Schuldenkrise : Jetzt mal ehrlich!

Deutschland trägt eine moralische Verantwortung für die Krise. Das sollte es zugeben, finden die Iren.
Menschen in der Fußgängerzone von Dublin © PETER MUHLY/AFP/Getty Images

Neulich, bei einer Familienfeier in Irland, sagte einer meiner Cousins: »Dein Deutschland ist ein interessantes Pflaster geworden für Auslandskorrespondenten.« Er hatte mich noch nie auf meine Arbeit angesprochen.

Meine Arbeit, die sah bislang so aus: Als ich vor einem Jahrzehnt als Berlin-Korrespondent der Irish Times anfing, gaben gerade viele Auslandskorrespondenten ihren Job in Deutschland auf. Die Zeitungen, das Fernsehen, das Radio hatten das Interesse verloren an Deutschland – an der immer gleichen Story »Von der Einheitshoffnung zum Schlusslicht Europas«. Ich aber berichtete weiter über Deutschlands Rezession, über Lohnzurückhaltung und die Agenda 2010, entwarf für die Leser daheim ein krasses Gegenbild zu Irlands wirtschaftlichem Erfolg (man sprach damals noch vom »Keltischen Tiger«).

Heutzutage dagegen scheint fast jeder an Deutschland interessiert zu sein. Kollegen, die dieses Land seit zehn Jahren ignoriert haben, beeilen sich jetzt, Deutschlands neue Stärke zu erklären. Dabei bemühen sie aber einen falschen Vergleich. Deutschland wird als selbstsüchtiger Riese abgestempelt – weil die Berliner Republik im Gegensatz zu Bonner Zeiten nicht bereit ist, Blankoschecks zu unterschreiben. Geld? Gibt es nur noch gegen strenge Spar-Auflagen!

Derek Scally

34, ist Korrespondent der Irish Times in Berlin.

Ich versuche, ein anderes Deutschland zu zeichnen. Das geht in etwa so: Eine verunsicherte Bevölkerung ist nach einem Jahrzehnt des Sparens nicht mehr bereit, für den europäischen Exzess zu zahlen. Mit einer Bundeskanzlerin an der Spitze, die schnelle, oberflächliche Lösungen der Schuldenkrise ablehnt. Nein, Deutschland und Frau Merkel haben stattdessen die undankbare Aufgabe übernommen, die Wurzeln des Übels aus dem faulen Boden zu reißen: die Überschuldung der Euro-Staaten und die laxen Sanktionen für die Defizitländer.

Und es ist richtig. Viele Menschen in Irland und anderswo sind durchaus erleichtert darüber, dass die Bundeskanzlerin mit einer Schuldenbremse und anderen Werkzeugen die EU-Politiker zu einer nachhaltigeren Haushaltspolitik bewegen will.

Seit einem Jahr ist Irland EU/IWF-Programmland, also von Hilfsmilliarden abhängig. Obwohl die Auswirkungen schwer auf uns lasten, gibt es erfreuliche Fortschritte zu berichten. Während Berlin aber uns Iren als Bail-out-Musterknaben präsentiert, wachsen daheim Frust und Resignation darüber, dass Merkel noch nicht die ganze Wahrheit über die Euro-Krise ausspricht. Dazu würde nämlich ein Blick auf die Deutschen selbst gehören.

Sicher, die Iren sehen die Hauptschuldigen für die Kernschmelze des Euros durchaus bei sich zu Hause: Schuld sind sie selbst und ihre Immobilieninvestoren, die sich mit geliehenem Geld übernommen haben. Aber die eine Frage, die mir immer häufiger gestellt wird, lautet: Wissen die Deutschen eigentlich, wie leichtfertig ihre Banken und Rentenkassen mit ihrem Geld die Immobilienblase in Irland aufgepustet haben? Dass das ganze irische Volk quasi in finanzielle Sippenhaft genommen wurde, um unverantwortliche Kreditgeschäfte von, unter anderem, deutschen Banken und Rentenfonds zu garantieren?

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Kommentare

48 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Wenn das Pferd tot ist

steig ab.

Die Deregulierung und das Bankenkassino haben den Euro und Europa auf dem Gewissen. Wir haben kein Europa der Menschen sondern eins des Geldes.

Jetzt geht es darum das die Verantwortlichen die Rechnung tragen und nicht der kleine Steuerzahler oder Rentner und das Geld da abgeholt wird wo es die ganze Zeit hingeflossen ist, zu den Supereichen, den Hedgefonds und den Spekulanten und Heuschrecken.

"Dass das ganze irische Volk quasi in finanzielle Sippenhaft...

.... genommen wurde, um unverantwortliche Kreditgeschäfte von, unter anderem, deutschen Banken und Rentenfonds zu garantieren?"

Die Irren sollen sich nicht so haben. Die gleiche Erfahrung machten viele Länder. Amerikanische Steuerzahler bezahlten Verpflichtungen aus Derivaten der AIG an deutsche Institute aus, während die Deutschen durchsetzten, dass dies bei griechischen Anleihen nicht geschehen durfte.
Jedem ist klar, dass Deutschland über seinen Export auf dem Trittbrett die Programme zur Stabilisierung seiner Partner nach der Finanzkrise 2008 benutzte um selbst seine Ausgaben kleiner zu halten. Jeder weiß das.

Die Frage ist nur, was werden die Leute gegen dieses deutsche Verhalten machen. Immerhin spricht die deutsche Politik immer und immer wieder von Solidarität.

"Den Letzten beißen die Hunde"

heißt das Spiel im bestehenden Geldsystem. Langfristig sind die Zinsen / Kapitalrenditen immer deutlich höher als das Wirtschaftswachstum. Egal wie sehr der keltische Tiger sich abstrampelt, er wird mit dem Kapitaldienst nicht hinterherkommen. Insofern ist der Ablauf Verschuldung, Überschuldung, Enteignung vorgezeichnet.
Die deutsche Bevölkerung / die deutschen Eliten haben sich in dieser Beziehung ihren gesunden Instinkt bewahrt ("keine Schulden" als wichtige Sekundärtugend) im Gegensatz zu den Angelsachsen, den eine PR-Maschine tatsächlich eingeredet hat, dass man "sparen" kann, indem man immer mehr Schulden macht (Das "Sparen" übernimmt die kreditfinanzierte Immobilie, die von allein immer wertvoller wird). Auch auf das Märchen der "postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft", sind die Deutschen nicht hereingefallen.
Im bestehenden Wirtschaftssystem ist die Verschuldung die schärfste und effektivste Waffe der Eliten gegen den Staat und die breite Bevölkerung. Wer den Lockungen des kreditfinanzierten Blasen-Booms nachgibt, den beißen die Hunde.

"keine Schulden" als wichtige Sekundärtugend

Das ist so nicht ganz richtig. Um die Jahrtausendwende wurde das Schuldenmachen politisch instruiert. Hätten Sie sich vorstellen können, dass es 1980 Fernsehwerbung für "Handy ohne Schufa", "Fernseher auf Raten", "Reisekredite" und "Goldankauf" gegeben hätte?
Es war politische Agenda den Konsum durch Schulden anzureizen. Der einzige Grund, warum wird NOCH! keine Immobilienblase haben, ist die politisch Enteignung und Unterdrückung der arbeitenden Bevölkerung.

Aber dennoch ist Deutschland nciht minder pleite wie die anderne Pigs: Man hat wie ein Bezerker alles privatisiert. Man hat Schulden gemacht um die Wirtschaft zu befriedigen. 2 Milliarden. Und man hat die Schulden in Schattenhaushalte ausgelagert. Man hat den Binnenmarkt marodiert und die Schulden in die Zukunft verschoben (Pensionslasten, Altersarmut, Gesundheitsvorsorge, Bildung, etc.).

Mal eine Frage: wer hat mehr Schulden?

Jemand mit 100.000€ Schulden und einer Immobilie im Rücken oder jemand der 50.000€ Schulden hat, aber Zeitarbeiter und hohe Lebenshaltungskosten durch teuren Privatstrom, Privatwasser, Privatstraßenreinigung, privatetc. hat?

Und im Grundsatz ist die Sache: Das perverse Geldsystem wird sowieso kollabieren, das ist systemimmanent. Es ist nur ein Spiel darum, wer zuerst aufgibt. Als Belohnung gibt es jedoch nur die geringere Schande - denn eine Immobilie kann man nicht verschicken...

Relativ

Sie haben recht, ich habe mich da verkürzt ausgedrückt. Die Sekundärtugend der Sparsamkeit ist auch in deutschen Haushalten (privat und öffentlich) weitgehend auf der Strecke geblieben, allerdings weitaus weniger als in anderen Ländern. Das wird langfristig aus verchiedenen Gründen wenig nützen (wie ich in Kommentar 11 erläutert habe). Letztendlich prahlen die Deutschen momentan damit, dass sie vermutlich nach den anderen pleite gehen werden!

Der Autor hat recht

Natuerlich hat der Autor recht, man kann sich nur ueberschulden, wenn es einen Glaeubiger gibt, der dem Schuldner immer neuen Kredit gibt. Im Grunde genommen,sind beide schuld wenn es zum Ausfall der Rueckzahlung kommt, aber das passt den Menschen in DE eben nicht und Frau Merkel ganz besonders nicht. Um das zu verdeutlichen, 2007 wurden den Banken vorgeworfen, sie haetten leichtfertig Kredite vergeben, bzw. Derivate gekauft. Ganz klar der Glaeubiger war der Schuldige. Den Griechen wirft man jedoch vor sie haetten leichtfertig Kredite angenommen, wieder klar diesmal ist der Schuldner Schuld, nicht etwa die deutsche Exportindustrie, die Waren auf Pump verkauft hat. Das trifft die Deutschen ins Herz, wenn ploetzlich die Handelsbilanzueberschuesse eine Mitschuld an der Krise haben sollen. Da wird sogar jegliche Logik ueber Bord geworfen und man erhebt das staatliche Sparen zum Dogma, dass am besten alle Staaten umsetzen sollen, auch wenn dies rein logisch nicht moeglich ist. Spaetestens dann frage ich mich, ob Frau Merkel vielleicht den Verstand verloren hat, solchen oekonomischen Unfug auch noch in ein Gesetz giessen zu wollen. In Griechenland kann man doh sehr schoen beobachten was passiert, wenn man einfach drauflos spart, die oekonomische Situation wird noch schlechter als zuvor. Das haelt den Deutschen jedoch nicht davon ab, noch haerteres Sparen zu verlangen, ich frage mich wann man wohl zufrieden ist? Wenn die ersten Griechen verhungern und erfrieren?

"an Aufrichtigkeit mangelt es auf allen Seiten"

vor allem auf denen des Spiegels, Bild, Welt, SZ, Zeit.....

Nirgendwo wird ernsthaft diskutiert, dass der Euro die Wurzel allen Übels ist.

Stattdessen spricht von Solidarität und Verantwortung und verweist auf die gigantischen Vorteile die der Euro Deutschland gebracht haben soll. Das soll uns natürlich etwas wert sein.

Wir sollen gerne geben, denn der Euro ist die Friedenwährung und wir das Kriegsvolk.