Englandtypisch versuchte sich die Times in Humor. »Das Barnessche Nichtbekommen des Booker Prize wird albern«, schrieb Giles Coren im September – ob auch dieser Roman von Julian Barnes wieder zu gut sei für den höchsten, den renommiertesten Literaturpreis Englands, dieses Buch mit seinem Hauch von Schnitzler, seinem Schatten von Camus?!

Julian Barnes, Jahrgang 1946, ist einer der großen Autoren der Insel, auch Übersetzer von Alphonse Daudet und Gustave Flaubert. Er kann zurückblicken auf tatsächlich 19 Bücher, er ist schon Gewinner des Prix Medici, des Shakespeare-Preises, ist Chevalier dans l’Ordre des Arts et des Lettres, wurde dann Officier dans l’Ordre des Arts et des Lettres, sogar Commandeur dans l’Ordre des Arts et des Lettres. Er war schon drei Mal auf der Shortlist des Man-Booker-Preises, mit Flauberts Papagei (1984), mit England, England (1998), mit Arthur & George (2005), und jetzt also wieder und auch noch inmitten eines Tumults, den Dame Stella Rimington, ehemalige MI5-Spionin und Juryvorsitzende, auslöste mit der Forderung nach »Lesbarkeit« der Literatur.

Hohe Brandung. Artikelfluten. Dann endlich: Bekanntgabe des Preises, nationaler Erleichterungsseufzer. Barnes! Erste Wahl!

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Sein Buch Vom Ende einer Geschichte ist nicht nur, wie Barnes bei der Verleihung des Preises sagte, ein schönes Objekt und damit dem E-Book fantastisch überlegen. Es ist auch stilistisch vollendet – schmal, konzentriert, nachdenklich. Eine elegante Betrachtung der Frage, was wir von uns und unserer Existenz wissen können. Wie man überhaupt erkennen kann, was ein gutes Leben war oder ist, wenn doch die Erinnerung an das, was war, so trügerisch ist. Barnes beschreibt einen Vorgang der Selbstbefragung, in dem sich das Bild, das wir uns von uns vor Augen führen, auf irritierende Weise in ein schlingerndes Objekt verwandelt, so als läge es am Grunde eines Wassers, das hin und her schwappt und die Konturen von Figuren und Gegenständen, den Hintergrund, die Farbe mal hierhin, mal dorthin dehnt.

So wird aus Neugier die Furcht vor dem, was man entdecken könnte. Es ist ein spätes Werk voller düsterer Ahnungen, greift aber Motive aus Barnes’ erstem Buch auf, Metroland von 1980, in dem eine Gruppe Schüler sich auf ins Leben macht, schon hier geht es etwa um die Abscheu vor der Banalität des alltäglichen Mittelklasseglücks, auch um die Rivalität von Freunden um eine Frau, Themen, die viele seiner Bücher durchziehen.

Der Erzähler heißt jetzt Webster. Er wirkt mehr als ausgeruht, hat sich beruflich erfolgreich platzieren können, die Ehe war angenehm, sogar die Scheidung, es reicht für Lunchtermine mit Margret. Nette Beziehung zur Tochter. Das Leben könnte sich vollenden, auf einer sanften letzten Strecke. Aber die Gedanken biegen sich im weiten Bogen zurück an den Start seiner Lebensreise, in quälender Selbstbefragung. Was war. Wer er war. Es ist eine literarische Antwort auf ein berühmtes Werk der englischen Literaturkritik, The Sense of an Ending, das der Kritiker Frank Kermode 1967 veröffentlicht hat, es zitiert nicht nur den Titel, es antwortet mit der Verweigerung eines Endes.

Webster denkt zurück an den Beginn des Erwachsenenlebens, an das letzte Schuljahr, in dem ein neuer Schüler zur Klasse stieß und bald ein enger Freund wurde. Adrian Finn. Ein schüchterner langer Kerl, aber er antwortet auf Fragen der Lehrer mit Sätzen, an die sich Webster immer erinnern wird. Etwa so, Englischstunde, es geht dem Lehrer um den Sinn des Lebens, und der Neue sagt: