Auf der Rückseite des Umschlags seines jüngsten und letzten Gesprächsbandes sitzt der Interviewer André Müller mit dem Schriftsteller Peter Handke an einem Gartentisch. Es ist, nach der Farbe der Blätter zu urteilen, ein Spätsommertag. Die Füße des Schriftstellers sind nackt, seine Schuhe stehen neben seinem Holzstuhl, die rechte Hand ruht auf der Armlehne, der Zeigefinger der linken Hand liegt oberhalb der Lippe, da, wo der Schnurrbart wächst: nachdenkliche Pose. Der Dichter hört zu. Der Interviewer sagt gerade etwas: spöttischer Gesichtsausdruck. Auf dem Tisch zwischen Dichter und Interviewer stehen Gläser, Pflanzen, allerhand Kram. Wenn reden noch einmal möglich ist, wo, wenn nicht hier?

Der Tisch im Grünen scheint der ideale Ort für etwas zu sein, das viel besser ist – seltener, einzigartiger, wertvoller – als nur noch ein weiteres blödes Interview: eine Begegnung unter guten Bekannten, ein Gespräch unter Freunden. Wenn der Schriftsteller und der Interviewer sich zum zweiten Mal bei Handke zu Hause im Pariser Vorort Chaville treffen – im legendären ersten Gespräch hatte Handke den Journalisten als Deppen bezeichnet –, dann dokumentiert das Gesprächsfoto exakt die Aura, die besondere Atmosphäre, die Müller für seine Gespräche brauchte. Das Bild sagt: Jetzt sitzen wir hier, wir sind unter uns, die Welt um uns herum schwindet – und nun, lieber Freund, lass uns die ganze Wahrheit auf den Tisch legen, den ganzen Schmerz, das ganze Aua, allen Hass, Selbstzweifel, alle Verwirrung, die scheußliche Unmöglichkeit, die es bedeutet, auf der Welt zu sein, und, ganz wichtig bei Müller, diesem Wiener Temperament: die Angst vor dem Tod, ja, die Todessehnsucht. Die quintessenzielle Frage, die der Interviewer Müller an all seine Gesprächspartner hatte, lautet: »Haben Sie jemals konkret daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?« Es ist dies die eigentliche Leistung des großen, des unsterblichen, des zu Recht so gerühmten Interviewers André Müller, der im Frühjahr dieses Jahres im Alter von 65 Jahren einem Krebsleiden erlag: Er hat gezeigt, dass reden gegen alle Wahrscheinlichkeit doch möglich ist.

Mit wem redete Müller? Die Letzten Gespräche versammeln die letzten im Sinne seiner besten Gespräche. Müller hat das intellektuelle Personal der Republik interviewt, diejenigen, die unter Verdacht stehen, besonders ernste, schwierige, tiefgründige Gesprächspartner zu sein (Günter Grass, Elfriede Jelinek, Marcel Reich-Ranicki, Gerhard Richter), einige ausländische Kapazitäten (Ingmar Bergman, Salman Rushdie, Michel Houellebecq) und, gewissermaßen zur Auflockerung, einige klassische Nichtintellektuelle (die Pornoproduzentin Dolly Buster, den Torwart Toni Schumacher), die er als überraschend tiefsinnig, zumindest wortgewandt vorführte.

Wichtig ist, dass der Interviewer Müller sich auf alle Fälle immer für so klug und interessant hielt wie seine klügsten und wichtigsten Gesprächspartner. Das gute Gespräch beginnt mit der übersteigerten Selbstwahrnehmung des Interviewers, ja mit seiner hoffnungslosen Selbstüberschätzung: Was für ein Quatsch, dass der Interviewer eine Distanz zum Objekt seiner Fragen einnehmen sollte, im Gegenteil, er braucht möglichst wenig davon! Wichtig ist auch – das macht die Nähe, Wärme und Herzlichkeit seiner Gespräche aus –, dass der Interviewer seine Gesprächspartner nicht nur auswendig kennt, sondern liebt. Müller war immer auch ein Aktenfresser, ein Recherche-, ein Vorbereitungskünstler. Wenn er das Aufnahmegerät einschaltete, dann hatte er den O-Ton aller bereits geführten Gespräche parat. Sich mit einem Menschen ausgiebig zu beschäftigen, das lehrt die Interviewkunst Müllers, heißt, ihn schätzen zu lernen. Wie der Interviewer Müller für sein Gegenüber Elfriede Jelinek schwärmt, wie er sie, die große, störrische, zum Zeitpunkt des Gesprächs von der Verleihung des Nobelpreises aufgebrachte Dame, mit klassischen Komplimenten (»Ich finde, Sie sind eine schöne Frau«) beruhigt, öffnet und sich ihr selbst näher bringt, das rührt zu Tränen und führt den Leser zu allergrundsätzlichsten Einsichten: Es gibt zu wenig Nähe, Wärme, Zuneigung auf der Welt. Wir alle sollten mit unseren Nächsten viel öfter so reden, wie der Interviewer André Müller seine Gespräche führte.

Von Müller stammt der wunderbar resignative und romantische Stoßseufzer, gegen Ende seiner Interviewer-Karriere hervorgebracht, die 1975 für die Kronen Zeitung begann und ihn über die Stationen Abendzeitung und FAZ zu seinem langjährigen Betätigungsfeld, dem Feuilleton dieser Zeitung, führte: »Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mehr zu sagen habe als die Leute.« Es ist dies die Erfahrung, die jeder Interviewer zwangsläufig machen muss: Die Leute haben nichts zu sagen. Oder, schlimmer noch: Sie haben, aber sie wollen nicht. Am Ende ist es der Interviewer, nicht der Interviewte, der aus den wenigen Worten, der aus dem Nichts Sprache macht. Müller leidet darunter, dass nicht alle seine Gesprächspartner so hell, leicht und lakonisch daherreden können wie sein Idol, der österreichische Theatermacher Thomas Bernhard. Mit seinen Fragen hat Müller seine Gesprächspartner gewissermaßen in einen heilsamen Schockzustand versetzt – es war der Schock darüber, dass ihnen da jemand in der Welt, die vom Gequatsche der Talkshows dröhnt, die brutal ernsten, offenen und grundsätzlichen Fragen stellt, die sie selbst nie zu stellen gewagt hätten. Weil Müller als Philosoph, Charmeur und Therapeut in einer Person auftrat, konnten seine Gesprächspartner all das auch sein.