Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Weihnachten naht. Ich spüre es daran, dass es an der Tür klingelt, und der Mann von DHL, das ist eine Transportfirma, gibt die erste Flasche Rotwein ab. Für mich ist Weihnachten nicht das Fest der Liebe. Die Liebe kann immer und fast überall gefeiert werden, auch und gerade im Sommer. Für mich ist Weihnachten das Fest des Rotweins. Niemals bringt mir der Postbote zur Weihnachtszeit Weißwein, Cognac oder Gin, nur selten hat er Schokolade dabei, in Einzelfällen auch mal einen Kalender. In 90 Prozent aller Fälle bringt er mir Rotwein.

Dies scheint eines der ungeschriebenen Gesetze unserer Gesellschaft zu sein: Falls man den zu Beschenkenden und seine speziellen Vorlieben nicht gut kennt, dann schenkt man Rotwein. Rotwein zu schenken ist in Deutschland so unumstritten wie der Atomausstieg. Das Rotweingeschenk – ein neuer deutscher Grundwert, ähnlich wie Toleranz, Gesundheit, Umweltschutz oder Gleichstellung. Ich habe sogar den Verdacht, dass es in den deutschen Haushalten mittlerweile mehr Rotwein gibt als Toleranz.

Was kaum jemand weiß: Nicht jeder Deutsche trinkt Rotwein. Ich zum Beispiel bekomme von Rotwein Sodbrennen. Weißwein hat auf mich eine andere Wirkung, von dem werde ich nur betrunken. Manchmal zwinge ich mich dazu, trotzdem ein Glas Roten zu trinken, weil man so viel über die gesundheitsfördernde und herzstärkende Wirkung liest. Ich denke, dass ich, wenn ich schon wenig Sport treibe, ersatzweise wenigstens Rotwein trinken sollte, ähnlich wie die Sportmuffel Goethe und Willy Brandt. Sodbrennen ist mein Muskelkater.

Im Regelfall aber werden meine Rotweinflaschen lieben Gästen vorgesetzt. Früher hat das recht gut funktioniert, weil die Menschen noch nicht so maßvoll und bewusst gewesen sind wie heute. Pro Gast und Abend durfte man früher locker zwei Flaschen Rotwein rechnen. Heutzutage trinken die meisten Gäste, weil sie total bewusst sind, nur noch ein bis zwei Gläser. Sie trinken fast nichts – aber raten Sie mal, was in 90 Prozent aller Fälle als Gastgeschenk mitgebracht wird.

Ein Land, in dem das Trinken von größeren Mengen Rotwein als unfein oder unbewusst gilt, das Verschenken von Rotwein aber höchstes Prestige genießt, gerät in einen unauflösbaren Strudel innerer Widersprüche. Es hat sich ein Missverhältnis zwischen Input und Output entwickelt, welches an das Problem der Staatsverschuldung erinnert. Tatsächlich haben sich meine Rotweinvorräte in den letzten Jahren ähnlich exponentiell entwickelt wie das Haushaltsdefizit von Griechenland. Welches Schrankfach ich auch öffne, überall sehe ich Rotwein. Erstmals besitze ich mehr Rotweinflaschen als Socken, Kugelschreiber und Unterhosen zusammengerechnet, und dies, obwohl sämtliche Soßen in meinem Haushalt inzwischen zu 50 Prozent aus Rotwein bestehen.

Noch eine zweite Sache ist beim Schenken wichtig. Man sollte keine Gutscheine verschenken. Man hat kein Geschenk und schreibt schnell einen Gutschein für irgendwas, dieser Gutschein wird wie eine Urkunde zusammengerollt und mit einem Schleifchen verziert. Der Gutschein, für ein Essen, für eine Reise, für ein Kulturereignis oder eine Serviceleistung, wird nach meiner Erfahrung in den meisten Fällen nicht eingelöst, was mal am Beschenkten, mal am Schenkenden liegt. Mein Sohn hat seinen Eltern einmal einen Gutschein mit der Aufschrift "Zehn Mal Katzenklo putzen" geschenkt. Als die Katze starb, in recht hohem Alter, waren von den zehn Malen noch acht übrig. So funktionieren Gutscheine.

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