Wettlauf am SüdpolHelden wie ihr

Als es bei Reisen zum Südpol noch um Leben und Tod ging: Drei Bücher zum 100. Jahrestag des historischen Wettlaufs von Scott und Amundsen von Wolfgang Albers

Die letzten Meter zerrten an den Nerven. Der Norweger Roald Amundsen und seine Begleiter spähten angespannt umher, als sie sich am 14. Dezember 1911 dem 90. Breitengrad Süd näherten. Aber die antarktische Eisfläche war weiß und leer – keine menschlichen Spuren in Sicht, keine englische Flagge. Damit war klar: Die Norweger hatten das Rennen gewonnen.

Der Wettlauf zum Südpol zählt zu den bekanntesten Epen der Expeditionsgeschichte. Was auch damit zu tun hat, dass – anders als üblich – nicht die Sieger allein den Ruhm einstrichen. Zu Helden wurden vor allem die Verlierer: Der Brite Robert Scott und seine Männer, die einen Monat später den Pol erreichten und auf dem Rückmarsch entkräftet starben. Robert Scott , ein besessener Schreiber, hatte das Drama bis in die letzten Stunden protokolliert und der Nachwelt dessen Deutung gleich mitdiktiert: »Diese Reise hat gezeigt, dass Engländer Entbehrungen ertragen können, sich gegenseitig helfen und dem Tod mit einer solchen Größe gegenübertreten wie eh und je.« Das Empire, längst im Niedergang begriffen, nahm die patriotische Steilvorlage zu Hause begeistert auf: »Das ist der Charakter von Männern, die Imperien aufbauen«, schrieb die Times .

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Immer wieder ist die dramatische Eroberung des Südpols beschrieben worden. Natürlich sind auch zum einhundertsten Jahrestag neue Publikationen erschienen. Zwar ist die Chronik der Ereignisse längst bekannt. Doch spannend bleibt, wie die Rolle der Protagonisten bewertet wird. Was waren das für Menschen, die ins Eis zogen? War Robert Scott tatsächlich ein Held? Oder eher ein Dilettant, wie neuere Biografien nahelegen? Und der auf Fotos stets finster dreinblickende Amundsen – war er tatsächlich so hinterhältig, wie ihn die britische Presse zeichnete?

Mit seinem Buch Das Eis und der Tod nimmt der Historiker und Autor Christian Jostmann seine Leser direkt mit ins Eis. Atmosphärisch dicht arrangiert er sein Material zu einem historischen Roman, der zwar kein eindeutiges Urteil über die handelnden Personen fällt, eine klare Lesart aber dennoch nahelegt. Jostmann schildert das Leben in den Expeditionslagern, wo die Männer mitunter nicht weniger heftig um die Rangfolge kämpfen als die Hunde in ihren Rudeln. In seinen Charakterzeichnungen geht Jostmann weit über die übliche Fixierung auf Scott und Amundsen hinaus, lässt Randfiguren zu Wort kommen, arbeitet mit Ortswechseln und Rückblenden: Ein junger Norweger träumt von unerfüllter Liebe zu einem Eskimo-Mädchen, Pinguine und Orcas bekriegen einander an der Eiskante der Antarktis, während Kathleen, Robert Scotts Frau, über die Gattinnen der anderen Offiziere herzieht.

Jostmann entwirft ein packendes Panorama der Welt im Eis, in der die Norweger durch Effizienz bestechen, auf Erfolg aus sind, gerade auch auf den wirtschaftlichen, und einen gnadenlosen Führungsstil verfolgen. Im Vergleich zu ihnen wirken die Engländer eher wie romantische Pfadfinder, die Heldengedichte lesen, ihre Schlitten mit eigener Muskelkraft über das Eis zerren, im Vertrauen auf die eigene Fähigkeit im Überlebenskampf gegen die Natur, und die am Ende beinahe ritterlich in den Tod gehen. Da fällt die Wahl beim Verteilen der Sympathiepunkte nicht schwer.

Als klassisches Sachbuch ist dagegen 77° Süd angelegt, verfasst von einem Antarktis-affinen Autorenpaar. Kari Herbert, deren Vater selbst weite Teile der Antarktis kartografiert hat, und Huw Lewis-Jones, früher Kurator am Scott Polar Research Institute in Cambridge. Ihr Band spannt einen weiten Bogen von James Cooks Südpolarforschung bis in die Gegenwart. Viele gute Illustrationen, eine kommentierte Zeittafel, Originalquellen, Beiträge von Gastautoren und interessantes Hintergrundmaterial wie der Beitrag über den Scott-Kult nach seinem Tod fügen sich zu einem informativen Sammelband (der allerdings stellenweise schlampig lektoriert ist).

Leserkommentare
    • hermie9
    • 13. Dezember 2011 16:22 Uhr

    "Pinguine und Orcas bekriegen einander an der Eiskante"???
    Wie sollen denn die Pinguine das machen, bitteschön???

  1. 2. These

    Ich möchte einmal die These in den Raum stellen, dass Amundsen erfolgreich war, weil er bereit war, von Inuit und Lappen als Experten für die Eiswildnis zu lernen, während Scott scheiterte, weil für ihn ein zivilisierter Engländer nichts von "Wilden" zu lernen brauchte.

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    Diese These haben schon Hunderte vor ihnen "in den Raum gestellt". Teilweise mit guten Begründungen, oft jedoch viel zu oberflächlich.

    Scott scheiterte wenige Kilometer vor dem rettenden Lager. Wäre er wirklich ein unverbesserlicher "zivilisierter Engländer" ohne Anpassungsbereitschaft gewesen, wäre vermutlich deutlich früher Schluss gewesen.

    • kyon
    • 14. Dezember 2011 23:50 Uhr

    Hat der "Held" Amundsen bei den Inuit und Lappen auch gelernt, die so überlebenswichtigen und mit dem Menschen so eng verbundenen Schlitthunde zu verspeisen?

    • dojon
    • 15. Dezember 2011 10:17 Uhr

    Daß die Urbewohner der Arktis mit ihren Tieren nämlich immer so umgingen, wie sich daß ein westlicher Hundeliebhaber, dem der "gute Wilde" im Kopf herumspuckt, vorstellt, ist nämlich nichts vermutlich ein Mythos. Reisende des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts berichten, daß die Ureinwohner fast durchwegs ziemlich roh mit ihren Hunden umgingen.Als einer unter vielen sei hier genannt. Tete-Michel-Kpomassie: ein Afrikaner in Grönland. Das Buch ist sehr naiv, aber vermutlich deshalb durchaus zutreffend, vor allem da der Schreiber nicht den europäischen Mythos vom guten Wilden in seinem geistigen Gepäck mitschleppt.

  2. 3. Nun...

    Diese These haben schon Hunderte vor ihnen "in den Raum gestellt". Teilweise mit guten Begründungen, oft jedoch viel zu oberflächlich.

    Scott scheiterte wenige Kilometer vor dem rettenden Lager. Wäre er wirklich ein unverbesserlicher "zivilisierter Engländer" ohne Anpassungsbereitschaft gewesen, wäre vermutlich deutlich früher Schluss gewesen.

    Antwort auf "These"
  3. scott ist ein denkmal ist ein denkmal ist ein denkmal.

    an dessen heldenhaftigkeit zu zweifel scheint bereits so etwas wie ein verbrechen darzustellen.
    sollte es tatsächlich gegen die guten sitten verstoßen einen menschen der durch sein fehlverhalten den tot seiner gefolgsleute zu verantworten hat, die ehrhaftigkeit seiner handlungen und seinen heldenstatus abzusprechen?

    leider wird in praktisch jeder entsprechenden berichterstattung scott als der heldenhaft und ehrenhaft gescheiterte dargestellt. wie auch im gegenständlichen bericht.

    ich persönlich hege wenig sympathie für diesen menschen und sein verhalten.

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    • TDU
    • 15. Dezember 2011 17:30 Uhr

    Nicht gleich beleidigt sein. Noch mal gefragt: Was wusste Scott damals, was seine Leute nicht wussten? Man sollte kritisieren und verurteilen nach den Masstäben der damaligen Zeit.

    Dass nach heutigen Massstäben die Erben der Angehörigen die Erben Scotts verklagt hätten ist klar. Für Königin und Vaterland ginge sowieso nicht. Und wenn Abenteuer dann mit sicherem Ausgang.

    Wer scheitert, muss vorwerfbare Fehler gemacht haben. Deswegen gilt ja heute auch nur der Erfolgreiche was. Auch wenn natürlich der böse Erfolgsdruck verdammt wird.

    • kyon
    • 14. Dezember 2011 23:50 Uhr

    Hat der "Held" Amundsen bei den Inuit und Lappen auch gelernt, die so überlebenswichtigen und mit dem Menschen so eng verbundenen Schlitthunde zu verspeisen?

    Antwort auf "These"
    • dojon
    • 15. Dezember 2011 10:17 Uhr

    Daß die Urbewohner der Arktis mit ihren Tieren nämlich immer so umgingen, wie sich daß ein westlicher Hundeliebhaber, dem der "gute Wilde" im Kopf herumspuckt, vorstellt, ist nämlich nichts vermutlich ein Mythos. Reisende des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts berichten, daß die Ureinwohner fast durchwegs ziemlich roh mit ihren Hunden umgingen.Als einer unter vielen sei hier genannt. Tete-Michel-Kpomassie: ein Afrikaner in Grönland. Das Buch ist sehr naiv, aber vermutlich deshalb durchaus zutreffend, vor allem da der Schreiber nicht den europäischen Mythos vom guten Wilden in seinem geistigen Gepäck mitschleppt.

    Antwort auf "These"
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    • kyon
    • 15. Dezember 2011 12:13 Uhr

    Gehört bei den Ureinwohnern der Arktis bei der "rohen Behandlung ihrer Hunde" auch dazu, dass sie sie verspeisen?
    Das wäre für mich eine neue Information. Wissen sie darüber(!) etwas?

    • kyon
    • 15. Dezember 2011 12:13 Uhr

    Gehört bei den Ureinwohnern der Arktis bei der "rohen Behandlung ihrer Hunde" auch dazu, dass sie sie verspeisen?
    Das wäre für mich eine neue Information. Wissen sie darüber(!) etwas?

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    • dojon
    • 15. Dezember 2011 15:39 Uhr

    Die Regel war das sicher nicht. Ein gutes Hundegespann muß aufwendig trainiert werden, Hunde zu verspeisen, kam sicher genau so selten vor, wie man in unserer Kultur Pferde schlachtete und as. Leider war die Lebensmittelversorgung in der Arktis nicht immer garantiert, und in extremen Notzeiten, die gar nicht so selten waren, kam es durchaus vor, daß man Hunde, (wahrscheinlich die, die man nicht mehr so wirklich brauchen konnte zuerst,) verspeiste. In solchen Zeiten ließ man übrigens auch alte Verwandte zurück, um das Überleben des Clans zu sichern. Ich kann mich flüchtig erinnern, mal was darüber gelesen zu haben, bitte aber um Entschuldigung, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, das war vor 20 Jahren. Wie gesagt, ich bin Vielleser, aber der Arktis gehörte nicht gerade mein spezielles Interesse. Aber wenn sie gezielt googeln, müßten sie was dazu finden.

    • dojon
    • 15. Dezember 2011 15:48 Uhr

    Suche sie mal ein bischen. Zur Altentötung bei den Eskimos habe ich ziemlich sofort was gefunden.

    • dojon
    • 15. Dezember 2011 15:39 Uhr

    Die Regel war das sicher nicht. Ein gutes Hundegespann muß aufwendig trainiert werden, Hunde zu verspeisen, kam sicher genau so selten vor, wie man in unserer Kultur Pferde schlachtete und as. Leider war die Lebensmittelversorgung in der Arktis nicht immer garantiert, und in extremen Notzeiten, die gar nicht so selten waren, kam es durchaus vor, daß man Hunde, (wahrscheinlich die, die man nicht mehr so wirklich brauchen konnte zuerst,) verspeiste. In solchen Zeiten ließ man übrigens auch alte Verwandte zurück, um das Überleben des Clans zu sichern. Ich kann mich flüchtig erinnern, mal was darüber gelesen zu haben, bitte aber um Entschuldigung, ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, das war vor 20 Jahren. Wie gesagt, ich bin Vielleser, aber der Arktis gehörte nicht gerade mein spezielles Interesse. Aber wenn sie gezielt googeln, müßten sie was dazu finden.

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