Der polnische Präsident Bronisław Komorowski (links) posiert mit Premierminister Donald Tusk. © JANEK SKARZYNSKI/AFP/Getty Images

Polen hat heute in Europa so gute Karten wie noch nie. Und das insbesondere in Berlin, wo noch vor Kurzem über den launigen Nachbarn im Osten nicht nur hinter vorgehaltener Hand gelästert wurde. Nun schwärmt der Finanzminister Schäuble in Anerkennung des wirtschaftlichen Erfolgs Polens in den zurückliegenden Jahren von blühenden Landschaften in Breslau, wo er kürzlich war. Und der polnische Außenminister Sikorski liest vergangene Woche in Berlin den Deutschen auf eine freundlich-kritische Weise die Leviten: Deutschland habe vom Euro massiv profitiert, deswegen müsse es mehr tun, um ihn zu retten. Nicht die Inflation sei heute die größte Gefahr, sondern der Kollaps der gemeinsamen Währung, predigte Sikorski dem staunenden Publikum, das eine derart engagierte Europarede zuletzt aus dem Munde Joschka Fischers gehört hat. Und noch das: Bei der anstehenden EU-Vertragsreform wird Polen Deutschland voll unterstützen, sobald es zu Rate gezogen wird. So redet keiner, den noch Komplexe eines Bittstellers aus dem osteuropäischen Armenhaus drücken.

Das strahlende Selbstbewusstsein, mit dem sich Warschau heute auf der europäischen Bühne bewegt, ist Ausdruck des Gefühls, in der EU angekommen zu sein. Nach einem jahrelangen wirtschaftlichen und politischen Aufholprozess glaubt Polen, endlich Anschluss an die europäische Avantgarde gefunden zu haben.

Es ist mehr als ein Seufzer der Erleichterung. Das Streben weg von der Peripherie, weg von der Provinzialität und dem geopolitischen Fatum – dieses Anliegen ist im polnischen Europanarrativ von zentraler Bedeutung. »Nichts über uns ohne uns« – so klang das Credo, das Polen unermüdlich in die Mitte drängen ließ und gleichzeitig den Hintergrund der gereizten Reaktionen etwa auf die Ostseepipeline bildete, die in bilateralen Absprachen zwischen den großen Nachbarn geschmiedet wurde. Ein wirtschaftlich starkes und für die Partner politisch interessantes Polen – das war der Fluchtpunkt der Europapolitik Warschaus, dem man sich mit Mühe näherte.

Jetzt stehen wir vor einem bitteren Paradoxon: Während das lang ersehnte Ziel endlich in greifbare Nähe rückt, muss Polen bangen, nicht gleich wieder ins integrationspolitische Vorzimmer verwiesen zu werden. Das Europa, das sich aus der Euro-Krise herausschält, wird eines der zwei oder vielen Geschwindigkeiten sein. Wer den Euro hat, der gehört ins Zentrum, wer (wie Polen) nicht, dem bleibt die Zuschauerrolle zugeteilt. Eine neue Peripherie entsteht, mit einem stolzen Polen als dem größten Verlierer der Euro-Rettungsaktion. Die Zugangshürden zur Euro-Zone werden angehoben, die Mittel aus den Kohäsionsfonds hauptsächlich unter den Mitgliedern des exklusiven Euro-Kerneuropas umverteilt, der Binnenmarkt durch die neuen Grenzen ausgehöhlt: So sieht das Schreckensszenario aus, das Polen bei Stichworten wie »Vertragsreform«, »europäische Wirtschaftsregierung« oder »Elitebonds« fürchten. Jahrelang wurde in Warschau das nie wirklich in Fahrt gekommene Weimarer Dreieck Deutschland-Frankreich-Polen als das künftige Führungstrio der EU ins Auge gefasst. Das war einmal.

Wer sich wundert, dass die krisengeschüttelte Euro-Zone noch immer sehnsüchtig beäugt wird, der muss sich diese politischen Argumente vor Augen führen. »Der Euro ist ein zivilisatorisches Projekt«, hört man in den Regierungskreisen, kein bloßes Wirtschaftsinstrument. Die Regierung will deshalb möglichst schnell in die Euro-Zone, auch wenn ein genaues Beitrittsdatum nicht genannt wird.