Herr Ihsaka – er verrät nur seinen Nachnamen – holt ein halbes Dutzend Trainingsanzüge und Unterhosen aus der Trommel des Waschautomaten. Waschen und Putzen soll helfen gegen radioaktive Strahlen. An vier Tagen in der Woche putzt Ihsaka das verseuchte Gelände rund um die geschmolzenen Reaktoren von Fukushima . Am Feierabend wäscht Ihsaka jedes Mal seine Arbeitskleidung im Waschautomaten. Eine Ladung kostet 300 Yen, umgerechnet drei Euro. Ihsaka verdient 150 Euro am Tag, nicht viel mehr als auf einer gewöhnlichen Baustelle. Ihsaka ist von auffälliger Gestalt. Seine angegrauten Haare reichen bis auf die Schultern, sein Gebiss ist nahezu zahnlos. Der 51-jährige Atomkraftwerksarbeiter entstammt der japanischen Unterwelt – der Welt der Tagelöhner und Yakuza-Gangster. "Ich bin ein Yakuza", sagt Ihsaka, als er Vertrauen gefasst hat.

Die Mafiabanden der Yakuza vermitteln in Japan seit Jahrzehnten Tagelöhner auf Baustellen. Ihre Leute bauten früher sämtliche Atomkraftwerke des Landes. Jetzt müssen sie den radioaktiven Müll in Fukushima aufräumen. Ihsaka arbeitet in einem Team von acht Männern. Sie verrichten Reinigungsarbeiten an Rohren und Wänden. Vor sechs Monaten, als Ihsaka seine Arbeit auf dem Katastrophengelände aufnahm, trugen sie eingestürzte Gebäude und andere Ruinen ab. Den Männern der Yakuza fällt stets die niedrigste Arbeit zu. Schließlich sind sie von der Yakuza. Die Männer tragen normalerweise Schutzkleidung und ein Dosimeter bei der Arbeit. Dabei achten sie darauf, dass die radioaktive Strahlung, der jeder von ihnen ausgesetzt ist, am Ende eines Arbeitstages gleich hoch ist. "Wenn ich 1,1 Millisievert abbekomme und der Kollege nur 0,9 Millisievert, tauschen wir nach einer Weile die Arbeitspositionen", sagt Ihsaka. Pro Jahr dürfen die Arbeiter 100 Millisievert ausgesetzt sein, dem Hundertfachen des Grenzwertes für normale Bürger. Es geht den Arbeitern dabei nicht in erster Linie um das gleiche Strahlenrisiko, vielmehr um ein ausgeglichenes Strahlenkonto. Denn wer zu viel Strahlung abbekommt, darf am nächsten Tag nicht arbeiten – und bekommt dann keinen Lohn mehr .

5.000 Leute arbeiten heute wieder auf dem AKW-Gelände von Fukushima – genauso viele wie vor der Katastrophe im März. Doch alle sind jetzt erhöhter radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Zwischenzeitlich, als die Gefahr einer atomaren Explosion erheblich war, befanden sich nur noch 50 Arbeiter vor Ort. Sie galten als Helden. Doch eigentlich sind alle zu bewundern, die sich bis heute dem Strahlenrisiko in der Nähe der zerstörten Reaktoren aussetzen, um noch größeren Schaden abzuwenden.

"Wir sollen Anzüge und Masken tragen, aber wir tun es nicht immer", sagt Ihsaka. Die Männer seines Teams haben nie eine Ausbildung für die Arbeit in Schutzanzügen erhalten. Zudem müssen sie körperlich schwerste Tätigkeiten verrichten – die Anzüge stören dabei. "Bei der Arbeit sieht man oft die Yakuza-Tattoos meiner Kollegen", sagt Ihsaka.

Eine Art Idealist

Er aber trägt keine Tattoos. Ihsaka ist Yakuza nur durch Geburt. Sein Großvater war noch aktiver Gangster, der Enkel dagegen führt ein relativ normales Leben. 29 Jahre lang arbeitete er als Koch in Tokyo. Seine Ehe scheiterte, das einzige Kind, eine Tochter, hielt zum Vater und besorgte ihm bis vor Kurzem den Haushalt. Doch erkrankte Ihsaka im vergangenen Dezember schwer. Er bekam hohes Fieber, verlor das Bewusstsein. "Doch ich wurde gerettet, und nun will auch ich Menschen retten", sagt Ihsaka. Er kündigte seine Stelle in Tokyo und ging nach Fukushima. Dort wollte er als Koch für die Flüchtlinge der Evakuierungszone rund um die zerstörten Reaktoren arbeiten. Doch Arbeit fand er nur bei der Yakuza. "Was ich tue, ist ein winziger Beitrag. Aber wenn meine Arbeit nicht getan wird, werden nie wieder Kinder in Fukushima spielen können."

Ihsaka ist eine Art Idealist. Das unterscheidet ihn von den anderen im Team: Sie sind Arbeitssklaven, haben meist ihr Geld verspielt und sind in die Fänge von Kredithaien der Yakuza geraten. Sie müssen nun ihre Schulden auf dem verstrahlten Atomgelände abarbeiten. Den alltäglichen Transport zur Sammelstelle in 20 Kilometer Entfernung von den Katastrophenreaktoren organisieren die Yakuza-Leute. Dort übergeben sie ihre Arbeiter an Bauunternehmen, die unter der Aufsicht von Tepco arbeiten. Den AKW-Betreibern ist die Rolle der Yakuza durchaus bewusst.

Als im Sommer ein japanischer TV-Showmaster wegen seiner Kontakte zur Yakuza seine Sendung verlor, geschah dies auf Druck einer empörten Öffentlichkeit. Prompt wurde auch Tepco nach seinen Beziehungen zur Mafia befragt. "Wir sind uns der Stimmung im Land bewusst, der zufolge man die Gesetze strenger befolgen muss", sagte daraufhin ein Tepco-Sprecher. Seine Antwort kam einem Eingeständnis nahe. Neuerdings hängen die Behörden in der Region Plakate mit Anti-Yakuza-Parolen aus.

Ihsaka hat wie alle 5.000 Angestellten, die derzeit an der Katastrophenstelle arbeiten, eine Erklärung unterschrieben, niemandem von seiner Arbeit zu erzählen. Wie lange er noch zu leben hat, wie verstrahlt er schon ist, weiß er nicht, es kümmert ihn auch nicht. Er war dem Tod vor einem Jahr schon einmal nahe.