Am 7. Dezember 1941 überfallen die Japaner Pearl Harbor. Sie versenken im Hafen der US-Basis auf der Pazifikinsel Hawaii ein Dutzend Schiffe und zerstören weit über hundert Flugzeuge, zweieinhalbtausend Soldaten sterben. Die USA, die bislang den deutschen Krieg in Europa und die japanische Aggression in Asien ungeachtet zahlreicher Hilfeleistungen an Großbritannien und China primär aus der Beobachterposition verfolgt haben, stehen unter Schock. Am Morgen danach fährt Präsident Franklin D. Roosevelt in Washington zum Kongress. Das amerikanische Volk werde, so verkündet Roosevelt, »in all seiner rechtschaffenen Kraft« bis zum vollständigen Sieg über das Kaiserreich Japan kämpfen. Er spricht seinen Landsleuten aus dem Herzen. Für Amerika ist die Zeit des Abwartens vorbei. Es ist ein Krieg, den der Senat auf Antrag Roosevelts an jenem 8. Dezember einstimmig und das Repräsentantenhaus mit überwältigender Mehrheit erklärt, nur die Radikalpazifistin Jeannette Rankin aus Montana stimmt dagegen.

Doch es ist der falsche Krieg. Gegen den falschen Feind. Denn Roosevelt plant seit Jahren die Niederringung eines Diktators, den er für viel gefährlicher hält als Japans Militärkaste: Adolf Hitler. Jetzt, nach Pearl Harbor, aber richtet sich die Empörung der Amerikaner allein gegen Japan. Die Finsternis von Tyrannei, Krieg und Völkermord, die sich über weite Teile Europas gesenkt hat, gerät aus dem Blick. Roosevelt lässt sich keine Verunsicherung anmerken. Und in der Tat wird der Präsident binnen drei Tagen erfahren, dass er sich auf Hitler verlassen kann: auf dessen Verachtung für die größte Demokratie der Welt – und auf Hitlers Hass auf ihn persönlich, auf den »Herrn Rosenfeld«. Am 11. Dezember 1941 erklärt Deutschland den USA den Krieg.

Roosevelt und Hitler, der Demokrat und der Diktator: Binnen weniger Wochen sind sie zu Beginn des Jahres 1933 an die Macht gelangt. Im April 1945 werden sie binnen weniger Tage sterben. Während Roosevelt die durch die Weltwirtschaftskrise angeschlagene Demokratie – wenn auch durch einen oft autoritären Regierungsstil – rettet, wird Hitler in Deutschland ihr Mörder.

Was vielen anderen demokratischen Staatsmännern in den dreißiger Jahren fehlt, hat Roosevelt in hohem Maße: ein Gespür für das Monströse, für das in seiner Bösartigkeit absolut Neuartige in der Tyrannei Hitlers und der Nazis. Zunächst leise und unauffällig, dann mit bemerkenswerter strategischer Vision und unter Aufwendung seines immensen psychologischen Geschicks arbeitet der Präsident auf den Kampf gegen dieses Regime hin. Beinahe atemraubend prophetisch wirken die Worte, die Thomas Mann im Juni 1935 nach seinem Gespräch mit Roosevelt zu Papier bringt: »Als ich das Weiße Haus verließ, wußte ich, daß Hitler verloren war.«

Für Deutschlands »Führer« wird der Mann, der seit einer Kinderlähmung auf den Rollstuhl angewiesen ist, zur Nemesis. Hitlers Intuition, in Roosevelt, den er abwechselnd als »Kriegstreiber« und als »Judenknecht« bezeichnet (und den er wegen seiner Behinderung verspottet), den Erzfeind schlechthin zu sehen, ist wohlbegründet. Doch Roosevelt muss Geduld, viel Geduld aufbringen, um seine Landsleute von der Gefährlichkeit des erstarkenden Nazireichs zu überzeugen.

Der Angriff der Japaner auf Pearl Harbor – Hitler ist »entzückt«

In Chicago hält der Präsident am 5. Oktober 1937 seine erste große Rede zur Außenpolitik. Sie wird als Quarantäne-Rede berühmt, denn er fordert, eroberungssüchtige Diktatoren wie Seuchenkranke zu isolieren. Aus China häufen sich Berichte über die Gräuel der japanischen Eroberer, im Spanischen Bürgerkrieg erproben Deutsche und Italiener, aber auch die Sowjets ihre Waffensysteme. »Krieg ist eine Seuche«, bekräftigt der Präsident. Die Mehrheit der Amerikaner will das allerdings als Absage an jeden Krieg verstehen: Amerika soll strikt neutral bleiben.