Sopranstar Diana DamrauEinfach singen

Diana Damrau ist unter den Sopranstars die am wenigsten Verkünstelte. Richard Strauss und Liszt gelingen ihr genauso gut wie ein virtuoser Offenbach. von Mirko Weber

Diana Damrau als Puppe Olympia in "Les Contes d'Hoffmann" an der Bayerischen Staatsoper

Diana Damrau als Puppe Olympia in "Les Contes d'Hoffmann" an der Bayerischen Staatsoper  |  © Wilfried Hösl

»Ziemlich langsam, schwebend«, steht am Anfang auf den paar Notenblättern für die Singstimme. Dazu in der Klavierbegleitung fast nichts anderes als Achtel, sempre legato, ein Crescendo hier, ein Decrescendo dort, endlich viel Pedal – dann ist das Lied schon aus. Auch für die Textentschlüsselung braucht es kein Oberseminar: Es geht um dörfliches Südtiroler Kirchengeläut, mal hell, mal dunkler, und »Gesang« reimt sich hier auf »Klang«. Das zugrunde liegende Gedicht stammt vom Wiener Hebbel-Biografen Emil Kuh. Und doch: Ihr Glocken von Marling, 1874 vertont von Franz Liszt mit minimalen Mitteln, trägt einen leisen Hauch von Eichendorff und vorweggenommenem Impressionismus in sich. Es ist, als ob die ganze Welt zu singen anfinge, wenn eine Sängerin den Zauber der flirrenden Luft nur richtig trifft. Und Diana Damrau trifft ihn. Aus lauter Unscheinbarkeiten formt sie ein atmosphärisches Glanzstück. Wie schafft sie das?

Wenn man bedenkt, zu welchen lediglich dekorativen Wortgirlanden Opernsängerinnen manchmal fähig sind, kommt die Antwort sehr direkt. Viele ihrer Sätze im Gespräch sind einfach, klar, unverkünstelt. Das Lied gefiel nämlich nicht nur Diana Damrau sofort, »sondern auch Alexander«. Während sie Liszt probierte und die Auswahl der Lieder zusammen mit dem Pianisten Helmut Deutsch erwog, war Diana Damrau schwanger. Mittlerweile ist der Junge ein Jahr alt, doch seine Mutter erinnert sich noch immer gerne, wie sie sich selbst den Klaviersatz zurechtlegte – und immer wieder die Glocken klingen ließ. Manchmal selber, manchmal von der CD und von Ruth Ziesak, wie Damrau nicht zu sagen vergisst. Kategorien wie Kolleginnenneid sind ihr vollkommen fremd. Sie mag ihr Metier – und sie mag die Menschen in der Oper. Ihr Mann ist, irgendwie folgerichtig, der französische Bariton Nicolas Testé geworden. Zwischen ihm und ihr hat es ein paar Jahre gedauert, die Glocken von Marling aber – wie die vergleichsweise hochexpressiven Petrarca-Sonette – waren »Liebe auf den ersten Ton«, und das hört man.

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Dabei wurde weiß Gott kein Chopin gespielt in Damraus Elternhaus in Günzburg an der Donau. Die Damraus kamen aus Preußen, in »puncto Arbeitsmoral ist da was geblieben«, sagt sie, nur die Großmutter sang bisweilen mit der Enkelin. Infiziert von der Oper wurde Diana Damrau vor dem Fernseher, mit zwölf: La Traviata, ein Film von Franco Zeffirelli, mit Placido Domingo und Teresa Stratas. Aufs Heute und auf die Bühnen hochgerechnet, gelingt bereits dem Kind, was die erst in Richtung Koloratursopranistin strebende Damrau später mit märchenhafter Sicherheit vermag: Sie kann sich in Sekundenschnelle in eine Rollensituation hineinversetzen. Kein langer Anlauf, keine große Vorbereitung, sie ist einfach da. Zurzeit spielt sie in München alle drei Frauenhauptrollen in Les Contes d’Hoffmann von Jacques Offenbach: das Automatengeschöpf Olympia, die sieche Sängerin Antonia und die Kurtisane Giulietta.

Jede der Rollen erfordert höchsten Einsatz und eine vollkommene Mischung der vokalen Mittel, aber seltsamerweise muss man sich nie sorgen um Diana Damrau. Sie hat einerseits die Spitzentöne und andererseits eine Scheunentorseele. Vielleicht muss man, um Ingeborg Bachmanns Satz über Maria Callas abzuwandeln, nicht unbedingt auf der Rasierklinge (und mit blutender Seele und wunden Sohlen) laufen, um Rollen zu leben.


Diana Damrau ist nach der Ausbildung die Ochsentour in Würzburg, Mannheim und Frankfurt gegangen, bis hin zu Ännchen, Gilda, Zerbinetta und schließlich der Königin der Nacht. Das ist jahrelang ihre Paradepartie vor allem in der Met in New York gewesen, wo sie sogar noch die Pamina in der letzten Vorstellungsserie dazunahm: Multitasking war schon immer ihr kleinstes Problem. Man muss sie nur Mahler, Zemlinsky, Berg oder Schumann singen gehört haben, um ermessen zu können, wie sie mit Geistesgegenwart und Instinkt jeweils Minidramen gestaltet: Präzise läuft da jedes Mal ein Film ab, weil die Darstellerin in Bildern denkt und die in Klang übersetzen kann.

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