DIE ZEIT: Herr Ulbig, Sie sind bekannt geworden als Bürgermeister, der es in Pirna mit den Neonazis aufgenommen hat. Konnte es einen wie Sie noch überraschen, dass es in Deutschland Rechtsterrorismus gibt?

Markus Ulbig: Ich bin sicher nicht der Typ, der jetzt behauptet, er hätte vieles vorher gewusst. Allerdings war uns allen klar, dass in Deutschland mehr Menschen durch rechtsextremistisch motivierte Morde zu Tode gekommen sind als beispielsweise durch islamistischen Terrorismus. Jeder wusste: Es gibt eine gewaltbereite neonazistische Szene. Den Schluss, dass es eine derartige Radikalisierung geben würde, konnte man zwar nicht ziehen; die Waffen- und Sprengstofffunde bei den 2001 verbotenen "Skinheads Sächsische Schweiz" zeigten aber, in welche Richtung es mit derartigen Gruppen gehen kann. Diese immense Gewaltbereitschaft ist keine neue Erkenntnis.

ZEIT: Sie haben gesagt, die letzten Wochen hätten etwas verändert in unserem Land. Was?

Ulbig: Wir müssen den Rechtsextremismus in Deutschland neu bewerten. Und wir müssen uns die Frage stellen, warum wir erst jetzt auf die Idee kommen, den Rechtsterrorismus mit jenen Mitteln zu bekämpfen, die schon im Kampf gegen islamistischen Terror erfolgreich angewendet wurden. Dort ist es uns durch bundesweite Ermittlungen in den vergangenen zehn Jahren gelungen, mindestens acht Anschläge zu verhindern. Dieses Konzept müssen wir schleunigst auf den Rechtsterrorismus übertragen. Man hat das Neonazi-Problem bisher zu regional betrachtet. Es bedarf übergeordneter Koordinierung.

ZEIT: Das Terror-Trio lebte jahrelang in Zwickau, unbehelligt vom sächsischen Verfassungsschutz. Was nützt uns eine so hilflose Behörde?

Ulbig: Die Frage muss sich der Verfassungsschutz ganz klar gefallen lassen. Die Aufklärung steht aber am Anfang. Solange nicht alle Zusammenhänge ermittelt sind, kann ich keine entlastenden Argumente vorbringen. Sicher ist: Es hätte alles viel besser laufen müssen. Jetzt muss der Bundesanwalt ermitteln, wie viele Unterstützer wirklich am "Nationalsozialistischen Untergrund" hängen, an dieser Zelle. Wie viele Leute wussten von den Morden? Je größer deren Zahl, desto größer ist auch das Versäumnis des Verfassungsschutzes. Ich warne jedoch vor dem vorschnellen Urteil: "Weil es an dieser Stelle nicht funktioniert hat, ist der Verfassungsschutz überflüssig." Es gibt viele Fälle, in denen er wichtige Erkenntnisse gewonnen hat. Ich habe im Vorfeld der Innenministerkonferenz darum gebeten, eine Gesamtschau erstellen zu lassen von Situationen, in denen der Verfassungsschutz Schlimmes verhindert hat.

ZEIT: Viele Probleme sind wohl auf schlechte Absprachen zwischen den Verfassungsschutzbehörden, insbesondere jenen Sachsens und Thüringens, zurückzuführen. Wie rechtfertigen Sie jetzt noch, dass die Zuständigkeit Ihres Landesamts 20 Kilometer westlich von Zwickau endet?

Ulbig: Die Sicherheitsarchitektur der Bundesrepublik muss an einigen Stellen neu strukturiert werden. Grundsätzlich ist die Länderzuständigkeit vernünftig, wir haben ein föderales System. Es darf aber nicht sein, dass einer auf seinen Informationen hockt. Diese müssen in ein Netzwerk eingespeist werden, das vom Bund betrieben und täglich ausgewertet wird, aus übergeordneter Perspektive. An einem Punkt indes sollten die Länder ihre Zuständigkeit ganz abgeben.

ZEIT: Welcher soll das sein?

Ulbig: Die Überwachung von neonazistischen Netzwerken im Internet. Wir brauchen neben den eigentlichen V-Leuten auch eine Art "elektronischen V-Mann", der aus den Internetforen der Rechtsextremisten berichtet. Der Rechtsstaat kann dort nicht hilflos vor der Tür stehen bleiben. Und das Internet kennt keine Ländergrenzen. Muss denn jedes Land eigene Kapazitäten haben? Nein, es sollte eine Konzentration dieser Zuständigkeit auf Bundesebene geben.