. Arbeiter sklaven in einem demokratischem land. Erpressbare menschen zum aufreumen zwingen weil sie aus einer unteren klassenstufe der gesellschaft sind, einfach abscheulich. Es zeigt auch wie es eben laeuft wenn dann mal was schiefgeht. Wer wird jemals die belangen die den provit machen and die kommt keiner ran die sind dann auch nicht beim aufraeumen des desaters. Mit suberen Heanden weit entfert und geschuezt.

    3 Leserempfehlungen
    • Crest
    • 28. Dezember 2011 19:32 Uhr

    »Wenn ich 1,1 Millisievert abbekomme und der Kollege nur 0,9 Millisievert, tauschen wir nach einer Weile die Arbeitspositionen«, sagt Ihsaka.
    vs.
    Wie lange er noch zu leben hat, wie verstrahlt er schon ist, weiß er nicht,

    Wie passt der letzte Satz zum vorhergehenden? (Ich möchte sagen, gar nicht!)

    Pro Jahr dürfen die Arbeiter 100 Millisievert ausgesetzt sein, dem Hundertfachen des Grenzwertes für normale Bürger.

    Dies bedeutet (nur), dass der Grenzwert für normale Bürger extrem niedrig angesetzt ist. (Zum Vergleich: die 100 Millisievert pro Jahr entsprechen etwa der Belastung, der auch Astronauten ausgesetzt sein dürfen.)

    Herzlichst Crest

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    Obige Formel dürfte ihnen klar machen, wie die Sätze zusammenpassen. wenn er im Schnitt einen Millisievert pro Tag ausgesetzt ist, dann hat er in 100 Tagen den Grenzwert erreicht. Dies bedeutet, dass die meisten Arbeiter wohl bald über dem Grenzwert liegen oder dieser einfach angehoben wird, dass gesetzeskonform weitergearbeitet werden kann.

    ps Erklären Sie mir doch, warum sie die normalen Grenzwerte, die von Fachleuten festgelegt wurdne, für extrem niedrig halten. Sind sie ein Arzt, der sich auf Strahlenmedizin spezialisiert hat?

    Die Grenzwerte sind nicht extrem niedrig angesetzt, sondern folgen einer Abwägung. Ich gebe das mal aus dem Gedächtnis wieder (Ausbildung als Strahlenschutzbeauftragter):

    1-2 Millisievert pro Jahr ist die typische Strahlenbelastung durch natürliche Radioaktivität.

    50 Millisievert pro Jahr war nach älteren Forschungsergebnissen die Schwelle, bis zu der keine signifikante Erhöhung der Krebsrate festgestellt werden konnte.

    Bei 100 Millisievert pro Jahr tritt bereits eine geringe Erhöhung der Krebsrate auf. Also werden in Fukushima bei 5000 Arbeitern durch die Strahlung einige an Krebs erkranken. "Durch die Strahlung" meine ich hier statistisch.

    Entscheidend ist dann noch, ob die Messungen der Körperdosis der Arbeiter ordentlich durchgeführt und wahrheitsgemäß protokolliert werden. Ob also die offiziellen 100 Millisievert nicht in Wirklichkeit stark überschritten werden. Wer kontrolliert die Kontrolleure?

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  • Schlagworte Reaktor | Tokio | Fukushima | Japan | Yen
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