Noch aus einem weiteren Grund zeichnen die Zahlen ein unrealistisches Bild. Selbstständige ermitteln ihr Einkommen dadurch, dass sie von ihren Einnahmen ihre betrieblichen Ausgaben abziehen. Unter diesen Ausgaben finden sich fast immer auch Kosten, die mit dem Beruf wenig zu tun haben und mit privaten Vorlieben viel. Teure Autos etwa. Möbel und Kunstwerke, die fürs Büro angeschafft wurden, aber in der Privatvilla stehen. Restaurantbesuche, die als Geschäftsessen verbucht werden. Urlaubsreisen, die sich durch einen kleinen Umweg zu Dienstreisen umwidmen lassen.

Bei der Einkommensteuer gibt es für die Gerissenen und Kundigen zahlreiche illegale, halblegale und legale Umgehungsmöglichkeiten. Die Steuer ist, wie der emeritierte Kölner Steuerprofessor Joachim Lang schreibt, »zu einer Dummensteuer degeneriert, die jene am stärksten trifft, die am schlechtesten informiert oder beraten sind oder die der Besteuerung wie zum Beispiel Lohnsteuerzahler am wenigsten ausweichen können«.

Das spiegelt sich in den Zahlen wider. Mehr als die Hälfte der Einkommensteuer wird von Menschen aufgebracht, die weniger als 80.000 Euro im Jahr verdienen. Den größten Teil dieser Steuer zahlt dann doch die Masse.

Dass andererseits Millionen Arbeitnehmer kein oder kaum Geld an den Staat abführen, hat seinen Grund darin, dass ihre Einkommen gerade so ausreichen, um das Existenzminimum abzudecken. Diesen Mindestbedarf eines Bürgers darf ein Staat nicht besteuern, daran hat das Verfassungsgericht die Politiker mehrfach erinnert. 30 Prozent der Steuerpflichtigen verdienen weniger als 11.000 Euro im Jahr, bei ihnen ist nichts zu holen.

Die Geschichte von den stark besteuerten Reichen wird noch fragwürdiger, wenn man die Tatsache einbezieht, dass die Lohn- und Einkommensteuer nur eine unter vielen Steuern ist – und nicht einmal mehr die wichtigste.

Bund und Länder nahmen im vergangenen Jahr 489 Milliarden Euro an Steuern ein, davon entfielen nur 159 Milliarden auf die Lohn- und Einkommensteuer, also weniger als ein Drittel. Mit 180 Milliarden Euro brachte die Mehrwertsteuer mehr ein.

Die Mehrwertsteuer zahlt jeder, der etwas kauft. Sie trifft sogar Kinder. Niemand kann ihr ausweichen, denn die Steuer ist in den Preisen enthalten. Für Millionäre gilt derselbe Steuersatz wie für Bettler: 19 Prozent im Allgemeinen, sieben Prozent bei Nahrungsmitteln und einigen anderen Gütern.

Während bei der Einkommensteuer die Gutverdiener stärker herangezogen werden, ist es bei der Mehrwertsteuer umgekehrt. Menschen mit niedrigen Einkommen geben, verglichen mit den Besserverdienenden, einen größeren Teil ihres Geldes aus. Von ihrem Einkommen führen sie deshalb einen höheren Anteil in Form der Mehrwertsteuer ab als Reiche, die einen Teil ihres Geldes nicht benötigen und sparen können.

Mit der Stromrechnung subventionieren Mieter gut situierte Hauseigentümer

Andererseits werden Lebensmittel mit einer niedrigeren Steuer belegt, und Mieten sind sogar steuerfrei. Bei Menschen mit kleineren Einkommen entfällt ein größerer Teil ihrer Ausgaben auf das Lebensnotwendige, sie profitieren von dieser Steuerermäßigung daher stärker als die Besserverdienenden.

Der Fiskus holt sich sein Geld aber noch auf etlichen anderen Wegen. Zum Beispiel über die Tabaksteuer. Sie ist die unsozialste unter den Steuern. Im Schnitt trifft sie die Armen und Arbeitslosen stärker als die Beschäftigten, denn unter ihnen finden sich erheblich mehr Raucher. Sie zahlen heute mit jeder Schachtel, die 4,90 Euro kostet, 3,58 Euro in die Staatskasse. Und bald ist es noch mehr: Bis 2015 soll die Tabaksteuer jedes Jahr um vier bis acht Cent pro Packung steigen – der Staat holt sich also noch mehr Geld von armen Süchtigen und süchtigen Armen.

Mit einem Aufkommen von 13,5 Milliarden Euro ist die Tabaksteuer keine Bagatellsteuer – sie bringt dem Fiskus fast dreimal so viel wie die Erbschaftsteuer. Die Raucher tragen zur Staatsfinanzierung auch mehr bei als die Aktionäre mit ihren Steuern auf Dividenden.