So eng ist es auf Migingo, dass gelegentlich jemand einem Huhn auf die Kralle tritt. Das Huhn scheißt vor Schreck und hat Mühe, einen neuen Schattenplatz zu finden. Dem Huhn ist heiß, es hat Durst, schnappt nach Luft. Auf dem Felsen riecht es nach Fisch, Urin und Rauch aus vielen kleinen Feuerstellen. Schmale Wege führen zwischen Wellblechhütten hindurch. Wie durch einen Irrgarten. Die silbernen Hütten überziehen fast den ganzen Felsen. Raues Vulkangestein, braunschwarz, mit Blasen und spitzen Ausformungen. Eine Welt auf der Fläche eines Fußballfeldes. Zweitausend Menschen leben und arbeiten auf Migingo Island.

Im Jahr 2004 gehörten Leonard Obala und Joseph Nsubuga zu den ersten Siedlern auf der winzigen Insel Migingo. Früher waren sie noch Freunde, aßen zusammen, schliefen gemeinsam unter freiem Himmel. Es war kalt in der Nacht, die Gewitterstürme tobten. Auf dem Felsen war ein Baum gewachsen. Zusammen fällten sie ihn, bauten eine Hütte. Sie vertrieben die Schlangen. Obala und Nsubuga waren Fischer. Als sie sich kennenlernten, war Nsubuga auf der Suche nach einem besseren Leben. Dafür hatte er seine Familie in Uganda zurückgelassen. Nur ein paar Monate später konnte er schon das dritte Boot kaufen. Leonard Obala, aus Kenia stammend, kam nach Migingo, weil sein Boot von Piraten hierher verschleppt worden war. Er folgte seinem Boot. Als er es im Gewässer nicht weit von Migingo entdeckte, entschloss er sich, auf der Insel zu schlafen. In dieser Nacht kam ihm die Idee, auf dem Felsen Geschäfte zu machen. Hier gab es so viel Fisch. Er verhandelte mit den bewaffneten Entführern, mit seinem Boot fischen gehen zu dürfen, um anschließend mit dem verdienten Geld sein Boot freikaufen zu können. Nsubuga und Obala, beide wussten sie, dass sehr schnell sehr viele Fischer hierherkommen würden, dass das hier ein guter Ort war, der Geld einbringen würde. Klimawandel. Globalisierung. Umweltschäden. Kampf um schwindende Ressourcen.

Migingo Towncenter, 2011. Auf dem kleinen Felsen im Viktoriasee gibt es fast alles. Eine Kirche, eine Moschee, fünfzehn Bars, zwei Schuster, drei Schneider, drei Friseure, zwei Apotheken, einen Arzt (der genau genommen kein Arzt ist), viele Markthändler, ein Kino, mehrere Boutiquen, Restaurants, unzählige Imbisse (Frauen an Kochtöpfen über dem Feuer), eine Tankstelle für die Boote, einen Latrinenbetreiber (macht um 21 Uhr Feierabend), ein Hotel und sehr viel Prostitution. Keine Schule. Ein Zeitschriftenverkäufer läuft den ganzen Tag über die Insel, rauf, runter, rauf, runter, kreuz und quer. Genauso wie die Wasserträger, die in großen Kanistern das Koch- oder Waschwasser aus dem See herbeischaffen. Achthundert Fischerboote sind auf Migingo registriert.

Mit den Fischern kam das Geschäft – und mit dem Geschäft kam der Streit

Business on the rock. Migingo ist wichtig, weil der Viktoriabarsch, den die Menschen hier fangen, nach Europa verkauft wird. In 24 Stunden liegen die Filets in den Fischtheken in Deutschland. Drüben, auf dem Festland von Kenia, hungern immer noch Menschen, verdienen nicht genug für ihre Familien. Auf Migingo verdienen die Fischer gutes Geld. Weil die Fischer in den Fanggründen ihrer Heimatdörfer fast keinen Fisch mehr fangen, ziehen sie hier auf den Felsen. Viele Ufer auf dem Festland sind verschmutzt, riesige Gebiete mit Wasserhyazinthen versperren den Booten den Weg. Es regnet in der Region immer weniger, und viel Wasser verdunstet. Der Wasserstand des Sees sinkt von Jahr zu Jahr. Viktoriabarsche mögen das warme Wasser an den Ufern nicht, ziehen weiter in den See hinein. Im tiefen Wasser um Migingo laufen die Geschäfte für die Fischer gut. Die Einkäufer der Fabriken kommen vom kenianischen Festland nach Migingo. Die Fische werden hier auf ihre Boote verladen und mit Eis gekühlt, sodass die Fischer von Migingo keine weiten Strecken bis zum Festland zurücklegen müssen, weshalb sie sehr viel weniger teures Benzin verbrauchen. Statt zwanzig Litern am Tag nur fünf. Mit den Fischerleuten kamen die Geschäftsleute hierher. Aus Kenia, Uganda, Tansania und Somalia. Und mit dem Geschäft kam der Streit.

Leonard Obala, der Kenianer, in seiner Hütte. Er sitzt mit nacktem Oberkörper auf einem roten Plastikstuhl, legt ein T-Shirt auf seinen dicken Bauch. Der Fernseher läuft. Obala schlägt auf den Tisch, ist wütend. Um ihn herum sitzen seine Vorarbeiter. Schweigsam. Leonard Obala schwitzt, wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Obala: Das ist mein Felsen, mein Land. Die Soldaten aus Uganda behaupten, es sei Uganda. Aber das hier ist Kenia. Vor 2004 war Migingo nur einer von vielen Felsen im Viktoriasee. Wo genau Kenia aufhört und wo Uganda anfängt, ist hier nicht exakt geregelt. Die Grenzziehung zwischen den beiden Staaten stammt aus der Kolonialzeit. Erst seitdem die Fischer hier gut verdienen, ist Migingo für beide Länder interessant. Vorsichtshalber hat Uganda Militär geschickt, die Ugander hissten ihre Flagge. Wem gehört Migingo?

Leonard Obala kämpft um seine Existenz. Vor Kurzem hat er 130.000 Euro in neue Motoren und Netze investiert. Er war der Erste, der auf der Insel ein Haus aus Stein baute. Mit vergitterten Fenstern. Für die Schiffsmotoren. Obala: Hier ist mein Hauptsitz, meine Basis. Mein Business hier ist Fissssch. Fissssch. Fissssch. Fissssch! Und Real Estate, ich bin ein Real Estate Developer auf dem Festland. Ich kaufe Grundstücke und baue Häuser. Das ist teuer. Die ugandischen Soldaten stehlen uns Kenianern auf unserer eigenen Insel den Fisch, verkaufen ihn, stecken sich das Geld in die eigene Tasche. Sie sind korrupt. Sie wollen immer mehr Geld, sie schlagen unsere Leute. Sie haben Waffen, wir nicht.

Leonard Obala redet sich in Rage, schreit mit seiner dunklen Stimme: Die Soldaten aus Uganda drohen den Somaliern, sie sagen, wenn ihr mit den Kenianern arbeitet, bekommt ihr Ärger.