Menschen sind merkwürdige Wesen. Sie verfügen über ein hoch entwickeltes Denk- und Wahrnehmungsvermögen und können ihre Umwelt vom fernsten Stern bis zum kleinsten Atom präzise vermessen. Wenn es aber um die eigene Person geht, sind sie mitunter für das Offensichtlichste blind. Dann scheinen all ihre kognitiven Fähigkeiten nur dazu zu dienen, sich die Wahrheit schönzureden.

Das zurückliegende Jahr bot für diese These reichhaltiges Anschauungsmaterial. Die Realitätsverweigerung arabischer Diktatoren, das Lavieren angesichts der Euro-Krise oder die Guttenberg-Affäre – scheinbar grundverschiedene Themen, die doch eine Gemeinsamkeit verbindet: Immer wieder erwiesen sich die Protagonisten als unfähig, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Al-Gadhafi und Mubarak etwa wähnten das Volk selbst dann noch hinter sich, als dieses in den Straßen lauthals deren Sturz forderte; die Politiker Griechenlands und anderer Euro-Staaten spielten die Schuldenkrise so lange herunter, bis das Finanzloch die gesamte Währungsunion zu verschlingen drohte; und Karl-Theodor zu Guttenberg beharrt noch immer darauf, dass die über tausend Plagiatsfragmente ohne jede Absicht in seine Doktorarbeit hineingeraten seien – obwohl die Universität Bayreuth und der gesunde Menschenverstand längst das Gegenteil sagen. Da fragt man sich: Wie können intelligente Köpfe so beharrlich die Realität verdrängen?

Die Antwort auf diese Frage gibt ein neues Buch. Deceit and Self-Deception heißt das (bislang nur auf Englisch erschienene) Werk des amerikanischen Evolutionsbiologen Robert Trivers: »Täuschung und Selbsttäuschung«. Obwohl der Betrug so alt wie die Menschheit sei, fehle bislang noch immer eine kohärente Theorie dafür, schreibt Trivers. Diese Lücke will er schließen. Anhand zahlreicher Beispiele aus Biologie und Psychologie, Politik und Alltag zeigt Trivers, wie häufig wir die Wahrheit verdrehen; und dass wir dies nicht nur gegenüber anderen tun, sondern oft auch uns selbst gegenüber.

Mehr als 90 Prozent aller Professoren halten sich allen Ernstes für überdurchschnittlich gute Pädagogen, und 70 Prozent aller Schüler denken, sie seien klüger als die Mehrheit. Nahezu alle Menschen – Männer wie Frauen – identifizieren sich eher mit einem drastisch geschönten Porträt ihrer selbst als mit einem realistischen Foto. Börsenmakler überschätzen in der Regel ihre analystischen Kenntnisse, Männer ihre Fähigkeiten als Liebhaber. Und das Verrückteste ist, dass dieser Selbstbetrug häufig nützlich ist. Denn um andere von den eigenen Vorzügen zu überzeugen, hilft es, vor allem selbst an diese zu glauben. Anders gesagt: Wer Erfolg haben will, tut gut daran, sich für besser, klüger und schöner zu halten, als er tatsächlich ist.

In der Evolution hat sich diese Strategie als recht erfolgreich erwiesen (sonst wären wir nicht so eine Spezies von Aufschneidern). Dabei nimmt die Wirkung der psychologischen und neurologischen Mechanismen des Selbstbetrugs mit höherer Intelligenz und Machtfülle nicht etwa ab, sondern zu.

Klingt gewagt? Robert Trivers ist für gewagte Thesen bekannt. In seiner Zunft genießt der 68-Jährige den Ruf, auf schmalem Grat zwischen Genie und Wahnsinn zu wandeln. Im Alter von 21 Jahren wird ihm eine bipolare Störung attestiert. Gleichwohl bezeichnen ihn Kollegen als »einen der einflussreichsten Evolutionsbiologen seit Charles Darwin«. In den 1970er Jahren begründet er in Harvard mit anderen Forschern die »Soziobiologie«, die menschliches Sozialverhalten auf die Biologie zurückführt – eine der einflussreichsten (und umstrittensten) Theorien der Biologie. Doch während andere den Ruhm dafür einheimsen, verkracht sich der ebenso streitbare wie verletzliche Trivers mit nahezu allen Kollegen.