Die plötzliche Krise stürzt Amerika in eine tiefe Depression. Überall herrscht Unsicherheit, die Börsen brechen zusammen, die Wirtschaft befindet sich schnell im freien Fall. Die Verschuldung erreicht unvorstellbare Ausmaße, Millionen Menschen werden arbeitslos. Einer von ihnen ist Charles B. Darrow, Installateur und Heizungsbauer, der mit seiner Frau Esther in Germantown, einem Stadtteil von Philadelphia, lebt. Die beiden vertreiben sich die erzwungenermaßen reichliche freie Zeit beim Gesellschaftsspiel mit einem befreundeten Paar. Dessen Atlantic City Game, ein handgefertigtes Spiel um Grundbesitz und Vermögen, leiht sich Darrow aus und baut es nach; aus Holz sägt er Miniaturhäuser zurecht, die er grün oder rot bemalt. Die Spielwarenfirma, der er sein Produkt zum Vertrieb anbietet, lehnt ab; »52 schwerwiegende Fehler« listet deren Chef George Parker auf. Darrow schafft es stattdessen ins Weihnachtsgeschäft eines exklusiven Warenhauses, wo seine Spiele rasch ausverkauft sind, für teure drei Dollar je Exemplar. Parker greift daher doch noch zu; Darrow handelt eine Provision statt einer Einmalzahlung für sein patentiertes Produkt aus. Alsbald werden 20000 Stück pro Woche verkauft, Darrow wird zum Millionär – und von damals, 1935, bis heute hat das Spiel mit dem Namen Monopoly sagenhafte 275 Millionen Käufer in aller Welt gefunden, seit 2001 auch in einer chinesischen Version.

Monopoly ist also ein Kind der Krise. Und die Karriere dieses Brettspiels in den Jahrzehnten nach dem Börsencrash von 1929 mit anschließender Weltwirtschaftskrise ist nicht nur eine Erfüllung des ewigen Amerikanischen Traums. Monopoly – das ist vielmehr ein kapitalistisches Märchen, dessen Erzählung uns in diesen Wochen, in denen der Kapitalismus erneut von einem Beben erschüttert wird, bei aller Ironie eigentümlich nahegeht: ein Brettspiel als Parabel auf die Ökonomie, bei dem wie im richtigen Leben von Menschen oder nunmehr auch Staaten ein falscher Zug – auf die Schlossallee mit einem Hotel beispielsweise – den Ruin bedeuten kann, schicksalhaft und kaum steuerbar. Aber erklärt dieser Nervenkitzel bereits den Erfolg?

»Es gehört zu den Geheimnissen von Monopoly, dass es mehr ist als ein Gesellschaftsspiel«, verkündet Andreas Tönnesmann. Im Büro des Professors für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich stapeln sich die Monopoly-Varianten aus diversen Ländern. Seine Leidenschaft für dieses Spiel seit Kindertagen hat der Renaissance-Kenner nun in ein geistvoll-gewitztes, stilistisch geschmeidiges Buch verwandelt, das zudem mit zahlreichen Abbildungen glänzen kann. Sogleich gibt der Autor zu, dass Monopoly eigentlich »ohne intellektuellen oder pädagogischen Ehrgeiz« ist. Gleichwohl kennt jeder Spieler das Urerlebnis des finanziellen Desasters, das durch »die vernichtende Botschaft« auf einer speziellen Ereigniskarte ausgelöst wird: »Rücke vor bis zur Schlossallee.« Dort sind dann oft unbezahlbare Mieten fällig.

Augenzwinkernd und detailverliebt erzählt Tönnesmann die Monopoly-Story. Seit 1900 entstanden in Amerika diverse Vorläufer des Spiels um den Erwerb von Grundstücken in einer idealtypischen Stadtlandschaft; schnell entpuppt sich Charles Darrow somit als simpler Plagiator, der sogar Druckfehler seiner Vorbilder auf das eigene Spielfeld übernahm. Doch dem Mythos Monopoly vermag der kapitalistische Sündenfall nichts anzuhaben; nach dem Zweiten Weltkrieg, parallel zum Wirtschaftsaufschwung, kann das Spiel seinen globalen Siegeszug antreten. Eine deutsche Ausgabe war 1937 gefloppt; es gibt das Gerücht, Goebbels sei dagegen vorgegangen. In Theresienstadt kreierten die jüdischen Brüder Micha und Dan Glass eine eigene Variante unter dem Titel »Ghetto«, von der man noch heute ein Exemplar in Jad Vaschem sehen kann. So wie Elvis Presley oder James Dean wird das Spiel nach 1945 zum »Identifikationsobjekt des American Way of Life« – prompt gibt es nach 1968 kritische Gegenspiele namens »provopoli« oder »Klassenkampf«, gegen deren »durch und durch unterhaltungsfreie, staubtrockene Methode« unser Monopolyst genüsslich polemisiert.