Zwei Bilder zum Preis von einem – so ein Angebot machen seriöse Auktionshäuser selten. Der seltene Fall tritt nun bei Ketterer in München ein. Für geschätzte 800.000 bis 1,2 Millionen Euro kann man dort am 10. Dezember eine Leinwand ersteigern, die Max Pechstein im Jahr 1910 von beiden Seiten bemalt hat. Zuerst malte er in seinem Atelier einen Akt: Ein nackter Inder mit schwarzem Schnurrbart sitzt im Schneidersitz auf einem grünen Teppich, ein Arm verbirgt geschickt sein Gemächt. Neben dem Inder liegt eine nackte Frau mit vollen Lippen und schwarzem Haar, und es steht da auch noch eine bunte, geschnitzte Obstschale mit Banane auf dem Boden. Noch im selben Jahr übermalte Pechstein dieses Gemälde mit einer Schicht weißer Farbe, um auf die Rückseite der Leinwand ein nettes Stillleben mit allerlei Früchten – aber ohne Banane – zu pinseln. Das Früchte-Stillleben signierte er schließlich auch. Leinwände waren teuer, der dreißigjährige Pechstein brauchte das Geld, und Stillleben ließen sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganz offensichtlich besser verkaufen als exotische Bilder mit nackten Indern.

Heute verhält es sich genau andersherum, das Früchte-Stillleben ist schön anzusehen, man kann es nach vorne drehen, falls eine prüde Tante zu Besuch kommt. Es ist eine nette B-Seite, ein Bonus. Doch Inder und Frauenakt ist das stärkste Pechstein-Gemälde, das in den vergangenen Jahren auf einer Auktion angeboten wurde. Es stammt aus jener Schaffensperiode des Künstlers, die gemeinhin als seine wichtigste gilt. Auf das Doppelbild werden in München wohl nicht nur Privatsammler, sondern auch Kunsthändler bieten.

Das Erste, was der Höchstbietende nach der Ersteigerung von Inder und Frauenakt am Samstag machen sollte? Noch einmal 398 Euro investieren, um sich das gut acht Kilo schwere, von der Berliner Kunsthistorikerin Aya Soika verfasste und gerade erst erschienene Werkverzeichnis des Künstlers zu kaufen (Max Pechstein. Das Werkverzeichnis der Ölgemälde, Hirmer Verlag). Die Anschaffung lohnt sich auch für jene Pechstein-Enthusiasten, die sich kein Originalgemälde leisten können. In sechs Jahren akribischer Arbeit hat Soika alle Informationen zu allen wohl je von Pechstein gemalten Bildern gesammelt. Sie hat Fälschungen – etwa zwei Gemälde von Wolfgang Beltracchi – aussortiert, sie hat verschollene Bilder geortet und falsch datierten Bildern neue Jahreszahlen zugeordnet. Auf 1.200 Seiten wird nicht nur jedes Gemälde, von dem es eine Abbildung gibt, groß reproduziert, sondern es werden auch die wichtigsten Hintergrunddaten zu Größe, Provenienz und Geschichte des Bildes genannt. Zusätzlich beschäftigen sich eigene Kapitel mit der Biografie Pechsteins, mit seinen Wohnorten und Ateliers und den Ausstellungen, in denen seine Kunst gezeigt wurde. Zu einer wirklich spannenden Lektüre wird das Werkverzeichnis auch durch die von Soika recherchierten Biografien der wichtigsten Sammler und Förderer des Künstlers. Da ist etwa das Schicksal des Versicherungsunternehmers Hans Heymann, der 1936 in die USA emigrieren musste und dessen Pechstein-Sammlung von den Kunsträubern der Nazis beschlagnahmt wurde. Keines der konfiszierten Bilder aus der Sammlung Heymann ist wieder aufgetaucht. Wurden sie zerstört? Lagern sie im Nachlass eines Nazi-Kunsträubers?

Wer als Erster das Früchte-Stillleben mit dem übermalten Inder auf der Rückseite kaufte, das konnte Aya Soika bisher nicht sicher bestimmen. Seit den zwanziger Jahren jedenfalls befand es sich in einer bayerischen Sammlung und ging dann 1986 in eine andere süddeutsche Sammlung, aus der es jetzt versteigert wird. Der unbekannte Inder taucht noch auf drei weiteren Gemälden Pechsteins auf, auf dem einen trägt er einen Turban, auf dem nächsten das lange Haar offen, dann schließlich ist er nackt. Woher kannte Pechstein den Mann, wie geriet er 1910 in das Atelier in Wilmersdorf? Man weiß es nicht. Die nackte Frau neben ihm auf dem Teppich ist jedenfalls Lotte Kaprolat, die seit 1909 Pechstein Modell stand. Sie habe ihm mit zu seinem künstlerischen Durchbruch verholfen, schrieb Pechstein später in seinen Erinnerungen. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag, 1911, heiratet Pechstein Lotte, bekommt mit ihr einen Sohn, reist mit ihr in die Südsee – um sie 1921 für Marta Möller zu verlassen. Lotte heiratet konsequenterweise Martas Bruder Hermann.

Auch zum Früchte-Stillleben kann man in Soikas Werkverzeichnis einiges finden: Es gibt ein sehr ähnliches Stillleben, das sich heute in einer japanischen Privatsammlung befindet. Dass die beiden Bilder arg an die Obst-Stillleben von Paul Cézanne erinnern, ist auch kein Zufall. Pechstein, der sich stark von anderen Künstlern – etwa Matisse oder Gauguin – inspirieren ließ, hatte im November 1909 gemeinsam mit Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff, seinen Künstlerfreunden von der »Brücke«, eine Cézanne-Ausstellung in der Galerie Paul Cassirer in Berlin besucht.

Die Preise, die Pechstein-Gemälde heute auf Auktionen erzielen, sind erstaunlich. Vor zwei Wochen wurde bei Grisebach in Berlin auf der – insgesamt erfolgreichen – Jubiläumsauktion ein Sonniger Wintertag von 1917 für 500.000 Euro zugeschlagen. Bei Sotheby’s in New York konnte am 3. November eine auf 300.000 Dollar geschätzte Ansicht von Certosa bei Florenz (1913) zwar nicht versteigert werden, aber üblicherweise finden auch schwächere Arbeiten aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg für hohe fünf- und sechsstellige Euro-Summen Käufer. Der bisherige Pechstein-Rekord wurde 2008 bei Sotheby’s in London für Zirkus mit Dromedaren (1920) erzielt: 1,7 Millionen Pfund (ohne Kommission). Wird das Doppelbild in München diesen Rekord knacken? Der Preis für das Werkverzeichnis bleibt bei 398 Euro, bis der Hirmer Verlag alle Exemplare verkauft hat. Dann wird wohl auch dieses großartig gelungene Buch im Preis steigen.