Das Buchcover zeigt uns einen Menschen, der nicht der Norm entspricht. Den Menschen sehen wir nicht, aber wir sehen sein Elektrokardiogramm, es gibt Unregelmäßigkeiten, verschobene oder ausbleibende Wellen und Senkungen. Dieses verrutschte EKG wird von der Nadel in der Rille einer alten Schallplatte hinterlassen. Aufregung? Unbehagen? Euphorie? Offenbar gibt es, will uns dieses Cover bedeuten, einen Zusammenhang zwischen Musik und der Physiologie ihres Hörers. Das haben wir immer schon gewusst, ganze Bibliotheken haben sich dem Thema gewidmet, was Musik mit dem Menschen anstellt. Dieses Buch geht über das Individuum hinaus. Ihm geht es um die Welt und darum, wie Musik sie im Innersten zusammenhält, verändert, beseligt, tröstet, beschwingt, aufregt; wie sie ihre Ordnungen bestimmt und korrigiert.

Das Opus des amerikanischen Musikers, Autors und Neurowissenschaftlers Daniel J. Levitin trägt den Titel Die Welt in 6 Songs und will beweisen: Warum Musik uns zum Menschen macht. Das klingt einfach, doch die Materie wird komplex. Wir unternehmen neuroanatomische Ausflüge, starren gebannt in den präfrontalen Kortex, ins Cerebellum und in die Basalganglien, wir schlürfen Neurotransmitter und Hormone, unablässig feuern Neuronen – dies ist das Standardvokabular, ohne welches kein Werk auskommt, das sich aufgeklärt neuropsychologisch gibt. Levitins Lieblingsbotenstoff ist Oxytocin, das beim Hören von ergreifender Musik ebenso ausgeschüttet wird wie beim Orgasmus. Gleichwohl ist es ein Glück, dass Levitin Ahnung von diesen Prozessen hat, darin gleicht sein Buch ähnlichen Werken, etwa Manfred Spitzers Musik im Kopf, Robert Jourdains Das wohltemperierte Gehirn oder Oliver Sacks’ Der einarmige Pianist .

Es sind nicht einfach sechs Lieder, die Levitin als Anker auswirft, sondern Sinngruppen. Sie beschäftigen sich mit den Themen Freundschaft, Freude, Trost, Wissen, Religion und Liebe. Gleich auf der ersten Seite gibt sich der Autor fast angeberhaft als Überblicker diverser Genres zu erkennen, es geht um Beethovens Neunte, Buckelwal-Gesänge oder Folklore aus Nordafrika und Peru . Später benennt Levitin die sechs wichtigsten Lieder und Alben seines Lebens: Autobahn von Kraftwerk, Beethovens Pastorale, Revolver der Beatles, Through My Sails von Neil Young , The Great Gig in the Sky von Pink Floyd sowie Night and Day von Stan Getz. Vor diesem Panorama der Kunstvielfalt spielt sich das Buch ab, es reist mit Musik im Rucksack zu den Methoden der Neurologie und Linguistik (warum fallen uns gesungene Reime so leicht ein), visitiert Erkenntnisse der Anthropologie (wie konnte Musik das evolutionäre Profil der Menschen prägen) oder greift Errungenschaften der Soziologie auf (wie haben Songs das Zusammenleben in Gesellschaften gestaltet).

Als rotes Band der Erkenntnis leuchtet Levitins These: Musik beschleunigt Rituale im privaten und öffentlichen Leben, sie formt Gruppen und durchglüht sie; sie ist Marker kognitiver Entwicklungen; sie ist vehement am Umbau des Gehirns beteiligt. Gut beobachtet, dass Kinder erst im schulpflichtigen Alter die eigene Stimme gegen andere behaupten können. Nicht nötig ist es übrigens, dass der Leser Noten kennt; der Autor beschreibt kleine und große Sensationen, die Musik auslöst, etwa am Exempel von Edward Elgars Pomp and Circumstance mit faszinierender Ausführlichkeit.

Hinreißend die Beobachtungen, die viele Leser teilen werden: die sprühende Freude, die ein vertonter Werbetrailer wie bei Nichts geht über Bärenmarke auslöst; die kindliche Wissenshäufung in Backe, backe Kuchen; die Kraft von Trostliedern, die ein unsichtbares Band zwischen Komponist und Hörer spinnen und dessen Autosuggestion beflügeln – Wenigstens einer da draußen, der mich in meinem Kummer versteht! Kopfnickend wohnt man auch Levitins Ausflügen in die Weltpolitik bei, etwa zum Vietnamkrieg und zu den legendären Songs von Neil Young und Crosby, Stills & Nash, die sich zum Soundtrack des amerikanischen Protests gegen einen aberwitzigen Krieg erhoben. Dass Mütter ihren Kindern Wiegenlieder vorsingen, hängt übrigens mit zweierlei zusammen: Das Kind möge einschlafen, und die Mutter selbst sehnt sich nach ihrem Seelenfrieden in einem Moment, da das Kind wieder zu weinen beginnt.

Man staunt über Levitins Plattenregal, dessen Reichtum er vor uns ausbreitet wie vor einer ersten Freundin. Schade nur, dass er sich fast ausschließlich auf Lieder, also vertonte Texte, bezieht. Die welt- und menschenverändernde Musik des Abendlandes war ja zu großen Teilen instrumental, von Beethoven bis Mahler, von Jazz bis House. Auch sie sorgt mitunter für deutliche Veränderungen im Gemüt – und im EKG.