Jeder Computer kann zur Wanze werden, jedes Handy zum Sender in der Hosentasche – jedenfalls mit der richtigen Software. Wer die nötigen Programme besitzt , kann E-Mails mitlesen, Telefonate abhören, Personen orten. In einigen Ländern hängen nicht bloß empfindliche Gefühle an solchen Daten, sondern in manchen Fällen das Leben.

Wenn Regierungen ihre Feinde digital verfolgen und aufspüren, ist klar: Krieg wird nicht mehr nur mit Waffen geführt, sondern auch mit Spyware, Spionage-Software. Auch deutsche Firmen programmieren solche Technik und gehören zu den führenden Anbietern auf der Welt.

Dokumente aus mehreren Firmen zeigen, was heutzutage möglich ist: Rundumüberwachung. Es ist ein kleines Wort für eine beunruhigend machtvolle Technik. Die Firma Elaman aus München wirbt mit der Möglichkeit, SMS mitzulesen und Anrufe mitzuhören. Die Daten würden dann an ein »strategisches Überwachungszentrum« nach Wahl geschickt. Die Software sei in der Lage, bis zu »200 Millionen SMS pro Tag zu verarbeiten«.

Von der deutsch-britischen Firma Gamma waren schon vor Wochen Unterlagen aufgetaucht, denen zufolge sie den ägyptischen Sicherheitsdiensten ihre Überwachungssoftware angeboten hat. Das von Gamma vertriebene Programm FinFisher hätte es den Schergen des damaligen Präsidenten Hosni Mubarak ermöglicht, selbst verschlüsselte Internettelefonate bei der populären Software Skype abzuhören. Elaman und Gamma gehören eng zusammen.

Auch die süddeutsche Firma Trovicor preist eine Software, deren »Einsatz vom Auffangen der Kommunikation in Fest-und Mobilnetzen bis zu Netzwerken der nächsten Generation und Internet« reicht. Trovicor sagt, man sei derzeit auf einer Messe und könnte erst danach Stellung nehmen. Elaman antwortete bis Redaktionsschluss auf Anfragen nicht.

Der Mensch ist gläsern, er weiß es nur nicht. Doch die Enthüllungsplattform WikiLeaks hat nun zusammengetragen, welche Firmen weltweit an der Überwachung verdienen. In der vergangenen Woche veröffentlichte sie 238 Dokumente von Software-Firmen aus aller Welt. Allgemeine Broschüren, für Kunden angefertigte Präsentationen und Newsletter geben Einblicke in eine Branche, die ihr Geld damit verdient, Computer zu infiltrieren. Doch die Programme können noch mehr. In ihrem Werbematerial preisen die Unternehmen technische Raffinessen; von Software zur Stimmerkennung bis zur Handy-Lokalisierung.

Immer wieder landeten in den vergangenen Jahren Abhörprogramme in Ländern, deren Regierungen es mit den Menschenrechten nicht so genau nehmen. Nokia Siemens, einer der weltgrößten Hersteller von Telekommunikationstechnik, hatte 2008 beispielsweise Bauteile für ein Kontrollzentrum in Teheran geliefert. Mit deutsch-finnischem Know-how war das Regime in der Lage mitzuverfolgen, was seine Bürger im Internet anschauen und wer welche E-Mails schreibt. Eine Sprecherin von Siemens dementiert nicht, sondern schreibt: Die Firma sei aus dem Geschäft mit Technik zur Netzwerküberwachung »im März 2009 ausgestiegen«. Man biete »diese Technik nicht mehr und damit auch keinem Land mehr an«.

Im vergangenen Monat wurde auch bekannt, dass Software der deutschen Firma Utimaco über einen italienischen Geschäftspartner nach Syrien gelangt ist. Utimaco-Manager Malte Pollmann beteuerte aber gegenüber dem Nachrichtenmagazin Spiegel , es sei nur eine Testversion geliefert worden, die nie eingesetzt worden sei. Die Geschäfte mit dem italienischen Partner seien vorerst eingefroren. Er habe »verdammt noch mal kein Interesse daran, dass unsere Technik in Syrien eingesetzt wird«. Seit März kämpft der dortige Präsident Baschir al-Assad mit Aufständischen, verfolgt und foltert seine politischen Gegner. Laut UN sollen bisher 4.000 Menschen ums Leben gekommen sein.