In Neunkirchen im Hunsrück hat der Kampf gegen den Kapitalismus ein erstes Opfer gefordert. Es ist eine Straßenlaterne. Sie steht in der Mitte des kleinen Dorfes, nicht weit vom Haus des Bürgermeisters. Seit 15 Jahren steht sie dort. Jetzt steht sie schief.

Der Konflikt mit dem System begann vor einem Jahr, als die Neunkirchner den Strom für die Straßenbeleuchtung nicht länger vom Energieriesen RWE beziehen wollten. Sie wollten ihn selbst herstellen, das halbe Dorf hat Solaranlagen auf dem Dach.

So einfach sei der Ausstieg nicht, ließ RWE wissen. Schließlich gehörten die Laternen dem Konzern. Dann werde man von nun an Miete verlangen, antwortete der Bürgermeister. Schließlich stünden die Laternen auf dem Grund und Boden von Neunkirchen. Es entbrannte ein ergebnisloser Streit um Paragrafen und Bestimmungen. Dann, vor sechs Wochen, knallte ein Auto gegen die Laterne. Seitdem steht sie schief. Solange nicht klar ist, wer ihr Eigentümer ist, wird das wohl so bleiben und allen vor Augen führen, was passieren kann, wenn sich der Bürgermeister eines kleinen Dorfes gegen den Kapitalismus stellt.

Der Bürgermeister ist der 65 Jahre alte Richard Pestemer. Von seinem Holztisch mit Blick auf den eigenen Gemüsegarten schreibt er Protestbriefe an RWE, im Briefkopf das Ortswappen mit zwei Hämmern, in seinem Rücken das Regal mit Werken von Marx, Mao und Laotse. Neben den Büchern steht ein Foto des jungen Pestemer. Mit langem Bart und langen Haaren schaut er dem alten, jetzt kurzhaarigen Bürgermeister dabei zu, wie er den Widerstand organisiert.

Pestemer schien nicht recht in dieses Dorf zu passen, als er vor 20 Jahren auf der Suche nach ländlicher Idylle mit seiner Frau hierherzog. Im Hunsrück wählte man CDU, Pestemer aber war in Köln bei den Grünen gewesen, bald sprach er davon, die Neunkirchner sollten doch den Wald hinter dem Dorf wieder selbst bewirtschaften, sie sollten Gemüse anbauen. Mit solchen Reden wird man schnell zum Außenseiter in einem Dorf mit nur 159 Einwohnern. Pestemer wurde kein Außenseiter, er wurde Bürgermeister, den Leuten gefällt, was »der Richie« sagt. Vor zwei Jahren haben sie ihn wiedergewählt.

»Alle klagen doch über den Kasinokapitalismus mit seinem Profitwahn«, sagt Richard Pestemer. Aber was ist die Alternative? Der Sozialismus ist gescheitert , ein anderes großes Gegenmodell hat niemand parat. Dafür bewegt sich etwas im Kleinen. An den unterschiedlichsten Orten in Deutschland versuchen Menschen, abseits des Systems zu leben. Mit weniger Markt, weniger Wirtschaftswachstum, manchmal auch mit weniger Geld. Aber wie sieht es aus, ein solches Leben?

Diese Frage steht am Anfang einer Reise, die bei Richard Pestemer beginnt. Sie wird weiterführen nach Berlin, wo es Geschäfte gibt, in denen man Waren erstehen kann, ohne dafür bezahlen zu müssen. Ein Wirtschaftsprofessor wird unterwegs auftauchen, der aus Überzeugung nicht Auto fährt und nur selten in Züge steigt. Er wird einem ein schlechtes Gewissen mit auf den Weg geben zur letzten Station, die im Alpenvorland liegt, in der oberbayerischen Provinz, wo ein ehemaliger Lehrer eine neue Art von Geld erfunden hat.

Am Anfang aber, im Südwesten des Hunsrück, wo nur dreimal am Tag ein Bus aus Trier vorbeikommt, blickt man hinab in ein tiefes Tal, in dem an diesem Herbstmorgen noch die Wolken hängen. Dort unten wohnt Richard Pestemer. Eine unebene Straße ohne Mittelstreifen führt nach Neunkirchen hinein, alte Bauernhöfe stehen neben roten Holzhäusern, wie man sie sonst in Schweden oder Norwegen sieht.

Pestemer ist hier seit sieben Jahren parteiloser, ehrenamtlicher Bürgermeister. Früher war er Dolmetscher für Japanisch. Mittlerweile ist er in Rente. Pestemer sagt, er suche seit fast fünfzig Jahren nach einer Alternative zum Kapitalismus. Ausgerechnet hier, in diesem Dorf, in dem es kein DSL und keinen Handyempfang gibt, scheint er sie gefunden zu haben

Pestemer steht in der Küche und kocht Mittagessen. Ofenkartoffeln und Salat aus dem eigenen Garten. Vor dem Fenster breiten sich die Gemüsefelder der Nachbarn aus, noch Anfang Dezember wachsen dort Lauch und Kohl. Pestemer hat drei Hühner und ein Schwein, das bei einem Nachbarn im Stall steht. »Nach der Energiewende kommt die Nahrungsmittelwende«, sagt er voraus.