"Tschick" als TheaterstückDie Walachei ist überall

Wie magische Orte aus dem Nichts entstehen: Wolfgang Herrndorfs "Tschick" am Deutschen Theater Berlin. von Eva Biringer

Alles, was es braucht, um einen Ort Wirklichkeit werden zu lassen, sind acht leuchtende Buchstaben. Quer über die mit dürren Kakteen und kümmerlichen Grashalmen bewachsene Bühne verläuft ein Hollywood-artiger Schriftzug aus Glühbirnen, der sie verheißungsvoll als »Walachei« ausweist. Zwei einsame Gitarren warten darauf, bespielt zu werden. Wie dieser Nicht-Ort (Bühne: Rimma Starodubzeva) mit Leben gefüllt wird, liegt ganz in den Händen und Worten der beiden Schauspieler.

Wolfgang Herrndorfs hochgelobter Roman Tschick erschien 2010. Nach der Uraufführung am Staatsschauspiel Dresden im November diesen Jahres haben ihn gleich mehrere Theater auf ihren Spielplan genommen. Im Deutschen Theater Berlin bearbeitet Alexander Riemenschneider den heiter-ernsten Jugendroman in der Bühnenfassung von Robert Koall. Sein Protagonist Maik ist ein wohlstandsverwahrloster Außenseiter, der zwischen Swimmingpool und Playstation seiner Schwärmerei für die Klassenqueen Tatjana Kosic nachhängt. Am ersten Tag der Sommerferien bekommt er Besuch von Andrej, genannt Tschick, russischer Klassenneuzugang mit Alkoholproblem. In der Einfahrt des elterlichen Anwesens parkt Tschick einen himmelblauen Lada (geliehen, nicht geklaut!) und überredet Maik, loszufahren. Wohin? »In die Walachei«, sagt Tschick. »Die Walachei gibt’s nicht«, sagt Maik. Für ihn ist das ein Fantasieort, so wie »Jottwehdeh«, »Pampa« oder »Dingelskirchen«. Tschick sagt, sein Großvater wohne »irgendwo am Arsch der Welt in einem Land, das Walachei heißt. Und da fahren wir jetzt hin.« Es ist das alte Spiel mit der Imagination: Nur weil du einen Ort nicht gesehen hast, heißt das nicht, dass es ihn nicht gibt. Riemenschneider entwirft auf der winzigen Bühne der Box im Deutschen Theater mit sparsamen Mitteln eine Minimalutopie, fast ausschließlich mit der Kraft des gesprochenen Worts. Die meisten Requisiten bleiben der Fantasie des Zuschauers überlassen, mit Ausnahme weniger konkreter Gegenstände wie dem Schlauch, mit dem die Protagonisten Benzin klauen oder dem Schälchen mit »irgendwas Schaumigem, Weißem mit Himbeeren drauf«, das Belohnung ist für ein abstruses Frage-Antwort-Spiel. Vertont wird diese imaginäre Bilderflut von einem lonely man in adrettem Cowboykostüm (Arne Jansen), der geduldig am Bühnenrand der Lieder harrt, die da kommen. Einmal greift Thorsten Hierse als Maik selbst zur Akustikgitarre. Mit ergreifendem Pathos, in seiner dilettantischen Entschlossenheit eine Reminiszenz an Rainald Grebe, beklagt er den Umstand, nicht zur Geburtstagsfeier seiner Angebeteten eingeladen zu sein.

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Mit Sven Fricke teilt er sich gekonnt die Darstellung fast aller Figuren des Romans, meistens aber sind es Maik und Andrej, die das Wort haben – sie beherrschen den Sprachduktus der Jugendlichen, ohne beim Zuschauer Fremdscham auszulösen. So, wie sie da stehen, in ihrer Casual-Uniform aus Jeans und Sneakers, so adoleszent-unbeholfen, wie man sich eben fühlt als 14-Jähriger, der nicht weiß, wohin mit seinen Händen, vergisst man schnell, dass es sich um erwachsene Männer handelt. Oder, im Fall von Isa, der einzigen Figur neben Maik und Tschick, die nicht nur in der dritten Person existiert, um eine erwachsene Frau. Als Mädchen von der Müllkippe bittet sie Maik darum, ihr die Haare zu schneiden, legt dabei keck die Hand auf sein Knie und verschwindet so plötzlich, wie sie gekommen ist. Natalia Belitski gibt ihrem kurzen Auftritt denselben souveränen Habitus jugendlicher Sorglosigkeit wie ihre Kollegen.Weil sich die drei wünschen, dass etwas von ihnen die Zeit überdauert, malt Tschick mit einem dicken Pinsel ihre Initialen an die Bühnenwand. Ein wenig melancholisch schauen sie der Farbe beim Trocknen zu. Ob sie sich in fünfzig Jahren noch aneinander erinnern werden? Es ist der einzige Moment des Abends, in dem die Sorglosigkeit einer unruhigen Vorahnung Platz macht, das Vage einer konkreten Zukunft weicht und in den Gesichtern der Schauspieler eine Vorstellung vom Erwachsensein liegt.

Herrndorfs Protagonisten schaffen es am Ende nicht in die Walachei. Für sie spielt das keine Rolle. Wichtig für Maik ist, dass er die Frage seiner Mutter nach den grundsätzlichen Dingen im Leben nach seiner Reise ein bisschen besser beantworten kann. Und der Zuschauer? Der staunt wie ein Kind darüber, wie das gehen kann, dass Orte aus dem Nichts auftauchen, Klassenzimmer, Schluchten, Autobahnraststätten, wie eine ganze Welt Platz findet auf einer kleinen Bühne mit ein wenig Sand und acht leuchtenden Buchstaben.

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