André MüllerNur schweigen wäre schöner
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Interview wie ein Kartenspiel

Der Tiefsinn-Fan André Müller: Dieser Interviewer will keine Bekenntnisse, er will das totale Bekenntnis. Gute Fragen tun weh. Wer sie ernst nimmt – bei Müller war nichts anderes möglich –, der muss jede Frage wie ein kleines Verbrechen an der Menschlichkeit empfinden. Müller sagte zu Handke: »Sie werden im Dezember fünfundsechzig.« Was für eine Gesprächseröffnung! Ein Paradoxon von Müllers Fragekunst liegt darin, dass zwei Drittel seiner Fragen gar keine Fragen sind, sondern Sätze, die mit einem Punkt, nicht einem Fragezeichen enden. Dieser Interviewer stellt kaum Fragen, er gibt Antworten – und lockt dadurch die Korrektur und Fortführung seiner Antwort, die fortgesetzte, die erweiterte Aussage hervor. Gleich mit der eröffnenden Bemerkung stürzt der Fragensteller in den Tiefsinn hinab und reißt den Antwortgeber mit hinab. So sieht bei Müller Teamwork aus: Das Interview ist der gemeinsame Aufstieg, das Kraxeln aus der Grube des Tiefsinns ans Licht der Erkenntnis. Die Erleuchtung ist eine anstrengende Sache. 

In einer perfekten Welt wäre das Interview wie ein Kartenspiel: Die Regeln wären klar, die Karten verteilt, es würde gespielt, es würden keine großen Worte gemacht. Und vielleicht ist das die einfache Wahrheit, die jedem der Gespräche André Müllers zugrunde liegt: Sprechen ist schön, aber schweigen und sich dabei alles Notwendige sagen wäre natürlich noch besser. Ein Interviewer kann immer nur so gut sein, wie er um die Regelverletzung, die Zumutung, das Nervenaufreibende jeder seiner Fragen weiß. Der Interviewer André Müller muss gewusst haben, was für eine entsetzliche Nervensäge er war. Da oben, am Grubenrand, muss es doch ein Licht geben, eine Ahnung von irgendeinem Sinn. Vielleicht weht dort oben, im Nirwana der großen Interviewer, wo keine Gespräche mehr geführt werden, sondern geschwiegen wird – wie wunderbar wäre das –, der leichte und warme Wind der totalen Sinnlosigkeit.

Eine letzte Frage bleibt unbeantwortet. Sie hat das Zeug, den Rezensenten dieses Buchs zu quälen: Warum habe ich den Interviewer André Müller nie interviewt?

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Leserkommentare
  1. 1. Schön

    Schön, dass tiefgründige Interview wertgeschätzt werden. Schade, dass wir tatsächlich mit oberflächlichen Interviews überschwemmt werden.

    Vielleicht ist dieser Satz eine Erklärung dafür:
    "In einer perfekten Welt wäre das Interview wie ein Kartenspiel: Die Regeln wären klar, die Karten verteilt"
    ... und die Gespräche vorhersehbar und die Antworten unkreative Regeleinhaltung. Muss nicht sein.

  2. als man sich als Leser auf Interviews freuen konnte!

  3. gibt's nich, ausser dem mit Herbert Gamper, Aber ich lebe nur von den Zwischenräumen. An dieses koennte jemand der sich Gedanken ueber seine Gedanken ueber Handkes Werk gemacht hat, anknuepfen. Mueller gehoerte irgendwie der Demi-Monde an, und ist ebenso spassig. \MICHAEL ROLOFF
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  4. Der Unterschied zwischen dem, was eine Person ist (glaubt zu sein) und zwischen dem, was sie sagt: gerade dieser Widerspruch ist erzählenswert; eben hervorgeholt durch ein gutes Interview. Je ne sais pas – je ne sais pas du tout.

  5. ...ist dieser Nachruf des ehemaligen Popliteraten von Uslar, der zum Ende hin eine einsame Nonsenshöhe erklimmt: "Vielleicht weht dort oben, im Nirwana der großen Interviewer, wo keine Gespräche mehr geführt werden, sondern geschwiegen wird – wie wunderbar wäre das –, der leichte und warme Wind der totalen Sinnlosigkeit." Das kann doch nicht sein Ernst sein, oder? Und damit meine ich nicht einmal die falsche Verwendung des Begriffs "Nirwana".
    Den braven Zeitlesern empfehle ich das Buch "Gespräche mit Hacks 1963-2003", Berlin 2008. Das ist von einem anderen Andre Müller und garantiert ohne Peter Handke, und weil in diesem Buch die Verehrung des Kommunisten Müller für den "intelligent verblendeten Starautor und Luxusstalinisten Peter Hacks" (Zeit 21.12.2010) verständlich wird, hat es die "Zeit" auch nicht besprochen. Es könnte den leichten und warmen Wind der totalen Sinnlosigkeit ja auffrischen.

    P.S.: Wenn ich etwas in meinem Leben noch werden will, dann ist es Luxusstalinist.

  6. Viele Dank für die Empfehlung! Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen. Und Dank auch für Ihre anderen Beiträge

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