Politisches Buch Jahrhundert im Koffer
Dieses berührende Buch erzählt vom Ende Europas – und von 264 kleinen Figuren aus Holz und Elfenbein: "Der Hase mit den Bernsteinaugen" von Edmund de Waal
Europa war schon einmal am Ende. Von 1933 an war dieses Ende politisch besiegelt und zerstörte einen ganzen Kontinent, bevor er nach 1945 neu entstand und langsam zu dem wurde, was jetzt auf dem Spiel steht und heute die meisten in Unsicherheit stürzt.
Von dem ersten Ende Europas erzählt nun der Töpfer Edmund de Waal. Schon als Kind hat er töpfern gelernt, heute ist er in London Keramikprofessor. De Waal hat in jahrelanger Arbeit an den Quellen ein Buch verfasst, das von geduldiger Feinfühligkeit und Präzision geprägt ist, eines der schönsten Bücher des Jahres, das gegen die neue europäische Unsicherheit eine eigentümliche Sicherheit setzt: Der Hase mit den Bernsteinaugen.
Es handelt sich, nun ja, um eine Art politischer Historie, von etwa 1850 bis in die Gegenwart. Und zugleich um die Geschichte der Familie Ephrussi, die in dieses Europa verwoben ist, in Kunst und Kultur, in das europäische Finanzwesen, in die Geschichte des Judentums und des Antisemitismus, der Bildung, der Frauen, der Globalisierung – und der Erotik, denn fortwährend geht es um das Berühren.
Edmund de Waal ist ein Nachfahre der ursprünglich russischen jüdischen Familie Ephrussi, die eine der größten europäischen Banken aufbaute. Er geht den Ephrussis über fast zweihundert Jahre hinweg nach, hört von ihnen, liest über sie, spürt ihnen nach. Er zieht von Ort zu Ort, prüft alle verfügbaren Quellen und arbeitet mit historischem Tastsinn, als nähme er, zur Sicherheit, alle Partikel der Historie Stück für Stück selbst in die Hand.
Weil er als Keramikkünstler am meisten den Dingen traut und ihrer »Genauigkeit«, orientiert er sich an besonderen Gegenständen, um die Geschichte seiner Familie zu erzählen: 264 japanischen Miniaturschnitzereien aus Elfenbein und aus Holz, Netsuke genannt, die 1860 in den Besitz der Ephrussis gelangten und die heute, nachdem sonst alles dahin ist, wider alle Wahrscheinlichkeit noch erhalten sind. Alle. Unter anderem ein winziger Fuchs, ein Lotusblatt, Kastanien, Ratten, erotische Szenen, Kröten, ein Hirsch, Oktopoden und ein weißer Hase mit Bernsteinaugen. De Waal ist ihr vorläufig letzter Erbe.
Der Grund, aus dem diese Netsuke trotz der Vernichtungswut der Nationalsozialisten, trotz Flucht und der weltumspannenden Wanderung der Familie erhalten blieben, heißt Anna. Doch von ihr hier zu berichten hieße, der Lektüre zu weit vorzugreifen. Nur so viel – de Waal spricht auf ganz wenigen Seiten von ihr, und man erkennt: Falls jemand die Hingabe ans Wesentliche verkörpern kann, dann ist es diese Anna, die einzige Figur im Buch, über die man bis heute fast gar nichts weiß. De Waals Tochter, das entnimmt man der Widmung, heißt Anna wie sie.
Fünf Orte durchwandern die 264 Netsuke und mit ihnen die Leser: Um 1870 erwirbt Charles Ephrussi die Figürchen als erotische Miniaturen in Paris, 1899 gelangen sie als Hochzeitsgeschenk an den Vetter Viktor in Wien; 1946 bringt Viktors Tochter Elisabeth sie nach London; von dort gelangen sie 1947 mit Elisabeths Bruder Ignaz nach Tokyo, und vor wenigen Jahren sind sie wieder nach London zurückgekehrt, zu Edmund de Waal. Der bricht auf, um mit den Netsuke nach der Geschichte zu suchen.
Die Ephrussis beginnen ihren Weg in die europäische Finanzwelt im 19. Jahrhundert von Odessa aus, als Getreidehändler, und bauen, als der Reichtum wächst, das Bankgeschäft in Wien und Paris auf, neureiche Parvenus, bald namenlos reich. Überall in Europa entstehen Eisenbahnlinien, Brücken, Häfen, Kanäle, die sie finanziert haben: Infrastruktur. Ohne die Ephrussis wäre Europa nur halb so mobil, könnten auch die Netsuke schlecht reisen. An jedem ihrer fünf Aufenthaltsorte steht jeweils ein Familienmitglied im Zentrum von de Waals Erzählung. Nicht etwa die Bank, das Geld, die Finanzstrategien. Sondern immer wieder ein Ephrussi, der mit Finanzen nur am Rande zu tun hat, aber dafür mit Bildung, Kunst, Wissenschaft umso mehr.
- Datum 09.12.2011 - 15:05 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren