Er war viel unterwegs im letzten Jahr, unglaublich viel, in Sydney, Jerusalem, New York, Moskau, Buenos Aires, Seoul, immer im Gepäck: das deutsche Theater. Aber Venedig, das ist was Eigenes für ihn. Letztes Weihnachten hat er hier verbracht, er leitete einen Theater-Workshop, und jetzt, in den ersten Oktobertagen, ist er wieder da. Das Wasser, die Vergänglichkeit, die Melancholie. Thomas Ostermeier sagt: "Das wirklich Besondere an dieser Stadt hat mir ein Bekannter erklärt, der hier lebt. Man kann nicht weglaufen."

Ein gutes Bild für den Anfang: Thomas Ostermeier, der Dauerläufer, hat ziemlich begeistert einen Ort gefunden, von dem er nicht weg kann.

Er steht im Palazzo des Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti, in ein paar Minuten beginnt die Vorstellung. Er trägt einen alten Parka, er trägt ihn eigentlich immer, amerikanischer Parka, für 15 Euro hat er ihn auf dem Flohmarkt gekauft, sagt er. Sein Gesicht ist gerötet. War es die Oktobersonne, oder ist es die Nervosität, die in den Kopf steigt? Er redet mit den Zuschauern, wie sie sitzen oder stehen sollen in dem großen Raum, damit sie richtig sehen, er erklärt die verschiedenen Sprachen, die zu hören sein werden, Englisch, Italienisch, Deutsch. Es ist ein besonderes Theaterexperiment bei der Kunstbiennale in Venedig: Sieben internationale Regisseure inszenieren in sieben historischen Gebäuden kurze, halbstündige Vorstellungen, die sich alle um ein Thema drehen, eigentlich um sieben Themen, nämlich die Todsünden. Die Aufgabe lautete: Jeder Regisseur soll entscheiden, was für ihn heutzutage die größte Todsünde ist.

Ostermeier hat die Pädophilie gewählt, den Missbrauch von Kindern. Sein Zugang ist ungewöhnlich, er macht zum Kern seiner Inszenierung einen Ausschnitt aus dem Tod in Venedig von Thomas Mann, den orgiastischen, über alle Grenzen gehenden Traum der Hauptfigur Gustav von Aschenbach, der sich in die körperliche Liebe mit einem Knaben hineindenkt. Der große Schauspieler Josef Bierbichler spielt Aschenbach. Die Vorstellung beginnt. Bierbichler sitzt an einem Tisch, alleine, am Nebentisch junge, bestens gelaunte Menschen. Man hört den Traum, und es passt wunderbar, dass durch die Fenster des Palazzo der Canal Grande zu sehen ist, vorbeiziehende Gondeln, das Wasser. Irgendwann fängt der verzweifelte, berauschte Bierbichler an, ein Lied von Mahler zu singen.

"Man muss sich das vorstellen: Die Deutschen verehren einen Dichter, vielleicht wie keinen sonst, der sich traumhaft in die körperliche Liebe mit einem Knaben denkt. Und darf man fragen, ob ein solcher Dichter diese Verehrung verdient, ob so jemand verehrt werden darf?"

Thomas Ostermeier liebt die großen Fragen, es geht bei ihm immer ums ganz Große. "Oder muss man Thomas Mann dafür bewundern, was er mit diesem Text riskiert hat, über alle Extreme hinaus? Und man kann fragen, ob ein heutiger Autor für so was nicht zerfetzt werden würde. Nehmen wir als Beispiel Peter Handke: Dem wurden Preise aberkannt wegen umstrittener politischer Äußerungen zum Jugoslawienkrieg. Ich glaube, ein Thomas Mann hätte keine Chance in unseren vor lauter Korrektheit erstarrten Zeiten."

Ostermeier holte sich mit Bierbichler einen der besten, radikalsten Schauspieler, der schon mal einem Kritiker Prügel androht, aber auch einen viel beachteten Roman über seine Familiengeschichte geschrieben hat. Sie sind beide Bayern, Bierbichler kommt aus der Gegend am Starnberger See, Ostermeier aus dem tiefen Niederbayern. Ostermeier erzählt, sie seien bei einer früheren Arbeit nach einer missglückten Generalprobe aneinandergeraten, als er Bierbichler vorwarf, er spiele selbstgefällig und weit unter seinen Möglichkeiten. "Da hat er zu mir gesagt: ›Ostermeier, du bist ein solches Arschloch, du bist ein noch viel größeres Arschloch als der Zadek.‹" Mit dem Regisseur Peter Zadek hatte Bierbichler früher einmal gearbeitet. "Aber jetzt in Venedig hat er zu mir gesagt: ›Ostermeier, du bist doch kein Arschloch. Das sehe ich jetzt anders.‹" Ostermeier lacht ein tiefes Lachen, es klingt wie ein jäh dröhnender Paukenschlag.

Die großen Fragen. Irgendwann sitzen wir in Berlin in einem italienischen Restaurant beim Abschlussgespräch nach einem langen Jahr, in dem ich ihn begleitet habe. Wir trinken Wein, essen Fisch, und der Wirt fragt ihn, ob er Freunden von ihm Karten besorgen könne für den ausverkauften Hamlet der Schaubühne, Ostermeiers Theater. Beim ersten Gespräch hatten wir festgelegt, dass dieses Porträt auch um die Fragen kreisen wird, was an dem Künstler Thomas Ostermeier deutsch sei, und ob man etwas von Deutschland im Jahre 2011 versteht, wenn man etwas über ihn, den 43-Jährigen mit der sehr deutschen Biografie, versteht? Jetzt, gut zwölf Monate später, sagt er, vielleicht habe dieser Moment im Tod in Venedig schon sehr viel mit den Deutschen zu tun, "mit uns Deutschen: die Sehnsucht, die einen ins Verderben zieht, und die Angst vor dieser Sehnsucht".