Gleich hinterm Fensterglas beginnt die Wüste. Die Luft flirrt vor Hitze, in der Ferne breiten sich die endlosen Sanddünen der Gobi aus. Einst zogen hier die Karawanen der Seidenstraßen entlang, müde, verschwitzte Händler, voll Sehnsucht, die Oase Dunhuang zu erreichen. Es ist still in Ren Taos Büro, so still, dass man seine Zigarette knistern hören kann. Auf seinem Schreibtisch steht ein Bild, grüne, sanfte Hügel, Südchina. Immer hängen sich die Menschen die Sehnsucht ins Zimmer. In den Tropen nageln sie gerahmte Schneelandschaften an die Wand, in Europa Palmenstrände und in der Wüste frisches Grün. Ren Tao hat etwas vom letzten Wachsoldaten auf der äußersten Bastion der großen Mauer. Er besitzt die gelassene Stimme eines Menschen, dem alle Zeit der Welt gehört, seine Bewegungen sind langsam wie die einer gerade erwachten Katze. Nur, dass Ren im Gegensatz zum Wachsoldaten nicht auf einfallende Reitervölker wartet. Sondern darauf, dass sich die Solarzellen seines Kraftwerks mit Sonnenenergie füllen. Stark ist die Sonne hier, sie färbt die Haut innerhalb kürzester Zeit dunkel, in China gibt es nur im Hochland von Tibet und Qinghai bessere Sonnenenergie.

»Wir«, sagt Ren und streckt seine Glieder, »waren die Ersten. Das Modellprojekt.« Am 30. September 2009 startete die Solaranlage Dunhuang, deren Manager er ist, ihren Betrieb. Als erste Solaranlage Chinas. Und damit ist man schon beim ersten Paradox des chinesischen Solarmarktes.

Chinas Solarmodulhersteller beliefern die ganze Welt. Sie bestreiten fast die Hälfte der globalen Umsätze und streichen rund 60 Prozent der Gewinne ein, die in der Branche gemacht werden. Unter den Top Ten der wachstumsstärksten Solarunternehmen finden sich acht aus China und Taiwan, aber kein einziges aus Deutschland. Und ausgerechnet ein Solargigant beginnt so spät mit einem kleinen 20-Megawatt-Kraftwerk in Dunhuang, Provinz Gansu?

»Sonnenenergie ist viel teurer als Wasser, Wind oder Kohlekraftwerke, die Investition ist hoch«, sagt Ren. »Deswegen hat man sich Zeit gelassen.« Inzwischen aber sei so gut wie jeder große Fluss mit Staudämmen zugebaut, die Regierung müsse andere Energieformen entwickeln. Und das tut sie in rasender Geschwindigkeit.

China ist der größte CO₂-Verschmutzer der Welt. Lange hat sich das Land dagegen gesperrt, rechtlich verbindliche Begrenzungen seiner Emissionen einzugehen, es berief sich stets auf seinen Status als Entwicklungsland. Diesen Montag aber erklärte der Chef der chinesischen Delegation auf der Klimakonferenz in Durban erstmals, dass Peking bereit sei, einem rechtlich verbindlichen Abkommen zuzustimmen , das alle Länder einschließe. Es würde dies aber nur tun, wenn fünf Voraussetzungen erfüllt seien – und wahrscheinlich nicht vor 2020. Zuerst sollten sich die EU und andere Länder zu einem rechtlich verbindlichen Abkommen nach dem Kyoto-Protokoll verpflichten. Entwickelte Länder sollen ärmere Länder finanziell unterstützen, damit diese ihren Klimaverpflichtungen nachkommen können. Und die Fähigkeiten jedes Landes, seinen Teil gegen die Klimaerwärmung zu tun, sollten berücksichtigt werden.

Peking hatte bereits auf der Klimakonferenz von Kopenhagen gelobt, seine Emissionen pro Einheit des Bruttosozialprodukts bis 2020 um 40 bis 45 Prozent zu senken, gemessen am Stand von 2005. Vor Kurzem untersuchte die deutsche Beratungsfirma Ecofys dieses Versprechen und kam zu dem Schluss, dass China seine Ziele womöglich sogar übererfüllen wird. Trotzdem würde das Land mehr verschmutzen als geplant, denn die Wirtschaft wachse schneller als gedacht. Noch bezieht China vier Fünftel seiner Energie aus Kohlekraftwerken. Mancherorts ist die Verschmutzung lebensbedrohlich, sie gilt neben illegalen Landnahmen als Hauptgrund für unzählige Proteste im ganzen Land.

Normalerweise werden Industrieländer erst reich und dann grün. China muss grün werden, bevor die meisten Chinesen reich geworden sind. Bis 2015 soll der Anteil der nichtfossilen Energieformen auf 11,4 Prozent des Energiemixes steigen, bis 2020 sollen es 15 Prozent sein. Im vergangenen Jahr waren es 9,5 Prozent. Nichtfossile Energien, dazu zählen Wasser, erneuerbare Energien und Kernkraft. Umweltschützer sind nun gespannt, ob nach dem Unfall in Fukushima der Anteil der Kernenergie gesenkt und jener der erneuerbaren Energien steigen wird. Die Solarenergie jedenfalls wächst schneller als vorgesehen. »2007 plante man noch 1,8 Gigawatt (also 18.000 Megawatt) installierte Solarkapazität bis 2007. Der neue Plan sieht bereits 5 bis 10 Gigawatt für 2015 vor«, sagt Yan Li, Klimacampaignerin von Greenpeace China. Die Entwicklung der Windenergie habe die Ziele der Regierung schon ein paar Mal übertroffen, »und wir haben große Hoffnung, dass das auch bei der Solarenergie so sein wird«. In diesem Jahr soll die landesweite Kapazität drei Gigawatt betragen. Überall im Land werden Solarparks eröffnet, der größte wird derzeit in Golmud, Qinghai, gebaut.