Wenn ich behaupte, dass zu viel Champagner getrunken wird, könnte man das für die etwas plumpe Metapher einer Autorin halten, die auf den Occupy-Trend aufspringt und auch in einer dem Alkohol gewidmeten Kolumne etwas Gesellschaftskritisches sagen möchte. Aber so ist es nicht. Wir trinken wirklich alle zu viel Champagner, nicht im übertragenen Sinne. Wo man hingeht, Vernissage, Empfang, Abendessen, überall gibt es Champagner, als gäbe es keine anderen Drinks mehr auf der Welt.

Kürzlich ging ich zu einem Ball – ich sage nicht, welcher, weil man nicht unhöflich über seine Gastgeber spricht –, bei dem man mit Champagner abgefüllt wurde. Champagner ist ein Alkohol, der Frauen keine Angst macht, weil er teuer ist, sauber prickelt und oft sogar rosa ist. Und wenn die Drinks umsonst sind, trinken die Leute sowieso viel mehr, als sie vertragen. Ich kenne das von Diäten: Ich denke, Gipfel weiblicher Irrationalität, der Schokokeks hätte weniger Kalorien, wenn ich ihn von jemandem geschenkt bekommen habe. Nur weil ein Kellner den Champagner umsonst ausschenkt, heißt das nicht, dass der Drink nicht seine fiesen Nebenwirkungen entfaltet, das heißt: rote Bäckchen und zu viel Luft im Magen. Kann sein, dass ich etwas übersehe, aber ich halte Champagner höchstens für ein passables Getränk.Der Ball war mein allererster Ball. Ich war quasi eine Debütantin. Allerdings bin ich nicht mehr 18, sondern in einem Alter, in dem man sich zu fragen beginnt, was altersgemäße Kleidung ist. Und meine Garderobe ist nicht wie die einer Debütantin darauf ausgerichtet, dass ein Mann mich erblickt und sofort um meine Hand anhalten will. Meine Garderobe ist einerseits praktisch und enthält andererseits Elemente, die alle Männer, die ich kenne, absolut bescheuert finden: Keilabsätze, sackartige Hosen, Glitzerballerinas, Mode eben.

Ein Modelabel erklärte sich freundlicherweise bereit, mir ein Kleid zu leihen, und zwar gegen eine Gebühr, die so hoch war wie in meiner naiven Vorstellung der Kaufpreis eines Kleides. Kein guter Deal. Zumal mein Begleiter sich von der kühlen Privatklinik-Atmosphäre im Showroom überhaupt nicht beeindrucken ließ. Als ich ein Abendkleid anprobierte – hohe Taille, aus der Unmengen von Stoffbahnen zu Boden flossen –, fragte er: Stehst du auf einer Bierkiste? Tatsächlich sah ich aus wie eine Opernsängerin, aber not in a good way.

Ich trug schließlich ein Cocktailkleid, also knielang, und fühlte mich rebellisch. Eine Debütantin zeigt Knie, hatte man so etwas schon gesehen? Es ist so einfach, sich als Frau rebellisch zu fühlen. Ein Model, das Schokoriegel isst, eine dunkelhaarige Nachrichtensprecherin, eine Romanautorin, die sich nicht die Achseln rasiert, eine Frau, die Whiskey statt Champagner trinkt – so selbstbewusst, die Frauen heute!