Der Künstler in Peking © PETER PARKS/AFP/Getty Images

Laut wird er sprechen, haben wir gedacht. Er, der gewohnt ist, ein Megafon in der Hand zu halten. Doch dann ist es, als habe man auf dem Weg zum Strand stürmische See erwartet, und als man hinkommt, erzählt das Meer ganz leise. Der erste Wintertag in Peking, Schnee fällt auf die Stadt. Vor der petrolfarbenen Tür seines Studios in Caochangdi saßen früher Beamte in Zivil, heute parkt dort ein Einsatzwagen der Sicherheit. Ein zweiter fährt vorbei. Ein dicker Hund im Strickpulli stromert neben etlichen Katzen durch das Studio, die keinen Zweifel daran lassen, wer die wahren Herrscher am Platz sind. Als sich Ai Weiwei an den Tisch setzt, dick der Wintermantel, lang der Bart, glaubt man einen Moment lang, einen Zivilisationsflüchtling vergangener Zeiten vor sich zu haben. Einen Dichter oder Kalligrafen, den es in Wald und Berge zog, fernab der Launenhaftigkeit des Kaisers. Vielleicht auch einen taoistischen Wandermönch. Ai ist aufmerksam, ganz da. Er spricht leise, seine Augen sind warm.

»Wenn ich auf dieses Jahr zurückblicke, kann ich selber nicht glauben, was passiert ist. Würde ich meine Memoiren schreiben, würde dieses Jahr die Hälfte des Buchs ausmachen. Ich glaube, ich werde bald ausgebrannt sein.« Denn wie lange könne man unter solchen Umständen durchhalten? Die Umstände, das sind seine Festnahme am 3. April und die 81 Tage Haft an einem unbekannten Ort , angeblich wegen Steuerhinterziehung. Freigelassen, erwartete Ai eine Nachzahlungsforderung von umgerechnet 1,7 Millionen Euro . Vergangene Woche wurde Ais Frau Lu Qing verhört und das Büro eines Anwalts durchsucht.

Es war ein Jahr, in dem die Hardliner, die Verfechter einer unbeschränkten Polizeigewalt, ihre Macht weiter ausbauen konnten. Viele Bürgerrechtler und Aktivisten bekamen das zu spüren, die Regierung war nervös, sie fürchtete, die Volksaufstände in den arabischen Ländern könnten auf China überspringen. »In den 81 Tagen, die sie mich festhielten, gab es etwa 50 Verhöre. Wir sprachen über alles, über meine Jugend, die Schule, darüber, wen ich kenne. Ich glaube, in 20 Tagen erinnerst du dein ganzes Leben. Nach einer Weile ist dein Hirn einfach leer«, sagt Ai. Das Thema der meisten Verhöre sei sein politisches Umfeld gewesen. »Sie sagten mir klar: Es geht um Subversion der Staatsmacht. Und sie sagten auch: Wir werden die Steuern, wir werden deinen Lebensstil nutzen. »Sie wollen wissen, ob ich von einer ausländischen antichinesischen Geheimorganisation unterstützt werde. Doch ich bin nur ein Individuum. Das stört sie am meisten.«

Von der weltweiten Solidaritätskampagne , die seine Freilassung forderte, wusste Ai nichts. »Nicht ein einziges Wort.« Denn wie viele andere, die im Frühjahr verhaftet worden waren, wurde auch Ai unter Arrest an einem unbekannten Ort gestellt. Ohne dass seine Familie gewusst hätte, wo er sich aufhielt. Ohne dass er Zugang zu einem Anwalt gehabt hätte. Er war isoliert, bis auf einen kurzen Besuch seiner Frau. Die Regierung bestand darauf, dass alles nach Recht und Gesetz verlief. Ganz richtig war das nicht: Laut Paragraf 53 der Strafprozessordnung ist dieser Arrest nur dann möglich, wenn der Verdächtige keinen festen Wohnsitz hat. Der Entwurf einer neuen Strafprozessordnung versucht das zu ändern. Gelingt das, würde es bedeuten, dass die Polizei bestimmte Verdächtige bis zu sechs Monate lang verschwinden lassen kann. Ganz legal.

Mit den Bewährungsauflagen verpassten die Behörden Ai einen Maulkorb: Er darf nicht mehr bloggen, Interviews geben oder Peking verlassen. Er spricht trotzdem mit Journalisten. »Ich sagte ihnen, wenn sie nicht Extradruck auf uns ausüben würden, wäre ich nicht so aktiv. Doch ich will diskutieren, sonst glauben die Menschen wirklich, ich hätte das Gesetz gebrochen.« Sie hätten ihn gebeten: Rede weniger, sonst wird es dich ruinieren. »Sie glauben, ich sei ein Symbol des Westens oder dass mich jemand mit antichinesischen Absichten benutzen würde. Sie sagen: »Wenn sie dich benutzen, dann geht es nicht darum, ob du etwas richtig oder falsch machst. Wir haben einfach keine andere Wahl, als dich niederzuschlagen.«

Er solle seine Sorgen einfach runterschlucken. »Wenn es um die Interessen der Nation geht, warum kannst du nicht ein bisschen leiden?«, habe man ihn gefragt. Doch Schweigen ist genau das, was Ai nicht will. »Ich respektiere Menschen gerade, weil sie klar sagen, was sie denken und andere wissen lassen, dass wir nicht so gut darin sind, Dinge zu verheimlichen.« Das Schönste, was die Menschheit hervorgebracht habe, seien Dichtung, Kunst, Film. Und immer gehe es um Kommunikation. »Alle Verbrechen drehen sich um die Unterdrückung der Kommunikation«, sagt Ai. »Vielleicht machen wir Fehler, aber es ist besser, als zu schweigen. Alle Verbrechen werden im Schweigen begangen.«